Zurück zur Natur mit dem Smartphone – Forscher will mit digitalen Medien das Naturerleben von Jugendlichen stärken

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HAMBURG. Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, die Natur draußen zu erleben. Doch für die meisten Jugendlichen ist die Umwelt eine abstrakte Größe. Digitalisierung und Verstädterung machen echte Naturerlebnisse zu seltenen Ereignissen. Gerade Digitale Techniken bieten aber Chancen, dass Kinder die Natur künftig nicht nur noch als Virtual Reality wahrnehmen, findet der Hamburger Wirtschaftsethiker Hendrik Müller.

Die Zeiten, in denen Jugendliche ihren (Groß-)eltern erklärt haben, wie der Videorekorder funktioniert, muten heute schon wieder wie eine ferne Vergangenheit an. Die Digitalisierung verwandelt die Welt in immer höherem Tempo und mit weitreichenden Folgen. Vielen Älteren scheint es, als nähmen die „Digital Nativs“ die Welt nur noch über Tablet oder Smartphone wahr, gleichsam gefiltert durch digitale Medien.

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Digitale Medien können das Naturerleben nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen. Foto: ledrogomalaurie / Pixabay (CC0 1.0)
Digitale Medien können das Naturerleben nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen. Foto: ledrogomalaurie / Pixabay (CC0 1.0)

Dies bringt paradoxe Entwicklungen mit sich. Viele Kinder und Jugendliche interessieren sich zwar für Natur- und Ressourcenschutz, haben aber kaum Interesse an der realen Natur, die sie umgibt. Was nicht Wunder nehmen muss, wenn immer mehr Kinder in Städten aufwachsen, wo es mit einem unmittelbaren Naturerlebnis meist nicht weit her ist. Eltern trügen ihren Teil zu dieser Entwicklung bei, berichtet etwa Hendrik Müller, Wirtschaftsethiker und Professor an der Hochschule Fresenius in Hamburg: Besonders viele Stadtkinder dürften nicht mehr ohne elterliche Kontrolle in der Natur spielen

Bei deutschen Jugendlichen wächst seit 20 Jahren die Distanz Natur, zeigt denn auch der jüngste ‚Jugendreport Natur’ aus dem Jahr 2016. Nur ein Drittel der Schüler der Jahrgangsstufen 6 bis 9 weiß, in welcher Himmelsrichtung die Sonne aufgeht. Werden mithin Kinder und Jugendliche die Natur künftig nur noch als Virtual Reality wahrnehmen?

Jugendreport 2016: Die Natur ist den Kindern zunehmend fremd – Wo die Sonne aufgeht, weiß nur noch ein Drittel

Nach Müllers Ansicht ist es für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wichtig, die Natur draußen zu erleben und nicht nur Zeit vor dem heimischen Tablet oder Smartphone zu verbringen. Naturerfahrungen seien kein Selbstzweck: „Der direkte Kontakt mit der Natur stärkt nicht nur die physische und psychische Gesundheit, sondern hat auch einen besonders positiven Einfluss auf die soziale Entwicklung von jungen Menschen.“, so Müller. Die positiven Auswirkungen von direkten Naturerfahrungen seien durch zahlreiche Studien belegt.

„Sicher ist: Die Digitalisierung verändert eine Vielzahl unserer Lebensbereiche. Was sie jedoch niemals ersetzen kann, ist der persönliche Umgang des Menschen mit unserer Umwelt“, erklärt der Wirtschaftsethiker. Er sieht in der Digitalisierung aber eine Chance, mithilfe immer besserer digitaler Werkzeuge bei jungen Menschen wieder stärker die Lust an der Natur zu wecken. „Tatsächlich entwickelt sich unter dem Begriff der ‚Digital Nature Studies’ gerade eine Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die digitalen Techniken zur Erforschung der Natur zu nutzen“, führt er weiter aus. Dabei ersetze die Technologie die Naturerfahrung nicht, sondern ergänze sie vielmehr

Zahlreiche mobile Technologien, die heute jedes handelsübliche Smartphone biete, könnten genutzt werden, um natürliche Phänomene festzuhalten und einzuordnen. Gehörten früher zur Grundausstattung des jugendlichen Naturforschers Lupe, Notizblock und Kamera, könne heute das Smartphone viele dieser Funktionen übernehmen – sei es über die Kamera oder die Aufnahmefunktion zum Festhalten von Tierstimmen. Beispielhaft führt Müller verschiedene interaktive Apps an, wie die des Naturschutzbundes NABU. In diesem Jahr initiierte der Bund den ‚Insektensommer’, eine bundesweite Aktion, in deren Rahmen heimische Insekten erfasst wurden. Die Meldung der beobachteten Arten erfolgt ausschließlich online und der NABU hat dafür auch eine App entwickelt.

„Wir sollten also die Digitalisierung insgesamt nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance sehen: Mit interaktiven Programmen können Kinder und Jugendliche ohne Zweifel wieder stärker für die Natur interessiert und bestenfalls begeistert werden. Gerade die Neugier, die viele junge Menschen den digitalen Angeboten als täglichen Begleitern entgegenbringen, sollte mit qualitativ und didaktisch sinnvollen Angeboten produktiv genutzt werden. Auf diese Weise können junge Nutzer frühzeitig für die Schönheit und Vielfalt, aber auch die Bedrohung der Natur sensibilisiert werden“, schlussfolgert Müller. (pm)

Projekt bringt den Unterricht auf den Kartoffelacker

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