MRT-Studie: Gewalterleben verlangsamt die Gehirnentwicklung

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BERLIN. Kinder aus sozialen Brennpunkten haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, mit Gewalt konfrontiert zu werden, als Kinder aus wohlhabenderen Wohnquartieren. Wissenschaftler aus Berlin und Los Angeles haben nun den Zusammenhang zwischen Stresseinflüssen in Form von Gewalterleben und der Hirnstruktur von Jugendlichen untersucht.

No-Go-Areas, in die sich selbst die Polizei kaum hineintraut sind aus US-Großstädten hinlänglich bekannt. Doch auch in Deutschland gibt es Brennpunkte, an denen es zu Ballungen von Gewaltkriminalität kommt. Das Beispiel Duisburg-Marxloh, ist beileibe kein Einzelfall. Die Verlierer der sozialen Bildungspolarisierung haben mithin auch noch eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, mit Gewalt konfrontiert zu werden, als ihre Altersgenossen aus bürgerlichen Stadtvierteln.

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Gewalt in der Nachbarschaft löst Stress aus, selbst wenn man nicht unmittelbar betroffen ist. (Symbolbild). Foto Biswarup Ganguly / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)
Gewalt in der Nachbarschaft löst Stress aus, selbst wenn man nicht unmittelbar betroffen ist. (Symbolbild). Foto: Biswarup Ganguly / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung sowie der University of Southern California haben nun Hinweise darauf gefunden, dass selbst wenn wir nicht unmittelbar von Gewalt und Straftaten betroffen sind, Eindrücke von Gewalt und Straftaten nicht spurlos an uns vorübergehen. Dazu haben sie die Gehirne und die Kognition von 65 gesunden Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren untersucht, die in Vierteln mit hohen Kriminalitätsraten in Los Angeles leben.

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„Aus früheren Studien wissen wir, dass das Leben in konfliktreichen Umgebungen mit geringerer kognitiver Leistungsfähigkeit und einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen, darunter der posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), einhergehen. Aber es gab bis dato keine Studie, die untersucht hat, wie sich dies bei Jugendlichen verhält“, sagt Autor Oisin Butler vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Die Ergebnisse der Studie stützen die Annahme, dass auch indirekte Gewalterfahrungen die Gehirnentwicklung von Jugendlichen beeinflussen. So konnten die Wissenschaftler bei den Jugendlichen, die mit Gewalt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft konfrontiert waren, einen niedrigeren Intelligenzquotienten und ein kleineres Volumen der grauen Substanz im anterioren cingulären Kortex sowie in der unteren Stirnwindung nachweisen. Diese Hirnregionen sind für kognitive Funktionen höherer Ordnung wichtig, insbesondere für die kognitive Kontrolle, die Sprachfähigkeit und für Gemütsregungen.

„Die Ausdünnung der grauen Substanz gehört zur normalen Hirnreifung dazu. Je langsamer jedoch dieser Prozess vonstattengeht, desto mehr Zeit bleibt kognitiven Funktionen zur Ausreifung. Weitere Studien sind notwendig, um herauszufinden, inwieweit Stress den Abbau der grauen Substanz beschleunigt“, so Butler.

Ohne selbst Opfer oder Täter geworden zu sein, hatten alle an der Studie beteiligten Jugendlichen von Straf- oder Gewalttaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gehört, waren deren Zeuge gewesen oder sind schon einmal bedroht worden. Die Jugendlichen kamen aus intakten, wenn auch wirtschaftlich schwachen Familien und hatten weder Missbrauch noch Vernachlässigung im Elternhaus erfahren. „Wir wollten sicher gehen, dass die Ergebnisse nicht durch andere Faktoren wie beispielsweise psychische Erkrankungen oder Missbrauchserfahrungen beeinflusst werden, die bekanntermaßen auch mit Veränderungen in der Hirnstruktur einhergehen können“, betont Mary Helen Immordino-Yang von der University of Southern California. Die Studienteilnehmer absolvierten einen Intelligenztest und ihre Hirnstruktur wurde mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) vermessen.

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Die Ergebnisse ähneln im Wesentlichen einer Studie über die Auswirkungen von militärischen Einsätzen auf das Gehirn. Darin konnten Wissenschaftler unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zeigen, dass die Dauer von militärischen Einsätzen bei gesunden Soldaten mit einer verkleinerten grauen Substanz in der gleichen Hirnregion in Verbindung steht.

„Chronischer Stress, beispielsweise in Form von Gewalterfahrungen, kann Auswirkungen auf das gesunde Gehirn haben. Die betroffenen Hirnstrukturen zeigen Ähnlichkeiten zu denen von Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung, auch wenn die hier untersuchten Personen keine derartige Störung aufweisen“, sagt Simone Kühn, co-Autorin der aktuellen Untersuchung, die die Studie zu Militäreinsätzen geleitet hatte..

Hatten sich bisherige Studien vorwiegend auf die Erforschung von Stress und Traumata bei Personen mit klinischen Symptomen fokussiert, untersuchen diese Studien den Einfluss von Stress auf das Gehirn bei gesunden Probanden. „Die Mehrheit der Bevölkerung, die mit Gewalt in Berührung gekommen ist, entwickelt keine klinischen Symptome wie die posttraumatische Belastungsstörung. Damit dürften wir ein wesentlich differenzierteres Bild von Stresseinflüssen auf das Gehirn zeichnen und leisten einen Beitrag zur Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse neurowissenschaftlicher Stressforschung“, so Kühn. (zab, pm)

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8 KOMMENTARE

  1. Lehrer an Brennpunktschulen bzw. Lehrer, deren Schülerschaft zu mindestens 80% aus Hartz-IV-Kindern besteht, sollen nun bis zu 300,- Euro mehr monatlich verdienen.

    Ich neide das den Kollegen nicht, aber ich finde diesen “Politikansatz” von Rot-Rot-Grün völlig falsch, immer alles mit mehr Geld (Gehalt) lösen zu wollen. Geht es nur darum, die Leute ruhigzuhalten? Wie ich immer sagte, mehr Geld (Gehalt) löst keines unserer Probleme und so werden auch 300,- Euro mehr keines der Probleme der Lehrer an Brennpunktschulen lösen. Es ist eher wie ein “Schweige- oder Schmerzensgeld”, um die Probleme an Brennpunktschulen weiterhin still zu ertragen. Aber nichts wird besser dadurch dort.

    Meiner Meinung nach brauchen Lehrer an Brennpunktschulen nicht mehr Gehalt, sondern bessere Arbeitsbedingungen, vor allem massive Entlastungen, z.B. noch kleinere Klassen, als wir alle gerne hätten; eine noch stärkere Stundensollsenkung, als ich sie uns allen wünsche usw. Ich glaube, wer die Bedingungen an Brennpunktschulen kennt, verzichtet lieber auf die Zulage, als mit ihr dort zu arbeiten.

    Gibt es hier Lehrer an Brennpunktschulen? Was sagt ihr dazu? Liege ich falsch?

    Siehe: https://www.berliner-zeitung.de/berlin/300-euro-brutto-mehr-brennpunkt-zulage-soll-fuer-jeden-15–lehrer-kommen-31097392

  2. Was ist das oben für ein unpassendes und irreführendes Bild? Das hat mit der Problematik im Artikel nun wirklich nichts zu tun. Wer wählt solche Fotos aus?

  3. “Die Ergebnisse der Studie stützen die Annahme, dass auch indirekte Gewalterfahrungen die Gehirnentwicklung von Jugendlichen beeinflussen.”
    Wenn das stimmt, dann werden alle pädagogischen Bemühungen um die Brennpunktschulen nicht viel fruchten, es sei denn, es gelingt, die Gewalt aus den Brennpunktbezirken zu verdrängen. Da wird auch eine Gehaltserhöhung für Lehrer nicht viel bewirken können. Etwas platt ausgedrückt: “Dort, wo das Faustrecht des Stärkeren herrscht, kann sich eben keine Bildung entfalten.”

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