BERLIN. Was läuft bei der Erziehung schief? Die Debatte um verwöhnte und verzogene Kinder hat durch den Fall einer Dorfgrundschule in Sachsen-Anhalt, die ihrer Schüler nicht mehr Herr wird, neue Nahrung bekommen. Die Sechs- bis Zehnjährigen würden sich aggressiv und undiszipliniert behehmen und auf Zurechtweisung nicht reagieren, so lauten die Klagen des Kollegiums – und das ist mittlerweile keineswegs eine Ausnahme, wie viele Lehrer in der Diskussion auf News4teachers (auch auf unserem Facebook-Auftritt) bestätigen. Was lässt sich in der Schule tun, um verhaltensauffällige Schüler zu bremsen?
Unsere Gastautorin Katrin Meyer ist eine erfahrende Grundschulpädagogin, Schulleiterin und Prüferin der Qualitätsanalyse. Der Beitrag ist zunächst in der Ausgabe 1/2017 der Zeitschrift “Grundschule” erschienen.
Hier lässt sich das Heft bestellen oder einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).
Wissen, was zu tun ist!
Ein schulinternes Erziehungskonzept sorgt für Transparenz und bietet sowohl Lehrkräften als auch Schülern und Eltern einen Orientierungsrahmen.
„Wir gehen rücksichtsvoll und tolerant miteinander um.“ „An unserer Schule sollen sich alle wohlfühlen.“
Diese oder ähnlich formulierte Gedanken finden sich in vielen Leitbildern von Grundschulen. Damit wird neben dem Bildungsauftrag vor allen Dingen der Erziehungsauftrag der Schulen angesprochen. Aus dem Anspruch, einen Lern- und Lebensraum zu schaffen, in dem Regeln des respektvollen Umgangs miteinander gelten, leiten die Schulen in der Regel eine Schulordnung ab, die den Rahmen dafür bietet.
Der Beitrag ist der Ausgabe 1/2017 der Zeitschrift “Grundschule” mit dem Schwerpunkt “Unterrichtsstörungen effektiv begegnen” entnommen.
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Nach der Beschreibung der vielfältigen Probleme mit schwierigen Schülern (in Heft 10/2016) kommen darin Antworten auf die Frage nach den Konsequenzen: Was tun? Das Heft widmet sich der Prävention – und zeigt auf, wie eine Lehrkraft mittels geeignetem Classroom-Management verhindern kann, dass es gar nicht erst zu Verhaltensauffälligkeiten kommt. Darüber hinaus werden Fragen beantwortet wie: Welche Unterstützungssysteme gibt es? Wer ist eigentlich für was zuständig? Welche aktuellen Interventionsprogramme gibt es? Wie sanktioniert eine Lehrkraft im Notfall richtig?
Der Lern- und Lebensraum beinhaltet viele verschiedene Bereiche. Über die Schulordnung hinaus haben einige Schulen unter anderem Regeln für den Unterricht, die Pausen, Regenpausen, die Offene Ganztagsschule und Ausflüge aufgestellt. Dadurch entstehen lange Kataloge mit insgesamt zahlreichen Ge- und Verboten für die Schülerinnen und Schüler. Wie viele Regeln kann sich ein Kind im Grundschulalter überhaupt merken? Wie groß kann der Umfang höchstens sein, wenn eine Transparenz über die Regeln und die Konsequenzen bei Regelverstößen hergestellt werden soll? Denn Regeln machen nur dann Sinn, wenn sie bekannt sind, ihre Einhaltung überprüfbar ist und Konsequenzen bei Regelverstößen erfolgen. Ich möchte behaupten, dass viele Erwachsene sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, weil sie hohe Bußgelder befürchten, falls sie bei Übertretungen erwischt werden, und nicht weil sie den Sinn akzeptieren.
Unterschiede berücksichtigen
Im Rahmen der Diskussionen und Vereinbarungen zur individuellen Förderung sollen Lernvoraussetzungen und Leistungsstände berücksichtigt werden. Die Schulen treffen Rahmenvereinbarungen für die Differenzierung und schreiben diese in einem Förderkonzept für die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen fest. Genauso unterschiedlich wie die kognitiven Voraussetzungen, die die Schülerinnen und Schüler mitbringen, sind die sozialen Kompetenzen. Viele Kinder erfahren zu Hause keine Grenzen . Es gibt Familien, in denen kaum Regeln gelten oder auf deren Umsetzung nicht konsequent geachtet wird. Die Erfahrungen aus Elterngesprächen zeigen, dass es immer wieder Eltern gibt, die Hilfe und Beratung bei der Wahrnehmung ihrer Erziehungsverantwortung brauchen. Umso wichtiger ist es, einen Konsens herzustellen, aus dem hervorgeht: So wollen wir an unserer Schule zusammenleben und zusammen lernen. Leitbilder eigenen sich, um diesen Konsens deutlich zu machen. Eine Schulordnung kann als eine Art „Vertrag“ mit wenigen prägnanten Grundsätzen über den Umgang miteinander fungieren.
In einem weiteren Schritt werden Regeln für das Zusammenleben und zusammen Lernen abgeleitet. Sollen diese für die Schülerinnen und Schüler transparent und sinnvoll sein, gilt es, sie daran zu beteiligen. Viele Schulen entwickeln auf der Grundlage ihrer Leitbilder oder Schulordnungen Klassenregeln, die im Klassenverband vereinbart werden. Spannend zu hören sind die Erwartungen und Ansprüche der Schülerinnen und Schüler, wenn es um die Festlegungen von Konsequenzen bei Regelverstößen geht. Hier sind Kinder häufig wesentlich strenger als Erwachsene. Dies kann als Wunsch nach Klarheit und Eindeutigkeit verstanden werden.
Die Kollegien tun sich dagegen in der Regel schwer, einen einheitlichen Katalog über Konsequenzen bei Regelverstößen zu formulieren und umzusetzen. Das hat verschiedene Gründe. Ein wesentliches Argument besteht darin, dass – genau wie bei kognitiven Entwicklungsständen und Voraussetzungen – auch die Erfahrungen und Fähigkeiten, Regeln zu beachten, bei den Schülerinnen und Schülern eine große Spannbreite aufweisen. Hätte ich als Lehrerin mit einem Ampelsystem gearbeitet, das für alle Kinder absolut gleich gehandhabt worden wäre, wären bei einigen (wenigen) bereits in der ersten Unterrichtsstunde deutliche Sanktionen angezeigt gewesen. Diese hätten ihren Vorerfahrungen allerdings nicht entsprochen und hätten vor allen Dingen nicht dazu beigetragen, die Sozialkompetenz zu fördern. Wie also umgehen mit Regelverstößen?
Wichtig: Schülerbeteiligung
Um die Sinnhaftigkeit und Transparenz der Regeln und den Umgang mit ihnen zu erhöhen, können oder müssen die Schülerinnen und Schüler mit einbezogen werden. Klassenversammlungen oder Klassenräte könnten ein Forum sein, Regeln zu entwickeln und über Konsequenzen bei Regelverstößen zu verhandeln. Auch Verfahren wie die Streitschlichtung eignen sich, Wiedergutmachungen oder Entschuldigungen auszuhandeln. Dabei können auch persönliche Voraussetzungen der „Streitparteien“ angesprochen und berücksichtigt werden. Ein Schülerparlament kann an grundsätzlichen Vereinbarungen beteiligt werden.
Die Umsetzung eines Erziehungskonzepts gelingt dann am besten, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Ein Leitbild oder Grundsätze des Zusammenlebens bieten einen Orientierungsrahmen und geben Sicherheit. Das gilt sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen. Wenn Eltern diese Grundätze nicht teilen, wird die Kooperation schwierig oder sogar unmöglich. Aus diesem Grund entstehen an vielen Schulen diese Grundsätze unter Beteiligung aller schulischen Gruppen. Mir wurde bereits häufig von guten Erfahrungen mit der Unterzeichnung von sogenannten Erziehungsverträgen berichtet. Mit ihrer Unterschrift bekunden Eltern, Kinder und Lehrkräfte, dass sie die Schulordnung akzeptieren. Gleichzeitig können sich die Beteiligten in Konfliktsituationen auf den Vertrag berufen.
Vereinbarungen von Regeln, Verstärkersysteme, Mediationsmodelle oder das Aushandeln von Wiedergutmachungen kommen dann an ihre Grenzen, wenn zum Beispiel Straftaten begangen wurden oder therapeutische Maßnahmen erforderlich sind. In diesen Fällen muss die Schule Hilfe und Beratung von außerschulischen Partnern in Anspruch nehmen. Ein Erziehungskonzept kann dies zur Entlastung der Lehrkräfte und der Schulleitung deutlich machen. Hier drückt sich kein Kollegium vor der Verantwortung. Ganz im Gegenteil: Durch das Einschalten außerschulischer Experten, unter Beachtung der erforderlichen Verfahrensschritte- und Regelungen, wird Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler wahrgenommen. Zum einen geht es dabei um die Hilfe für das einzelne Kind, wenn alle anderen Möglichkeiten der Förderung der Konfliktfähigkeit und der Sozialkompetenz ausgeschöpft wurden. Zum anderen darf die Verantwortung für die Schulgemeinde und den sogenannten Schulfrieden nicht aus dem Blick verloren werden.
Fazit
Ein Erziehungskonzept legt die Grundsätze des Umgangs miteinander fest. Es bietet einen Orientierungsrahmen, sorgt für Klarheit und schafft somit Sicherheit für alle Beteiligten. Die Beteiligung, insbesondere der Schülerinnen und Schüler bei der Vereinbarung von Regeln, erhöht ihre Akzeptanz. Einheitliche Maßnahmenkataloge bei Regelverstößen können die persönliche Situation der Schülerinnen und Schüler nicht berücksichtigen. Hier können individuell ausgehandelte Konsequenzen das zielführendere Mittel sein. Gleichwohl muss klar sein: Wenn ich Quatsch mache, muss ich dafür gerade stehen. Nur so wird der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung Rechnung getragen und der Erziehungsauftrag ernst genommen.
