DÜSSELDORF. Die Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sehen immer häufiger, dass Schülerinnen und Schüler Probleme mit dem Handschreiben haben. Nordrhein-Westfalens Schulministerium kann offenbar trotzdem keinen Handlungsbedarf erkennen. Die Landesregierung plane nicht, solche Kompetenzen am Ende der 4. Klasse zu überprüfen, antwortete Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) jedenfalls in einer jetzt veröffentlichten Antwort auf eine Anfrage aus der FDP-Landtagsfraktion.
Laut einer Umfrage, die der Deutsche Lehrerverband (DL) im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, durchgeführt hatte, meinen vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. Sogar 83 Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler als Voraussetzung für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Nach Einschätzung der an der Umfrage beteiligten Lehrkräfte haben die Hälfte der Jungen (51 Prozent) und ein Drittel der Mädchen (31 Prozent) Probleme mit der Handschrift.
Mehr als 96 Prozent der Eltern – so ergab nun eine neue Umfrage – halten schreiben lernen mit der Hand heutzutage noch für wichtig, fast zwei Drittel davon sogar für sehr wichtig. Über 23 Prozent der Eltern stellen allerdings fest, dass ihre Kinder Probleme haben, mehr als 30 Minuten am Stück zu schreiben. Das wären hochgerechnet auf Deutschland 1,2 Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, die nicht ausdauernd leserlich und ohne Verkrampfungen schreiben können.
Sauklaue statt Schönschrift – ein Alarmzeichen also? Schulministerin Löhrmann sieht in den Umfragen „keine grundlegend neuen Erkenntnisse“. In der Regel würden die im Lehrplan festgelegten Kompetenzen am Ende der 4. Klasse erreicht – aller „in Einzelfällen wahrgenommenen Schwächen“ zum Trotz, heißt es in ihrer Antwort. Dies könne aber «mit angemessenem Aufwand» kaum wissenschaftlich valide erhoben werden. „Die Bewertung einer Handschrift unterliegt subjektiven Kriterien und individuellem ästhetischen Empfinden“, meinte die frühere Schulleiterin. Sie vertraue weiter den Lehrern.
Die wiederum erhoffen sich Unterstützung durch die Politik. Als Gegenmaßnahmen fordern jeweils drei Viertel (74 Prozent) der befragten Grundschullehrkräfte ein „Spezielles motorisches Schreibtraining“ sowie „Mehr Zeit zur Förderung im Unterricht“. An den weiterführenden Schulen sind dies 61 Prozent beziehungsweise 67 Prozent. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, forderte die Kultusminister der Länder auf, das Thema Handschreiben verstärkt in den Blick zu nehmen „Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen.“ Die Erzieherinnen und die Grundschullehrkräfte benötigten dafür angesichts der wachsenden Herausforderungen mehr Unterstützung.
Das Ministerium hält die Förderung der Schreibmotorik dagegen offenbar für Unsinn: Es sei das erklärte Ziel des Unterrichts nach dem bestehenden kompetenzorientierten Lehrplan, „Schreibfreude zu wecken und zu erhalten, nicht Übungen zu verordnen, die ohne inhaltlichen Bezug ausschließlich auf die Entwicklung der Schreibmotorik ausgerichtet sind“. News4teachers / mit Material der dpa
Zum Bericht: VBE – Handschrift ist wichtig für kindliche Entwicklung
