WIESBADEN. Das Thema Flüchtlingskinder hat das Thema Inklusion aus den bildungspolitischen Schlagzeilen verdrängt. Das heißt aber nicht, dass die Probleme mit der Inklusion deshalb gelöst wären.
Im Gegenteil: Es ist unschwer vorherzusagen, dass der gewaltige Kraftakt, vor dem die Schulen mit der Eingliederung von 300.000 sprachförderbedürftigen und zum Teil traumatisierten Kindern und Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika aktuell stehen, das ohnehin schon unter Volllast knarzende Schulsystem ins Wanken bringen wird – wenn die Politik den Druck auf die Schulen, den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern voranzutreiben, nicht senkt. Jetzt wurde bekannt: Allein in Hessen haben 122 Schulen sogenannte Brandbriefe ans Ministerium geschickt. Sie sehen sich insbesondere nicht in der Lage, die Inklusion wie gewünscht umzusetzen.
Wenn eine Schule in einem so genannten Brandbrief meldet, dass sie überlastet ist und ihre pädagogischen Aufgaben nicht mehr erfüllen kann, dann ist das keine Kleinigkeit. Wir erinnern uns: 2006 geriet die Berliner Rütli-Schule im Problemstadtteil Neukölln bundesweit in die Schlagzeilen, weil sie der Gewalt auf dem Schulhof nicht mehr Herr wurde – und dies in einem Brief an die Senatsverwaltung mitteilte.
In den vergangenen Monaten wurden im Zusammenhang mit der Inklusion bundesweit mehrere Brandbriefe bekannt, in denen Schulen bekannten, dass sie die in sie gesetzten Ansprüche angesichts der zu knapp bemessenen personellen Ausstattung nicht erfüllen können. Die Dimension, die die Bewegung nun erreicht, ist bundesweit beispiellos: Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) musste jetzt auf eine Anfrage der SPD hin einräumen, dass es in seinem Bundesland 122 „Überlastungsanzeigen“ von Schulen gebe. Sie beklagten sich, so berichtet die „Frankfurter Rundschau“, dass sie mit dem gleichen Personal immer neue Aufgaben zu bewältigen hätten – Integration und Inklusion, kommentierte Noten oder zusätzliche Erhebungen des Lernstands.
Wohlgemerkt: Die meisten dieser Schreiben wurden vor Monaten verfasst, als noch kaum von Flüchtlingskindern die Rede war. Die Belastung dürfte sich durch die neue Situation, auch wenn bundesweit zusätzliche Lehrerstellen geschaffen werden, noch einmal drastisch verschärften.
Lorz habe dem SPD-Bildungspolitiker Christoph Degen gleichwohl geschrieben, bei den Beschwerden handele es sich allerdings nicht um Überlastungsanzeigen im juristischen Sinne, so heißt es. Es gehe in den Mitteilungen der Kollegien nicht „um Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes“. Außerdem seien „keine Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz und in den Schulräumlichkeiten enthalten“. Natürlich nicht: Es geht um Kapitulation. Die Kollegien hissen angesichts der Flut von Aufgaben die weiße Fahne – und fordern nur noch Entlastung. Konkret: eine Verringerung der Pflichtstunden sowie mehr Hilfe durch Sozialpädagogen, Psychologen und Förderschullehrer.
Der recht formale Kommentar des Ministers, der zudem auf eine angeblich numerisch gute Lehrerstellenversorgung verweist, bringt indes die GEW auf die Palme: „Er müsste als verantwortlicher Minister erkennen, dass das ein Aufschrei der Kolleginnen und Kollegen ist“, sagte Hessens GEW-Chef Jochen Nagel der Zeitung zufolge. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sei die Unterrichtszeit für Lehrer in Hessen besonders hoch. Es gebe aber „kein Bemühen der Landesregierung, die Belastung herunterzufahren“, beklagte Nagel.
Erst war es das Kollegium einer Gesamtschule aus dem hessischen Kassel, das sich mit einem Brandbrief in Sachen Inklusion an die Politik wandte. Dann wurden zwei weitere Fälle bekannt, in denen sich Schulen mit Hilferufen an ihre jeweiligen Bildungsbehörden wenden: In Berlin warnen Grundschulleiter eindringlich vor dem Scheitern der Inklusion. In Hamburg forderten Lehrer- und Elternschaft einer Stadtteilschule gemeinsam mehr Unterstützung. Tenor: immer mehr verhaltensauffällige Kinder und eine Lehrerschaft, die auf dem Zahnfleisch geht. News4teachers
Zum Bericht: Inklusion: Immer mehr Schulen kapitulieren – zwei neue Brandbriefe
