Alles Schlechte kommt von oben: Der Frust unter Lehrern steigt angesichts ständig neuer Anforderungen

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BERLIN. Frau Bachmayer ist ein Star – naja, wäre sie, wenn sie unter ihrem echten Namen schreiben würde. Tut sie aber nicht. Und zwar aus gutem Grund: Frau Bachmayer ist nämlich Lehrerin und sie berichtet unverblümt aus ihrem Berufsalltag. Das tut sie nicht irgendwo im Netz, sondern vor einem Millionenpublikum. Sie schreibt Kolumnen auf „Bild“-online. Jetzt hat die prominente Bloggerin ein Buch verfasst.  Titel: „Schulfrust? Ohne mich! Frau Bachmayers Überlebensstrategien für Lehrerinnen und Lehrer“. Einen ersten Einblick gibt sie hier auf News4teachers.

Hier lässt sich das Buch bestellen oder herunterladen (kostenpflichtig).

Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich angesichts überbordender Aufgaben am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. Foto: Shutterstock

Frustration bei den Lehrern

Ständig neue Anforderungen

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Mal in Ruhe und ohne äußere Einflüsse mit meinen Schülern zu arbeiten, das scheint im heutigen Schulbetrieb wohl kaum noch möglich zu sein. Es vergeht kaum eine Konferenz oder Dienstbesprechung, auf der wir nicht mit irgendwelchen Neuerungen konfrontiert werden. Als ich vor zehn Jahren im Schuldienst anfing, war ich noch total motiviert. Ich freute mich darauf, endlich Klassenlehrerin zu werden und die ersten Klassenarbeiten zu korrigieren. Dieses Hoch ließ schnell nach. Ich bin zwar immer noch gerne Lehrerin, könnte aber auch gut ohne eigene Klasse, das elende Korrigieren und die ständigen Auseinandersetzungen mit undisziplinierten Schülern leben.

Auf meiner ersten Konferenz, an der ich als Realschullehrerin teilnahm, wurde ein Alarmplan für Amokläufe verabschiedet. Ich fand das ziemlich bedrückend und spürte zum ersten Mal, dass ernste Bedrohungen auf uns Lehrkräfte zukommen könnten. Mein Kollege Werner, der demnächst pensioniert wird, erzählt mir gern von alten Zeiten, als er Ende der 70er-Jahre in den Schuldienst kam. Auch hier gab es einen großen Umbruch. Die autoritären Lehrer, die teilweise noch den Krieg mitgemacht hatten, gingen in den Ruhestand. Die Prügelstrafe in den Schulen wurde abgeschafft. Die jungen Lehrkräfte entstammten der 68er-Generation, die alles Autoritäre ablehnte. Die Schüler sollten sich frei entwickeln können. Aber sehr bald wurde den meisten bewusst, dass der Umgang mit Freiheit gelernt werden muss.

Das Buch

 

Der Text ist dem Buch „Schulfrust? Ohne mich! Frau Bachmayers Überlebensstrategien für Lehrerinnen und Lehrer“ entnommen.  Hier lässt sich das Buch bestellen oder herunterladen (kostenpflichtig).

Wenn Lehrer, Schüler und Eltern von der Schule immer mehr gestresst und frustriert sind, ist es höchste Zeit, Wege aus der Krise zu finden. So weiter machen wie bisher will Frau Bachmayer auf gar keinen Fall. »Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner«, gemäß diesem Motto will sie nicht länger darauf warten, dass Politiker oder Schulbehörden etwas dafür tun, um die miserable Arbeitssituation vieler Lehrkräfte zu verbessern. Mit lebendigen Schilderungen ihres Schulalltages deckt sie die Schwachstellen von Schule heute und deren Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Lehrer schonungslos auf. Am Beispiel ihrer eigenen Schule zeigt sie, wie sie ihre eigene Arbeitssituation verbessern und ihren Schulfrust abbauen kann.

Wenn man alles laufen lässt und es keinerlei Grenzen mehr gibt, steht am Ende das Chaos. Meine Schüler, die sich in der Pubertät befinden, sind mit den Freiheiten, die sie heutzutage genießen, maßlos überfordert. In vielen Elternhäusern findet praktisch gar keine Erziehung mehr statt. Das sollen wir Lehrer am besten übernehmen. Fällt ein Kind aus der Reihe, rufen die Eltern mich an und erwarten Erziehungsratschläge, wie sie denn mit ihrem Kind umgehen sollten. Noch vor zehn Jahren an meiner ersten vollen Lehrerstelle war das anders. Die Schüler hatten viel mehr Respekt vor mir, obwohl ich gerade erst frisch aus dem Referendariat kam und noch jung und unerfahren war.

Heutzutage ist die Lehrer-Schüler-Beziehung eher partnerschaftlich geprägt. Die Schüler dürfen nun mitbestimmen, wohin es auf Klassenfahrt geht, mit wem sie in Gruppen zusammen arbeiten und wie sich mein Unterricht verbessern könnte. Das ist vom Grundsatz her zunächst einmal nicht schlecht, steigert man damit doch die Lernmotivation oder fördert die Lust auf Engagement und Beteiligung. Dennoch bringt es eine Menge zusätzlicher Probleme mit sich. Meine Schüler glauben z. B., dass sie nun überall mitreden dürfen, sogar bei den Zensuren, und beschweren sich über jede Kleinigkeit. Gleichzeitig nehmen Gewalt und Aggressionen zu. Im Fernsehen und Internet wimmelt es nur so von Gewalttaten, Respektlosigkeiten und Pöbeleien.

Dürfen sich meine Schüler mal ausnahmsweise mit ihrem Handy beschäftigen, schauen sie sich immer Gewaltvideos auf YouTube an. Tabus gibt es kaum noch. Nächste Woche haben wir fünf Klassenkonferenzen. Dreimal wegen Schlägereien der Schüler untereinander, einmal wegen Mobbing bereits in den 5. Klassen und einmal wegen eines aggressiven Schülers aus der 10a. Erst hat er einen Stuhl in Richtung Pult der Fachlehrerin geschmissen, weil er sich von ihr ungerechterweise ermahnt gefühlt hatte. Danach hat er seiner Klassenlehrerin den Stinkefinger gezeigt und sie als »alte Bitch« beschimpft. Die Zeiten, in denen ich mich vom schulischen Stress am Vormittag erholen konnte, sind vorbei. Nachmittags frei war einmal. Mit Einführung der Ganztagsschulen müssen meine Kollegen und ich auch vermehrt nachmittags ran. Das führt immer wieder zu Unmut. »Jetzt darf ich dieses Halbjahr zwei ganze Nachmittage arbeiten«, erregt sich mein Mathekollege Menke. »Und wer holt jetzt meine Kinder vom Kindergarten ab?«, schimpft Lara.

Auch meine Schüler sind nicht immer begeistert, dabei bietet die Ganztagsschule viele Vorteile. Endlich wird die Schule das, was sie schon immer sein wollte: ein Lebensraum für Schüler. Denn gerade für die Jugendlichen ist doch das Zusammensein mit ihresgleichen das Wichtigste an der Schule überhaupt. Natürlich steckt der Ganztagsbetrieb noch in den Kinderschuhen und ist erheblich verbesserungswürdig. Aber diese Veränderung im Schulwesen ist nicht von vornherein schlecht, auch wenn sie gewöhnungsbedürftig ist und von uns Lehrkräften zunächst als Erschwernis und zusätzliche Belastung empfunden wird. Überhaupt scheinen die meisten meiner Kollegen ziemlich veränderungsresistent zu sein. Viele Neuerungen werden nur deshalb von vornherein abgelehnt, weil sie uns von oben übergestülpt werden, die Betroffenen keinerlei Mitspracherechte haben und dabei viel zu wenig auf die neuen Gegebenheiten vorbereitet werden.

In den letzten zehn Jahren hat es da einige gravierende Veränderungen gegeben. Da ist zunächst die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen in vielen Bundesländern zu nennen, die zu einem weiteren Absinken des Lern- und Leistungsniveaus geführt hat. Ich spüre das an unserer Schule tagtäglich. Bis vor drei Jahren waren wir ein Schulzentrum mit einer gut funktionierenden Realschule und einer Hauptschule, an der Lehrer und Schüler in kleinen Klassen vernünftig arbeiten konnten. Nun sind wir Oberschule, haben große Klassen mit einer äußerst heterogenen Schülerstruktur, ein kompliziertes Kurssystem und ein zerstrittenes Lehrerkollegium, das recht unterschiedliche Vorstellungen bezüglich Unterricht, Leistungsanforderungen, Disziplin und Umgang mit Schülern hat. Die Inklusion, für deren Bewältigung wir überhaupt nicht ausgebildet sind, schafft ebenfalls erhebliche Probleme. Auch hier sind wir Lehrkräfte überhaupt nicht gefragt worden, wie wir uns eine sinnvolle Einführung der Inklusion vorstellen.

Ähnlich verhält es sich mit der Integration von Flüchtlingen. Wieder wurden wir ohne jegliche Vorbereitung vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Arbeit in Sprachlernklassen erweist sich als äußerst schwierig, zumal uns auch hier die nötige Ausbildung dafür fehlt. Sogar das Gymnasium bleibt von teilweise völlig unnötigen Veränderungen nicht verschont. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre (G8) und deren Rückgängigmachung in einigen Bundesländern ist eine einzige Farce, die auf dem Rücken der Schüler, Lehrer und Eltern ausgetragen wird. An den Leistungskursen wird ebenso herumgebastelt wie an der Arbeitszeit der Gymnasiallehrer. Große Schwierigkeiten bereitet auch die Freigabe des Elternwillens in vielen Bundesländern. Jetzt soll plötzlich jeder aufs Gymnasium. Viele Schüler sind hier von vorherein zum Scheitern verurteilt. Vielerorts kommt auch noch die Konkurrenz oder Bevorzugung von Gesamtschulen hinzu. Trotz all der Veränderungen – und für mich überraschenderweise – sind die meisten Lehrer laut einer aktuellen Studie immer noch hoch motiviert. Ähnlich wie unsere Schüler sind auch wir anpassungsfähig und werden die neuen Herausforderungen gemeinsam meistern. Irgendwie muss es ja weitergehen.

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Auch auf der Facebook-Seite von News4teachers wird der Beitrag diskutiert:

Kolumne: Nicht schon wieder! Frau Weh überlegt, ob Ohrenschützer gegen jammernde Kollegen helfen

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10 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Alles Schlechte kommt von oben: Der Frust unter Lehrern steigt angesichts ständig neuer Anforderungen”

    Jaaa ! Und diese Berge an Papier (Protokolle, Dolumentationen, Anträge, Elterbriefe, Rücklaufzettel, Einverständniserklärungen …) !

    • Danke für den Tipp.

      Es tröstet ja immer irgendwie, wenn man liest, dass es anderen anderswo genauso ergeht wie einem selbst, aber nicht wir müssen eigentlich das Buch kaufen und lesen, sondern die Leute in den Schulverwaltungen, in den Bildungsministerien und die Bildungspolitiker.

      Idee: Es kaufe jeder sich so ein Buch und schenke es einem solchen (Absatz vorher). Kann ja anonym sein. 🙂

      • Klasse Idee! Da die Politik aber am besten am Schulsystem sparen kann, wird das seit Jahren getan. Und ich glaube nicht, dass wirklich was verbessert werden soll, das ist alles Augenwischerei. Wenn ich mir die Arbeitsbedingungen in anderen Ländern ansehe, habe ich das Gefühl wir konkurrieren nur noch mit der Dritten Welt (schlechter geht immer)

  2. Heutzutage gibt es leider kaum noch Respekt vor dem Beruf des Lehrers. Das hatten wir früher anders kennen gelernt und es hatte prima funktioniert. Ich hoffe, dass es ruhiger wird und sich der Bildungsplan wieder auf das Wichtige konzentriert. Bildung ist das Wesentliche für unsere Kinder! Bei uns in der Region werden jetzt Stunden gekürzt, angeblich, weil Schüler überlastet sind. Dahinter steht jedoch ein gravierender Lehrermangel…

  3. Zitat: “Ähnlich wie unsere Schüler sind auch wir anpassungsfähig und werden die neuen Herausforderungen gemeinsam meistern. Irgendwie muss es ja weitergehen.”
    Dann ist ja doch wieder alles o.k.

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