Wie ist es denn, als Lehrer in einer Brennpunkt-Schule zu arbeiten? Wir haben eine Schulleitung gefragt – die sagt: “Keiner ist hier Einzelkämpfer”

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DORTMUND. Seitdem in dieser Woche die Diskussion um wachsenden Antisemitismus unter muslimischen Schülern hochgekocht ist, richten sich immer mehr Blicke auf Brennpunktschulen, in denen die sozialen Probleme angeblich überhand nehmen. „Wir sprechen hier von Schulen mit einer Migranten-Quote von 70, 80, 90 oder gar 100 Prozent”, sagte etwa der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger – und warnte bereits “vor amerikanischen Verhältnissen”. Wie ist es denn, als Lehrer in einer solchen Brennpunkt-Schule zu arbeiten?

Anna Hückelheim, Redakteurin der Agentur für Bildungsjournalismus, hat mit der Schulleiterin und der Konrektorin der Grundschule Kleine Kielstraße im Dortmunder Norden gesprochen. Über 90 Prozent der Schüler dort haben einen Migrationshintergrund. Der Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Grundschule” erschienen. Hier lässt sich das Heft bestellen oder lassen sich einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).

Die Dortmunder Nordstadt gilt als Problembezirk. Foto: daniel zimmel / flickr (CC BY-SA 2.0)
Die Dortmunder Nordstadt gilt als Problembezirk. Foto: daniel zimmel / flickr (CC BY-SA 2.0)

„Alleine wäre das eine Wahnsinnsherausforderung“

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Julia Krippenstapel arbeitete bereits an der Grundschule Kleine Kielstraße, als diese 2006 den Deutschen Schulpreis erhielt. Nun ist sie die Schulleiterin und immer noch steht für sie und ihre Konrektorin Maren Reimann die schon damals leitgebende Frage im Mittelpunkt: „Was ist eine gute Schule für die Kinder, die hier aufwachsen?“

Welchen Einfluss hat der Standort Ihrer Schule auf den Schulalltag?

Julia Krippenstapel: Wir sind eine Schule in einem Stadtteil mit Erneuerungsbedarf. Hier treffen Faktoren wie hohe Arbeitslosigkeit und schlechter Wohnraum zusammen. Insofern ist diese Schule ein ganz wichtiger Ankerpunkt dieses Stadtteils. Im Zweifel ist sie der erste Ort, an dem Familien mit einer offiziellen Stelle in Kontakt kommen, weil es die Schulpflicht gibt, nicht aber eine Kindergartenpflicht. Deshalb: Wir sind zwar eine Grundschule, aber wir begleiten auch die Familien und machen ihnen Angebote, um sie zu integrieren.

Die Zeitschrift Grundschule

Der Text erschien zunächst in der Ausgabe “Im sozialen Brennpunkt” der Zeitschrift “Grundschule”. Hier lässt sich das Heft bestellen oder lassen sich einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).

Chancengerechtigkeit – ein schönes Wort, das viel verspricht. Aber vor allem an sogenannten Brennpunktschulen braucht es eigentlich Kollegien aus Superhelden, um “zum Abbau der sozialen Ungleichheiten beizutragen”, wie es der Bericht “Bildung in Deutschland 2016” fordert. Die Lehrkräfte, die in sozialen Brennpunkten unterrichten, brauchen stoische Gelassenheit und zugleich übersprudelnden Enthusiasmus. Sie sollen Teamplayer, Improvisationstalente und Seelsorger sein. Und selbst dann sind die Herausforderungen noch enorm.

In der Ausgabe werden Grundschulen vorgestellt, die bereits gute Konzepte entwickelt haben – allerdings ist auch von den Grenzen des Möglichen die Rede.

Die Integrationsarbeit, die Ihre Schule leistet, ist immer wieder ein Thema in den Medien. Welches sind die wichtigsten Punkte Ihres Konzepts?

Krippenstapel: Also, wir vertreten den Standpunkt, dass Integration zunächst über Sprache funktioniert. Insofern tauchen wir die Kinder in ein deutsches Sprachbad. Neu zugewanderte Kinder werden bei uns sprachlich begleitet, sind aber sofort in die normalen Regelklassen integriert.

Daneben gibt es viele weitere Angebote: Das Elterncafé zum Beispiel ist ein wichtiger Standort, wo Eltern mit anderen Eltern in Kontakt treten können und wo sie niedrigschwellige Angebote bekommen, wie Alphabetisierungskurse. Wir sind aber auch der Auffassung, dass wir sie weiter qualifizieren müssen. Deswegen bietet das Elterncafé unter anderem Erste-Hilfe-Kurse und Computerkurse an.

Mit den „Erdmännchen“ haben wir an der Schule außerdem eine Gruppe für Kinder aus flüchtlingsartigen Verhältnissen, die noch nicht eingeschult sind, die aber auch keinen Kindergartenplatz haben. Das alles ist möglich durch die enge Zusammenarbeit mit INFamilie. Solche Gruppen gibt es inzwischen in der gesamten Nordstadt. So erreichen wir die Kinder früher und nicht erst mit sechs Jahren. Es ist ganz wichtig, die Bildungsketten schon möglichst früh zu installieren.

Maren Reimann: INFamilie ist ein Netzwerk, das unsere Schule gemeinsam mit anderen Akteuren im Stadtteil gegründet hat. Ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Zusammenarbeit ist, dass wir uns gemeinsam für die Bildungsbiografie eines Kindes verantwortlich fühlen – und nicht immer nur für einen Teilabschnitt des Ganzen.

Wie setzt sich die Förderung im Unterricht fort?

Reimann: Generell gilt: Die Kinder arbeiten bei uns individuell, aber nicht alleine. Uns ist wichtig, dass sie die Zeit haben, wichtige Elemente in ihrem individuellen Lerntempo zu erreichen. Wir versuchen aber auch, sehr viele kooperative Lernmethoden einzubinden, um die Kinder untereinander in den Austausch zu bringen. Deswegen arbeiten wir viel mit kompetenzorientierten Kleingruppen. Sie ermöglichen der Lehrkraft auch, für die vier oder fünf Kinder der Klasse, die inhaltlich schon weiter sind als die anderen, etwas Neues einzuführen.

Krippenstapel: Intern arbeiten wir professionell zusammen und bereiten den Unterricht im Team vor, sodass wir der Vielfältigkeit an unterschiedlichen Leistungsstufen gerecht werden können. Keiner ist ein Einzelkämpfer. Jede Lehrkraft ist einem Team zugeordnet und muss ein bestimmtes Fach vorbereiten, das sie dem gesamten Jahrgang zur Verfügung stellt. So können wir auf einem hohen Niveau sehr differenziert unterrichten. Alleine wäre das eine Wahnsinnsherausforderung.

Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang die Schuleingangsphase?

Reimann: Eine große! Unser Motto ist: Alle Kraft in den Anfang. Das, was die Kinder am Anfang nicht lernen, können sie später nicht mehr aufholen. Insofern nutzen wir diese drei Jahre für sehr viele unserer Schüler. Nach zwei Jahren prüfen wir, ob das Kind wirklich das Leistungsniveau besitzt, damit es problemlos oder mit ein wenig Anstrengung in Klasse drei gut mitarbeiten kann – und zwar in allen Fächern! Wenn das nicht der Fall ist, verbleiben die Kinder drei Jahre in der Eingangsklasse. Diese Zeit können wir den Kindern geben, weil es keine Wiederholung ist, kein Sitzenbleiben. Durch das jahrgangsübergreifende Arbeiten haben sie die Möglichkeit, an der Stelle weiterzuarbeiten, an der sie sich inhaltlich befinden und müssen zum Beispiel nicht noch mal die Schreibschrift lernen, wie wenn sie wiederholen würden.

Sie arbeiten sehr eng mit den Eltern Ihrer Schülerinnen und Schüler zusammen. Inwiefern beeinflusst Ihr Engagement die Beziehung zu den Vätern und Müttern?

Reimann: Ich glaube, dass viele Eltern dadurch großes Vertrauen in unsere Schule haben und sich grundsätzlich erst mal willkommen fühlen. Wir versuchen, ihnen von Anfang an auf Augenhöhe und partnerschaftlich zu begegnen und ihnen zu vermitteln, dass wir gemeinsam die Verantwortung für den Schulerfolg des Kindes tragen. Das zeigt sich zum Beispiel nach der Einschulung im Zuge des veränderten Elternsprechtags. Dabei sollen die Eltern der Lehrkraft alles erzählen, was sie über die Tochter oder den Sohn wissen sollte. Die Eltern sind auch regelmäßig eingeladen, im Unterricht zu hospitieren und zu beobachten, was im Unterricht passiert und wo das eigene Kind gerade steht.

Krippenstapel: Vor der Einschulung sind nicht nur die Kinder aufgeregt, sondern auch die Eltern. Sie wissen, dass Bildung wichtig ist und wollen nur das Beste für ihr Kind. Nach der Anmeldung geben wir ihnen daher eine Rückmeldung, welchen Eindruck wir nach dem Schulspiel von ihrem Kind haben und wie sie es vor dem Schulstart noch unterstützen können. Für die Eltern aller Schulanfänger gibt es außerdem von Januar bis August einmal im Monat einen Elterngesprächskreis. Dort können sie Fragen stellen und wir geben Tipps zu verschiedenen Themen, wie etwa dem Medienkonsum. Dadurch entsteht schon ein Stück Verbindlichkeit. Die Eltern lernen sich kennen, sie tauschen sich aus und bekommen einen Zugang zur Schule. Natürlich gibt es Eltern, die wir nicht erreichen, das ist gar keine Frage. Aber wir machen uns auch die Mühe, dass wir nach einer schlecht besuchten Klassenpflegschaftssitzung am nächsten Tag anrufen und freundlich nachfragen: „Wo waren Sie denn?“ Das kostet Zeit, bringt im Endeffekt aber was.

Welche Herausforderungen birgt eine so enge Zusammenarbeit mit Familien und anderen Institutionen?

Krippenstapel: Ich glaube, für die Zusammenarbeit im Netzwerk ist die gemeinsame Zielvorstellung wichtig, eine möglichst gute Integration in die deutsche Gesellschaft zu gewährleisten.

Reimann: Eine weitere Herausforderung sehe ich in der Finanzierung. Wenn wir merken, Projekte haben sich etabliert, sind sinnvoll für unsere Familien und die Schule, ist es wichtig, dass sie nicht der Willkür überlassen bleiben, ob wir genug Spenden bekommen. Und natürlich ist die Kommunikation immer mal wieder eine Herausforderung, wenn Familien die deutsche Sprache noch nicht beherrschen.

Woran erkennen Sie im Alltag, dass Ihre Arbeit erfolgreich ist?

Krippenstapel: Wir sind Fans von Daten. Wie lange brauchen die Kinder in der Schuleingangsphase? Wie viele Menschen nutzen das Elterncafé? Wir prüfen: Was lohnt sich? Gewisse Dinge brauchen zwar Zeit, wenn wir aber auf Dauer merken, dass etwas nicht funktioniert, dann canceln wir das. Wir müssen ja auch haushalten mit unseren Ressourcen – sowohl hinsichtlich des Personals als auch der Finanzen.

Wie gut wir ein Kind begleiten, lässt sich natürlich nicht in Zahlen ausdrücken, aber im Schulalltag beobachten. Was den Erfolg ausmacht, ist ganz klar: Ergeben sich Schwierigkeiten, können wir durch unser Netzwerk auf Hilfsangebote zurückgreifen. Erfolg bedeutet für uns daher nicht, dass so und so viel Prozent der Schüler zum Gymnasium gehen, sondern dass die Kinder gut gefördert werden und wir sie Schulen weiterempfehlen können, wo sie ihre restliche Schulzeit verbringen können. Das ist uns wichtig.

Die Integrationsbemühungen Ihrer Schule sind unheimlich umfassend. Wie können Sie sich und Ihr Kollegium dafür entlohnen?

Krippenstapel: Wir haben weder mehr Lehrer, noch mehr Stunden oder mehr Geld – um diesen Vorurteilen gleich mal entgegenzutreten. Wir müssen mit den gleichen Herausforderungen kämpfen wie alle anderen Schulen auch, aber wir haben uns anders organisiert. Wir sparen beispielsweise unglaublich viel Zeit durch die professionelle Zusammenarbeit. Und: Man muss nicht jedes Jahr das Rad neu erfinden. Durch das „Matherad“ und das „Deutschrad“ haben wir feste Bausteine, mit denen wir völlig individualisiert arbeiten können. Das schafft natürlich Zeit für andere Dinge, wie die Netzwerkarbeit. Die ist zwar aufwendig, aber letztlich sparen wir wiederum Zeit, weil wir nicht immer wieder nach Ansprechpartnern oder neuen Angeboten suchen müssen. Wir entlasten uns also durch das Planen im Jahrgang und die Kooperation im Netzwerk und wenn sich das nicht lohnen würde, würden die Lehrkräfte nicht hier bleiben. Es muss eine Win-Win-Situation sein und ich glaube, die ist gegeben. Hier ist keiner allein und das führt zu der relativ hohen Arbeitszufriedenheit.

Was braucht ein Lehrkollegium, das sich nach Ihrem Vorbild den Herausforderungen im eigenen Stadtteil stellen will?

Krippenstapel: Offene Türen, Ideen und auch ein wenig Pragmatismus.

Reimann: Ein Stückweit ist auch Vertrauen in die Kollegen und die Akteure des Netzwerks eine Voraussetzung, um die eigene Arbeit abgeben zu können, etwa bei der Unterrichtsplanung. Man muss sich nicht um alles selber kümmern.

Krippenstapel: Es gibt kein Rezept. Im Mittelpunkt steht bei uns die Frage: Was ist eine gute Schule, für die Kinder, die hier aufwachsen? Davon ausgehend prüfen wir, wie wir das erreichen können. So gehen wir eigentlich alle Dinge an.

Hier lässt sich das Heft bestellen oder lassen sich einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).

Die Grundschule Kleine Kielstraße

Schon 2006 gewann die Grundschule Kleine Kielstraße aufgrund ihres Engagements den Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung. Seitdem beteiligt sie sich im daran angeschlossenen Netzwerk der Deutschen Schulakademie, das sich bundesweit für Schulentwicklung und Lehrerfortbildung einsetzt. Regelmäßig öffnet die Schule ihre Türen für Hospitanten aus dem In- und Ausland, wie der Schweiz, Österreich, Thailand oder Kanada.

Hier geht es zu einer Reportage über die Grundschule Kleine Kielstraße, die anlässlich der Verleihung des Deutschen Schulpreises entstand.

Antisemitismus – Meidinger: In Schulen mit Migrantenquoten von 70 % aufwärts ballen sich die Probleme. Das bekommen auch Lehrerinnen zu spüren

 

 

 

 

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