Immer mehr Schüler fallen durchs Abitur – woran liegt das? Philologen: Es hapert am kontinuierlichen Lernen

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BERLIN. In den nächsten Wochen wird es für viele Schüler stressig: Die Abiprüfungen stehen an. Immer wieder wird eine Inflation guter Noten beklagt – doch auch am anderen Ende gibt es einen besorgniserregenden Trend. Über die Ursachen wird gestritten.

Besorgniserregender Trend: Immer mehr Schüler fallen bei den Abiturprüfungen durch. Illustration: Shutterstock

Es ist die erste große Prüfung – und sie endet für immer mehr junge Leute mit einer handfesten Enttäuschung: In Deutschland rasseln wieder mehr Schüler durchs Abitur. In den vergangenen neun Jahren ist die Quote der nicht bestandenen Prüfungen nahezu stetig gestiegen, wie eine Auswertung der Deutschen Presse-Agentur zeigt. Zuletzt scheiterte etwa einer von 26 Prüflingen. Experten kritisieren, dass Schüler schlechte Leistungen vor dem Abitur zu einfach ausgleichen könnten – in der Prüfung dann aber nicht mehr.

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Während im Abiturjahrgang 2009 laut Statistik der Kultusministerkonferenz noch 2,39 Prozent der Schüler durchfielen, waren es 2017 schon 3,78 Prozent. Für 2018 liegen noch nicht aus allen Bundesländern Zahlen vor, die Tendenz bestätigt sich jedoch: In vielen Ländern stieg die Durchfaller-Quote erneut. Besonders hoch ist sie in Mecklenburg-Vorpommern, wo 2017 etwa jeder 14. Abitur-Prüfling scheiterte.

Zugleich aber wird bundesweit auch häufiger die Note 1,0 vergeben. Fast jeder vierte Abiturient hatte 2017 eine 1 vor dem Komma. Die Abinoten werden also extremer. Das verdeutliche die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus der Kinder, sagt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Bei der einen Gruppe könnten die Eltern die notwendige Förderung und Unterstützung privat organisieren, die anderen fielen «durchs Rost». «Die Schere öffnet sich immer weiter», sagt Beckmann.

“Am Schluss hilft kein Ausgleich mehr”

Die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, sieht eher Fehler in der Konzeption des Abiturs. «Im Abitur zeigt sich die Frucht von kontinuierlichem Lernen und kontinuierlichem Leisten – im Positiven wie im Negativen», sagt sie. Schülern werde diese Kontinuität aber nicht abgefordert, manche würden bereits ab der Unter- und Mittelstufe nur versetzt, weil sie schlechte Leistungen in einem Fach durch gute in einem anderen Fach ausbügeln könnten. «Nur am Schluss, im Abitur, müssen Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache verbindlich bestanden werden, da hilft kein Ausgleich mehr», sagt die Erziehungswissenschaftlerin, deren Verband die Gymnasiallehrer vertritt.

Außerdem falle es vielen Jugendlichen schwer, sich schon im Januar auf Prüfungen im April vorzubereiten, sagte Lin-Klitzing. Mit den Abitur-Regelungen der Kultusminister werde dieses kontinuierliche Lernen nicht genügend gefördert und gefordert. So müssten Schüler in der Oberstufe nur 32 bis 40 ihrer Kurse ins Abitur einbringen. Sie belegten aber deutlich mehr – die Noten in den übrigen Kursen zählten allerdings nicht fürs Abitur. Und selbst in solchen Kursen, die zur Abi-Berechnung hinzuzählten, dürften Schüler immerhin achtmal durchfallen.

Die Jugendlichen lernten also, dass sie gar nicht immer ihre beste Leistung bringen müssten. «Mehr Kurse einzubringen wäre aus vielerlei Hinsicht sinnvoll, weil sie ein besseres Abbild der kontinuierlichen Leistung in der gesamten Oberstufe geben», sagt Lin-Klitzing. Dann gebe es einen anderen Ansporn oder die Schüler merkten rechtzeitiger selbst, dass ihre Leistungen nicht ausreichten. In diesem Fall könnten sie entweder einen Lernturbo zünden oder Kurse freiwillig wiederholen. Das Sitzenbleiben während der Qualifikation fürs Abi einzuführen, hält Lin-Klitzing dagegen nicht für sinnvoll.

Die Vorsitzende des Philologenverbands plädierte auch dafür, Abiturienten leistungsgerechter zu bewerten. «Was ich will, ist, dass gute Leistung gut bewertet wird, sehr gute Leistung sehr gut, aber nicht-ausreichende Leistung eben auch nicht-ausreichend.» Zur Zeit brauche ein Schüler nicht einmal die Hälfte der Maximalpunktzahl, um eine Prüfung zu bestehen. Das bereite die jungen Leute schlecht auf Arbeitsleben und Studium vor.

Insgesamt sind die Abinoten in den vergangenen Jahren zwar etwas besser geworden, doch nicht stark. Den besten Notendurchschnitt gab es im Jahr 2017 in Thüringen mit 2,18, den schlechtesten in Niedersachsen mit 2,57. Von Theresa Münch, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Ein Leser schreibt zu dem Beitrag auf der Facebook-Seite von News4teachers:

Philologen-Chefin fordert strengere Abinoten – und Tests für den Zugang zum Gymnasium. Widerspruch kommt vom VBE

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22 KOMMENTARE

  1. Vielleicht, weil sie (seit Grundschulzeiten) nur gewöhnt sind zu tun, was Spaß macht und alles meiden, was anstrengend ist?

    • Die Schüler sind 4 Jahre auf der Grundschule und 8-9 Jahre auf dem Gymnasium. Aber wenn sie durchs Abi rasseln, ist die Grundschule schuld.
      Sorry, aber das ist nur noch lächerlich und peinlich . Wenn das das Niveau ist, auf dem im Gymnasium gelehrt wird, wundert mich natürlich gar nichts mehr!

      • Wieso fühlen Sie sich denn jetzt schon wieder angegriffen? Und wieso kennen Sie den Unterschied zwischen den Wörtern “seit” und “nur in” nicht, weil sie das ja irgendwie miteinander identifizieren?

        Und schließlich die wichtigste Frage: Wieso haben Sie Grundschullehramt studiert und nicht das offensichtlich Ihrer Meinung nach viel bessere gymnasiale Lehramt?

  2. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass es immer mehr versuchen. Da so ziemlich alle, die das Abitur auch vor 10 Jahren bestanden hätten, es jetzt auch bestanden haben und deren Anteil aufgrund der demografischen Entwicklung abnimmt, steigt der Anteil derer, die es mit größerer Wahrscheinlichkeit damals und heute nicht bestanden hätten. Der Bereich in der Normalverteilung kann halt nur noch nach links ausgedehnt werden.

  3. Ergänzung zur Bestnoteninflation: Kürzlich habe ich irgendwo gelesen oder gehört, dass an einer Universität der Numerus Clausus nicht mehr funktioniert, weil sie mehr 1,0-Bewerber als Studienplätze haben.

  4. Mich wundert es ja immer, wie lange sich Schüler, die bei uns keinen geraden Satz herausbrachten und von uns eine andere Schulform empfohlen bekamen, überhaupt auf dem Gymnasium halten können. Manche wiederholen irgendwann eine Klasse oder noch eine und machen dann ein schlechtes Abitur. Meistens wechseln sie aber nach der 10. auf die beruflichen Gymnasien oder Fachoberschulen. Dass diese Schüler mal ein Abitur in der Hand halten würden, hättet wir in der GS auf alle Fälle bei manchen nicht gedacht.

    • Daran können Sie sehen, was Elternwille bei der Schulform und stark reduzierte Anforderungen ggf. zusammen mit viel Nachhilfe ermöglichen. Mit solchen Schülern müssen sich Gymnasien ärgern, während Sie auf Realschulen richtig gut sein können.

      • Die aktuellen Zahlen sprechen von 4%.

        Die Durchfallerquote ist aber aus meiner Sicht vollkommen uninteressant. Viel Interessanter ist doch der Prozentsatz, der am Ende der Q2 nicht zum Abitur zugelassen werden kann, da die Punktemenge nicht ausreicht – die zu viele Minderleistungen haben..

        • Und ebenso interessant wäre auch die Quote der Studienabbrecher, die zwar irgendwie das Abi geschafft haben, aber eben niemals die Hochschulreife. Würden die vielen “Abi-Durchfaller” auf andere Weise erfolgreich Karriere machen, könnte man sich weniger Sorgen machen. Es scheint aber, dass ein nicht geringer Teil der derzeitigen Schülergeneration in vielen Bereichen des Alltags- und Soziallebens Probleme bekommen wird und nicht nur beim Punktesammeln in der Schule.

          • Viel zu viele Schüler lernen im Laufe ihrer Schulzeit das Lernen nicht, weil man durch Minimalismus nicht unbedingt gut, aber durchkommt.

  5. Es ist schade, dass viele Berufe akademisiert werden (sollen), da braucht man dann Abitur. Es sollten die anderen Schulabschlüsse und Ausbildungsberufe wieder mehr geschätzt werden, aber das Gegenteil ist der Fall.

    • Das ist eine Folge vom Bologna-Prozess. Wer aber eine Rückkehr zum renommierten Diplom, einem anständigen Abitur auf studierbefähigendem Niveau und zugleich einer massiven Aufwertung der Sek I-Schulen (wegen geringerem gymnasialer Quote) fordert, wird gleich in die rechte Ecke geschoben.

      • Interessant wäre auch ein Master im Anrühren von Kleister mit einer anschließenden theoretischen Prüfung im Zuschneiden selbiger Tapeten durch aufwendige Längenvermessungen, Berechnungen der Flächeninhalte, sowie dem theoretischen Aufbringen von Tapeten auf die vorher grundierten Wandflächen.
        Das wär schön.

    • Das endet dann schließlich so in Großbritannien, wo ein studierter Psychologe sich selbst Grundkenntnisse im praktischen Wissen um die Gas- und Wasserinstallation beibrachte, um seinen Lebensunterhalt mit Reparaturen in diesem Bereich zu verdingen.
      Derartiges wäre aber auf Grund der Kammerstruktur deutscher Handwerksberufe erst gar nicht möglich, da die Interessen der “verkammerten” Berufe auf jeden Fall gewahrt werden müssten !
      Seit 1934 existiert das deutsche Kammerwesen und inzwischen schafft es der deutsche Bürokratiewahn sogar die Registrierung von Photovoltaikanlagen in einem deutschen Markstammdatenregister zwingend vorzuschreiben und umzusetzen, da sonst der finanzielle Erlös aus der Stromeinspeisung gestrichen wird. Doof , dämlich , am dümmsten wären gute Steigerungsformen für derartigen Unsinn.

      Irgend Jemand sollte noch in Deutschland in Zukunft noch in der Lage sein handwerkliche Tätigkeiten auszuführen, oder wir holen uns gut ausgebildete polnische Handwerker ins Land, ohne “eine standesordentliche “Verkammerung” der Handwerker, dafür aber bedeutend günstiger.

      • Absolventen von Maurerkursen mit Bachelor und einem anschließendem Masterstudiengang wären dann sogar in der Lage, durch das Einschlagen von Nägeln in die von Ihnen vorher hochgezogenen Wände, diese zum Einsturz zu bringen.
        Durchbrüche wären wesentlich einfacher auszuführen, und somit ergäben sich ungeahnte Möglichkeiten der individuellen Wohnraumgestaltung, wenn sich derartige Fachkräfte mit einem Bohrhammer freien Zugang für ihre theoretisch erworbenen Kenntnisse, diesen praktischen Zugriff endlich erhielten, dem Spiel der freien Kreativität freien Lauf lassend, zur Vollendung verhelfend, umsetzen könnten, um das heimische Inferno auszulösen, der Steigerung der Verwüstung in düsterster Ungewissheit des finalen Ausganges und elektrisierender Spiritualität der eigenen Tatkraft.
        Ja , ich habe einen Masters Studiengang mit Auszeichnung wären die letzten Eintragungen auf dem finalen Schriftzug ihres Antlitzes.

        • Ein Master in Maurern oder Kleistern ist aber noch immer nützlicher für die Gesellschaft und einen selbst als so ziemlich jeder Master of was mit Medien oder Master of Soziologie und Verwandte.

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