Psychologen: Auslandsjahr bringt Schülern eine Identitätskrise

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JENA. Ein Auslandsjahr stärkt die Persönlichkeit. Das ist längst eine Binsenweisheit. Warum das so ist, haben Psychologen der Uni Jena untersucht: Aus Sicht der Wissenschaftler bildet der Auslandsaufenthalt für Schüler eine „Krise“, aus der sie schließlich gestärkt hervorgehen. Allerdings ist nicht jede Person für eine solche Ausnahmesituation geschaffen.

Es gibt viele gute Gründe für Jugendliche, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen: Sie lernen andere Menschen und Kulturen kennen, verbessern ihre Sprachfähigkeiten, sie werden selbstständiger. Und sie erleben Identitätskrisen, die sie kurzzeitig erschüttern, schließlich aber nachhaltig stärken. Das fanden Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena heraus. Für ihre aktuelle Studie befragten sie 741 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 17 Jahren, 457 von ihnen absolvierten ein Auslandsjahr.

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Ein Auslandsjahr ist eine persönlichkeitsbildende Herausforderung für junge Menschen. Foto: katyveldhorst / Pixabay (CC0 1.0)
Ein Auslandsjahr ist eine persönlichkeitsbildende Herausforderung für junge Menschen. Foto: katyveldhorst / Pixabay (CC0 1.0)

„In der Regel schreitet die Identitätsentwicklung während des Erwachsenwerdens relativ geradlinig fort“, beschreibt Psychologe Franz J. Neyer den Ausgangspunkt der Studie, die er gemeinsam mit seinen Kollegen Henriette Greischel und Peter Noack durchgeführt hat. Das es dabei auch auf und ab gehen kann, ist eine fast schon alltägliche Beobachtung. Die Jenaer Forscher befragten nun die Schüler vor, während und nach dem Auslandsjahr. Dadurch konnten sie, nach eigenen Aussagen „erstmals“, diese Entwicklung im Längsschnitt untermauern. Mit den gewählten Befragungszyklen haben sie auch die Übergangsphasen bzw. Transitionsphasen der Entwicklung abgebildet.

Dadurch erfuhren die Forschenden, dass Jugendliche in einem Auslandsjahr aufgrund der neuen Eindrücke ihr Selbstbild deutlich hinterfragten und somit „Identitätskrisen“ durchlebten. „Währenddessen fühlen sich die Schüler nicht unbedingt gut – sie machen etwas durch. Aber die dabei gemachten Erfahrungen stellen sich später als positiv und wichtig heraus“, so Neyer.

Auf zwei Parameter konzentrierten sich die Psychologen bei der Auswertung der Identitätsentwicklung besonders: die Beziehung zum Heimatland und das Freundschaftskonzept der Befragten. So identifizierten sich die Auslandsschüler besonders stark mit ihrem Heimatland, kurz nachdem sie es verlassen haben. Nach ihrer Rückkehr allerdings schwächten sich diese Werte deutlich ab. „Durch die Erweiterung des eigenen Horizonts“, so Neyers Begründung, „stellen sich die Schüler Fragen, über die die Daheimgebliebenen nicht nachdenken, etwa woher sie eigentlich kommen, ob sie gern in Deutschland leben oder ob sie sich auch ein Leben in einem anderen Land vorstellen können“.

Ähnlich verhält es sich mit dem sozialen Umfeld. Auch die Bindungen zu Freunden und Eltern verstärkten sich zu Beginn des Auslandsaufenthaltes, werden aber nach der Rückkehr stärker hinterfragt. Gedanken wie: Passt dieser Freundeskreis zu mir? und Wie sehr identifiziere ich mich über meine Freunde? kommen auf – und somit ein intensiver Reflexionsprozess, der sich später als wertvoll herausstellen könne. Bei der Vergleichsgruppe Gleichaltriger konnten die Jenaer Wissenschaftler solche Effekte nicht feststellen.

Die Psychologen legen Wert auf die Feststellung, dass sich Jugendliche auch ohne Auslandsjahr gut entwickeln können. Nicht jede Person sei für eine solche Ausnahmesituation geschaffen. Die meisten Schüler, die ein Auslandsjahr absolvieren, seien auch vorher schon offener und extravertierter. Der positive Wert der Auslandserfahrung sei jedoch grundsätzlich kaum zu bestreiten. Neyer: “Unsere Forschungsergebnisse sprechen deutlich dafür, die Förderungen in diesem Bereich auszubauen, um Auslandsaufenthalte unabhängig vom Bildungs- und Einkommenshintergrund der Eltern zu machen“.

• Über die Studie berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Developmental Psychology“. (abtract)

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1 KOMMENTAR

  1. Auf der 4teachers-Seite von Facebook wird mit Recht bemängelt, dass man diesem Artikel solch einen irreführenden Titel gegeben hat. Was soll das?

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