Deutscher Schulleiterkongress: Digitalisierung? Ja, bitte – aber nur auf der Grundlage einer neuen Lernkultur

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DÜSSELDORF. Das Ordnungssystem der Hierarchie hat sich überlebt – auch an Schulen. Davon zeigte sich der Neurobiologe Gerald Hüther beim 8. Deutschen Schulleiterkongress (DSLK) in Düsseldorf überzeugt. In seinem Eröffnungsvortrag versuchte er, die anwesenden Schulleitungen für eine neue Art des Miteinanders zu überzeugen, in der alle die Möglichkeit erhalten, ihre Potenziale zu entfalten – ein Schwerpunkt, dem sich angesichts der bevorstehenden Digitalisierung viele Referenten widmeten.

Der populäre Hirnforscher und Bestseller-Autor (“Mit Freude lernen – ein Leben lang”) Prof. Gerald Hüther bei seinem Vortrag auf dem Deutschen Schulleiterkongress. Foto: DSLK / Rainer Keuenhof

Michael Gloss, Geschäftsführer von Wolters Kluwer Deutschland, dem Unternehmen, das den Deutschen Schulleiterkongress gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung veranstaltet, hatte bei der Begrüßung nicht zu viel versprochen: „Es erwarten Sie Referenten, die mit Ihnen einen Blick über den Tellerrand wagen!“ Einer von Ihnen war zweifellos Neurobiologe Prof. Gerald Hüther.

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Hüther konfrontierte die Schulleiterinnen und Schulleiter im Saal mit der Kritik, dass Schule, so wie sie derzeit bestehe, verhindere, dass die Beteiligten ihr Potenzial entfalten können. „Wir beginnen als Kinder mit einer großen Offenheit, einem Entdeckerdrang. Wir versuchen, unser Potenzial zu entfalten, doch wir wachsen in eine vorgegebene Struktur hinein.“ Beides sei nur schwer miteinander zu vereinbaren. Es komme zu Verwicklungen, denn das Grundbedürfnis eines jeden Menschen nach Verbundenheit führe schließlich dazu, dass Kinder lernen, ihren eigentlichen Entdeckungsdrang zu unterdrücken. „Und das nennen wir dann eine erfolgreiche Erziehung“, kritisierte Hüther.

Der DSLK

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Physik studiert - obwohl er seinen Physik-Lehrer nicht mochte: Ranga Yogeshwar. Foto: Yogeshwar / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)
Fernseh-Journalist Ranga Yogeshwar referiert auf dem Deutschen Schulleiterkongress. Foto: Yogeshwar / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Der Deutsche Schulleiterkongress (DSLK) ist die jährlich stattfindende Leitveranstaltung für schulische Führungskräfte in Deutschland.

Sie präsentiert zu ihrer achten Auflage vom 21. bis 23. März 2019  in Düsseldorf wieder prominente Referenten und Keynote Speaker – darunter Deutschlands bekanntesten Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar, Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther, Jugendforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann und Ex-Boxweltmeister Henry Maske. Hier gibt es mehr Informationen.

Das Gehirn speichere die Bedürfnisunterdrückung als angepasste Lösungsstrategie, wodurch sie immer wieder zum Einsatz komme. Das authentische Selbst werde auf diese Weise nach und nach durch ein Ich-Konstrukt überbaut. Die Aufgabe der Schule sei es vor diesem Hintergrund, Schülerinnen und Schülern zu helfen, sich zu entwickeln. „Entwicklung heißt in diesem Fall, sich aus dem zu befreien, in das man sich verwickelt hat. Lehrer sind damit Entwicklungshelfer“, so der Neurobiologe. Dies gelte auch für den Umgang mit Kolleginnen und Kollegen.

Mit Blick auf die Umsetzung blieb Hüther jedoch schwammig: „Der Mensch kann sich nur entwickeln, wenn er das selber will.“ Das zweite Grundbedürfnis sei nämlich das nach Autonomie und Freiheit. Um diesen Entwicklungswillen zu fördern, empfahl Hüther den Schulleitungen: dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen, sich für dessen Anliegen interessieren und auf ihn einlassen. Der Neurobiologe sieht Schulen in diesem Zusammenhang vor einem riesigen Transformationsprozess, hin zu einer Gemeinschaft, die ihre Mitglieder unterstützt, ihre Bedürfnisse zu erkennen, Wege zu finden, die beiden Grundbedürfnisse zu verwirklichen, und diese Erkenntnisse in die gesellschaftliche Lebenspraxis zu tragen, damit eine andere Kultur des Miteinanders entstehen kann.

Leiter der Deutschen Schule im Silicon Valley

Wie Hüthers Ansatz der Potenzialentfaltung in der Praxis aussehen kann? Dafür bot Martin Fugmann, Leiter des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums Gütersloh – und als ehemaliger Leiter der Deutschen Schule im Silicon Valley (dem Sitz der Internet-Giganten) ein Vorreiter für neues Lernen – Anschauung. Fugmann bezog sich direkt auf Hüther, über dessen Plädoyer, Hierarchien zu schleifen, er sich sehr gefreut habe, bekundete Fugmann. Der Schulleiter hat mit seinem Kollegium in Kalifornien ein digitales „Lernmanagementsystem“ entwickelt, das den Lehrkräften erlaubt, das Unterrichtsgeschehen zu steuern – mit unterschiedlichen Aufgabentypologien, die eine Individualisierung möglich machen und auf Kompetenzentwicklung zielen, mit selbst produzierten Videos, mit eingebauten Testelementen, die es Schülern erlauben, ihre Fortschritte selbst zu kontrollieren.

Leitete sechs Jahre lang die Deutsche Schule in Silicon Valley – in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Internet-Giganten. Foto: DSLK

Fugmanns erkennbare Begeisterung für die Möglichkeiten, die im unterrichtlichen Einsatz digitaler Medien liegen, bedeutet jedoch nicht, dass der frühere Englisch- und Musik-Lehrer (“Ich wollte mal Dirigent werden”) Wunderdinge von der Technik erwartet. Im Gegenteil. Fugmann warnte vor einem unreflektierten Einsatz. Es bedürfe einer pädagogischen Grundlage, einer “Transformation von Schule, die personalisiertes Lernen ins Zentrum legt”. Fugmann: “Wir müssen die Digitalisierung als Katalysator einer sich verändernden Lernkultur begreifen.” Und die habe zunächst mal gar nichts mit Computern zu tun – sondern mit einem Verständnis von Unterricht, der darauf abziele, bei den Schülern Eigeninitiative und kreative Potenziale zu wecken.

Auch andere Referenten boten am ersten Hauptkongresstag praxisbezogene Konzepte. Lernforscher und Lehrerfortbildner Heinz Klippert betonte mit Blick auf die Talentförderung: „Es ist wichtig, Realismus an den Tag zu legen.“ Er plädierte daher dafür, „die pragmatische Ebene zu würdigen.“ Talentförderung in der Breite erfordere mehr kooperatives Lernen. „Dafür müssen die Schülerinnen und Schüler aber methodisch fit gemacht werden, damit das selbstständige Lernen nicht zu Leerlauf führt.“ Für die Praxis bedeute dies, so seine Erfahrungen aus der Forschung, Lern-, Arbeits-, Kommunikations- und Präsentationstechniken zu vermitteln und den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeiten zu bieten, diese durch Wiederholung zu konsolidieren. Dazu seien mindestens drei bis fünf Anwendungsphasen notwendig. „Nur auf diese Weise kann bei den Schülerinnen und Schülern das Gefühl von Sicherheit und Können entstehen.“ Dieses wiederum stärke auch ihr Selbstvertrauen. Darüber hinaus sei es entscheidend, gemeinsam mit den Schülerinnern und Schülern ihre Methodenkompetenzen zu reflektieren und ihnen spezifisches Feedback zum Methodeneinsatz zu geben.

Die Frage, wie Schulleitungen ihr eigenes Potenzial und das ihrer Schule entwickeln können, stand im Mittelpunkt des Vortrags von Juniorprofessor Pierre Tulowitzki von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Er forscht zu den Bereichen Bildungsmanagement und Schulentwicklung. Sein Ansatz: die Professionelle Lerngemeinschaft. Mit diesem Begriff bezeichnet er den Zusammenschluss von Personen, die ein gemeinsames Anliegen haben oder ein gemeinsames Projekt verfolgen. Das könnten beispielsweise Schulleitungen mehrerer Schulen sein, die sich untereinander austauschen, eventuell auch mit Unterstützung einer Hochschule, um der Herausforderung der Digitalisierung zu begegnen. Innerhalb einer Schule könnten auch die Angehörigen der verschiedenen dort tätigen Professionen eine Professionelle Lerngemeinschaft bilden, etwa mit dem Ziel, die Inklusionsbemühungen zu intensivieren.

Trotz der unterschiedlichen Ansätze der Referenten kristallisierte sich ein gemeinsamer Aspekt ganz deutlich heraus: Talentförderung braucht Ressourcen und ist daher nicht allein eine schulische Aufgabe. Das zeigte eindrücklich auch der Bildungsforscher und Direktor der Deutschen Schulakademie Hans Anand Pant in seinem Vortrag. Damit Schulen ihrer heterogenen Schülerschaft gerecht werden können, müssten alle Ebenen aktiv werden: Schule, Verwaltung und Politik. Anna Hückelheim, Agentur für Bildungsjournalismus

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2 KOMMENTARE

  1. Martin Spiewak hat 2013 in der Zeit ,Ausgabe 30, unter dem Titel der Wochenzeitung “Die Zeit” “Die Stunde der Propheten”, sehr ausgiebig und gut recherchiert über diesen Wanderprediger der “Neurobiologie” berichtet und geschrieben. Sicher sind dessen Vorträge sehr gut aufgebaut, aber der wissenschaftliche Hintergrund ist nicht vorhanden.
    Richtig lächerlich hat Gerald Hüther sich im Kreis der Kinderpsychologen gemacht, als er den Ersatz von Methylphenidat bei Kindern mit ADS/ADHS durch Aufenthalte Freizeitcamps in den Alpen zu ersetzen propagierte.

  2. Warum wird dieser (Laden)Hüther eigentlich noch eingeladen? Sämtliche von ihm vorgeschlagenen Unterrichtsmethoden hielten einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand.

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