BERLIN. Josef Kraus ist wohl Deutschlands bekanntester Pädagoge. Als Bestseller-Autor („Helikopter-Eltern“), Talkshow-Gast und „Bild“-Kolumnist scheut sich der mittlerweile pensionierte Schulleiter und langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbands nicht, seine Thesen pointiert vor einem Millionenpublikum auszubreiten. Kraus übergibt am 1. Juli das Amt an der Verbandspitze an den bisherigen Philologen-Chef Heinz-Peter Meidinger. In einer Feierstunde in Berlin wurde Kraus, der dem Deutschen Lehrerverband als Ehrenpräsident erhalten bleibt, nun gewürdigt. Er zog dabei selbst Bilanz – wir dokumentieren einen Auszug aus seinem Vortrag.
Von Josef Kraus
Die Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik tut – paradoxerweise reichlich angestrengt – so, als ob Schule immer nur cool sein müsse, damit sich Kinder doch ja nicht langweilten. Kindgemäßheit nennt sich so etwas. Man könnte es auch Infantilisierung über den Kindergarten hinaus nennen.
Mit am meisten zugeschlagen hat diese Art von Erziehung im Bereich der sprachlichen Bildung: …Sprachbarbarei ist daraus geworden:
– Klassiker in leichter Sprache,
– Teile der Rechtschreibreform,
– Grundschüler dürfen gegen jede Orthographieregel „phonetisch“ schreiben (Motto: „Wenn Falsches richtig ist.“),
– der mutter- und der fremdsprachliche Wort-„Schatz“ wurde drastisch gekürzt (von 1.100 auf 700),
– ein Auswendiglernen von Gedichten findet fast nicht mehr statt,
– Deutschprüfungen bestehen im Ankreuzen von Multiple-Choice-Aufgaben oder im Ausfüllen von Lückentexten.
Die Beispiele sind Legion.
Ich setze dagegen:
Bildung geht nur mit Anstrengung, Disziplin, Sorgfalt, Durchhaltevermögen, Selbstkritik, Wissensdurst. Die um sich greifende Gute-Laune-Pädagogik schadet unseren Kindern. Wir müssen Kindern wieder mehr zutrauen und auch mehr zumuten.
Dass pseudopädagogische Erleichterungsattitüden falsch sind, wussten Generationen von Eltern und Lehrern seit der Antike. Selbst ein Sigmund Freud, der bekanntermaßen vieles auf das Luststreben des Menschen zurückführte, war überzeugt: Leistung und Erfolg, ja das Erleben von Glück, setzen Bedürfnis- und Triebaufschub voraus.
Einer der großen Schriftsteller der Weltliteratur und einer der größten Analytiker menschlicher Psyche, Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, schrieb dazu: „Die ganze Pädagogik kennt jetzt nur noch die Sorge um die Erleichterung. Erleichterung ist aber keineswegs eine Förderung der Entwicklung, sondern im Gegenteil ein Verleiten zu Oberflächlichkeit.“
Moderne Pädagogik tut genau dies: Sie erzieht zur Oberflächlichkeit. Wenn etwas schwierig erscheint, dann denkt Pädagogik nicht darüber nach, wie man den Kindern das Schwierige beibringen könnte, sondern sie senkt die Ansprüche – anstatt eine Portion Durchhaltevermögen, Sitzfleiß und Dickschädeligkeit auch in Sachen Lernen zu fördern.
Trotzdem wurden Trieb-. und Bedürfnisaufschub, Leistung und Anstrengung vor allem von einer 68er-geprägten Pädagogik zu Missgunst-Vokabeln. Da ist im Zusammenhang mit Schule immer noch die Rede von „Leistungsstress“, „Leistungsdruck“, „Leistungsterror“.
Wer Leistung aber zur Missgunst-Vokabel macht, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft. Denn wer das Leistungsprinzip bereits in der Schule untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung, Geschlecht Kriterien zur Positionierung eines Menschen. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das Kriterium Leistung vor Erfolg und Aufstieg gesetzt. Das ist die große Chance zur Emanzipation für jeden einzelnen.
Jeder soll seines Glückes Schmied sein können. Mit Ellenbogengesellschaft hat das nichts zu tun. Vielmehr ist auch der Sozialstaat zugunsten Benachteiligter, Kranker und Alter nur realisierbar mit der millionenfachen Leistung und Anstrengung der Leistungsfähigen. Auch Sozialstaatlichkeit ist nur mit dem Leistungsprinzip machbar.
Auch im internationalen, im globalen Wettbewerb geht es nicht ohne Leistung. Wir sollten ansonsten auch froh sein, wenn wir leistungshungrige junge Spitzenleute für zukünftige Eliten haben.
Denn: Demokratie darf nicht zum Diktat des Durchschnitts werden. Eine zur Gleichheit verurteilte Gesellschaft wäre zur Stagnation verurteilt. Wer Elite legitimerweise sein kann, darüber gilt es zu streiten. Bloße Macht-Elite oder blanker Geldadel kann es nicht sein. Eine Leistungs- und Funktionselite muss es sein, die zugleich Reflexions-, Vorbild-, Verantwortungs- und Werte-Elite ist. Vor einem solchen Hintergrund ist selbst Ungleichheit gerecht – nämlich dann, wenn Elite allen nützt, wenn das Handeln von Eliten quasi zu einem „inequality surplus“, zu einem Mehrwert führt. Das Bildungswesen muss dazu einen Beitrag leisten, indem es Talente entdeckt und fördert.
