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Wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung – warum sich schon Grundschulen mit der Berufsorientierung auseinandersetzen sollten

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SIEGEN. Berufsorientierung ab der Grundschule – was für einzelne Personalchefs wie eine Traumvorstellung anmuten mag und was so manche Eltern in Sorge um die Zukunft ihrer Kinder sicher begrüßten würden, weckt bei den meisten Horrorvorstellungen. Warum es doch sinnvoll sein kann, die berufliche Orientierung bereits in den ersten Schuljahren systematisch zu betreiben, hat die Siegener Erziehungswissenschaftlerin Iris Baumgardt ermittelt.

Selten sind Kinder und Jugendliche so eindeutig in ihren Berufswünschen, wie noch in der Grundschule. Erst später wird der Blick auf die Arbeitswelt differenzierter, gehen die Vorstellungen von „Fußballstar“ und „Sängerin“ in realistischere Richtungen. Die Geschlechterorientierung schient dabei schon frühzeitig geprägt ,allen Bemühungen von Eltern traditionelle Geschlechterorientierungen aufzubrechen, zum Trotz.

Schon Grundschulkinder konstruieren sich über die Wahl eines in ihren Augen als ’weiblich‘ oder ‚männlich‘ assoziierten Berufs als Mädchen beziehungsweise Junge. Bild: Alexas_Fotos / Pixabay (CC0 Public Domain)

Die Top 20 der beliebtesten Ausbildungsberufe von Mädchen beinhalte keinen einzigen technischen Beruf, stellt etwa das Bundesinstitut für Berufsbildung im Jahr 2015 fest. Im Gegensatz dazu streben zwei Drittel der jungen Männer einen technischen Berufan, wie Industriemechaniker oder Kfz- Mechatroniker. Bei der Top 10 der Studiengänge gebe es ähnliche Tendenzen wie bei den Ausbildungen.

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Mädchen in die Wirtschaft, Jungen in die Technik: Die beliebtesten Berufe und Studiengänge

Fragt man nach den Ursachen, kann man auf eine Vielzahl von Forschungen zurückgreifen. Mangel an weiblichen Vorbildern, fehlende Praxiserfahrungen, Ungleichbehandlung und fehlende Kenntnisse über mögliche Anwendungsgebiete im echten Leben, nennt etwa die Microsoft Studie „The When & Why of STEM Gender Gap“, als Faktoren, die Mädchen davon abhalten, eine Karriere im MINT-Bereich zu starten. Auch an Ansätzen, frühzeitig die Gender-Orientierung bei der Berufswahl aufzuweichen, mangelt es nicht.

Microsoft-Studie: Mädchen können durch weibliche Vorbilder und mehr Praxiserfahrungen für MINT-Disziplinen begeistert werden

Wie Eltern und Lehrer mit den Berufswünschen von Grundschülern umgehen könne, hat die Siegener Erziehungswissenschaftlerin Iris Baumgardt untersucht. Sie hat über 400 Aufsätze von Grundschulkindern zu ihren Berufswünschen analysiert und mit ausgewählten Kindern Interviews geführt.

Dabei kam heraus: „Für viele Grundschulkinder ist die Berufswahl ein doing-gender-Prozess. Das heißt: Sie konstruieren sich über die Wahl eines in ihren Augen ’weiblich‘ oder ‚männlich‘ assoziierten Berufs als Mädchen beziehungsweise Junge“. Ganze Berufsbereiche würden vernachlässigt: Keiner der befragten Jungen träume von einem Beruf in der Pflege, kein Mädchen habe einen Beruf auf dem Bau genannt. „Die Berufs- und Arbeitswelt scheint bereits für Grundschulkinder eine ideale Bühne zu sein, um sich als Junge oder Mädchen zu beschreiben“, sagt Baumgardt
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Die berufliche Orientierung in der Grundschule solle dabei helfen, diese individuellen inneren Denkräume der Kinder auszuweiten, so die Erziehungswissenschaftlerin. Das Ziel liege nicht darin, aus jedem Jungen einen Erzieher und aus jedem Mädchen eine KfZ-Mechatronikerin zu machen, meint Baumgardt. Aber: „Es geht darum, zu vermeiden, dass Mädchen und Jungen ganze Berufsgruppen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit ausblenden.“

Hier seien Lehrkräfte und Eltern gefragt. Kinder könnten sich vor allem das vorstellen, was sie aus ihrem Leben kennen. In einem der Interviews, die Baumgardt mit den Grundschulkindern führte, berichtete ihr ein Mädchen, dass sie Kickboxerin werden möchte. „Sie kannte aber keine weibliche Kickboxerin. Deshalb sagte sie zu mir: ‚Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt Kickboxerin werden darf.‘“ Lehrerinnen und Lehrer könnten den Kindern Beispiele geben. Sie könnten eine weibliche KFZ-Mechatronikerin oder einen männlichen Erzieher in den Unterricht einladen, die den Kindern von ihrer Arbeit berichten.

„Es geht nicht darum, Kinder möglichst früh fit für die Leistungsgesellschaft zu machen beziehungsweise sie zu desillusionieren“, räumt Baumgardt mit möglichen Missverständnissen auf. Vielmehr sollten Eltern ihren Kindern einen Raum zum Träumen und Ausprobieren geben. „Für viele Kinder ist der Berufswunsch von großer Bedeutung. Den eigenen Lebensentwurf phantasievoll auszugestalten, übe auf die Kinder eine große Anziehung aus – und sowohl die Eltern als auch Lehrer könnten die Kinder behutsam dabei begleiten.

Baumgardt betont, dass für Eltern, die nicht selbst im deutschen Bildungssystem aufgewachsen sind oder dies erfolgreich durchlaufen haben, die Begleitung der Berufsorientierung ihrer Kinder eine besondere Schwierigkeit darstellen kann. So könnten ganz aktuell die Eltern von geflüchteten Kindern aber auch Eltern mit Migrationshintergrund nicht auf ihr eigenes Erfahrungswissen zur Berufsorientierung zurückgreifen. Vielmehr bestehe ein großer Informationsbedarf im Hinblick auf das deutsche Schul- und Ausbildungssystem. Gefragt seien hier die Lehrerinnen und Lehrer: „Sie können und sollen als Ansprechpartner und Wegweiser für berufliche Orientierungsprozesse fungieren – nicht nur, aber in besonderem Maße für Menschen, die das deutsche Bildungssystem nicht so gut kennen“, fordert Baumgardt. Für die Lehrerausbildung stelle sich damit aktuell die Herausforderung, die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer bereits während ihres Studiums auf diese Aufgabe vorzubereiten. (zab)

Berufswahl: Jungen orientieren sich am Vater, Mädchen an den Noten

 

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