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Mit der Leistungsgesellschaft überfordert? Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmend häufiger

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BERLIN. Immer mehr Kinder- und Jugendliche in Deutschland leiden zumindest zeitweise unter psychischen Störungen, haben Forscher anhand kassenärztlicher Abrechnungsdaten ermittelt. Das könnte auf tiefe gesellschaftliche Probleme hindeuten.

Psychische Störungen gehören zu den häufigsten chronischen Krankheiten von Kindern und Jugendlichen. Für die Betroffenen bedeuten sie oft einen jahrelangen Leidensweg und gehen mit weiteren Gesundheitsproblemen einher. Über längere Zeiträume wirken sie sich zudem nachteilig auf den Bildungs- und Berufserfolg aus und belasten die sozialen Beziehungen.

Studien zufolge entstehen etwa 50 Prozent aller psychischen Erkrankungen bereits bis zu einem Alter von 14 Jahren, bis zu einem Alter von 18 Jahren steigt dieser Anteil auf 74 Prozent. Weltweit weisen nach Expertenschätzungen rund 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten auf.

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Psychische Probleme können für Kinder häufig eine lebenslange Leidenszeit nach sich ziehen. Foto: bstad / Pixabay (CC0 1.0)

Eine aktuelle Schätzung wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland tatsächlich an einer manifesten psychischen Störung leiden hat nun das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland vorgenommen. Die Wissenschaftler nahmen dabei im Rahmen des regelmäßig erstellten Versorgungsatlas die reale ärztliche Diagnosestellung in den Blick und werteten bundesweite vertragsärztliche Abrechnungsdaten aus den Jahren 2009 bis 2017 aus.

Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, bei denen während eines Jahres mindestens einmal eine psychische Störung diagnostiziert wurde, stieg demnach von 23 Prozent im Jahr 2009 auf 28 Prozent im Jahr 2017. Während im Jahr 2009 insgesamt etwa 10,1 Millionen entsprechende Diagnosen bei Heranwachsenden vergeben wurden, waren es im Jahr 2017 knapp 14,5 Millionen. Es lasse sich beobachten, so die Studienautoren, dass der Anstieg ganz überwiegend zwischen 2009 und 2014 erfolgte und seitdem bis 2017 ein Plateau ohne wesentliche Schwankungen erreicht sei.

Die einzelnen Kategorien psychischer Störungen wiesen naturgemäß sehr unterschiedliche Altersverläufe und Geschlechtsverteilungen auf. Bis zum Alter von vier Jahren machten Entwicklungsstörungen 70 Prozent der Diagnosen aus. Ab dem Vorschulalter gewannen Verhaltens- und emotionale Störungen an Bedeutung. In der Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen entfielen darauf 42 Prozent der Diagnosen. Bei den 15- bis unter 18-Jährigen kamen verstärkt neurotische, Belastungsstörungen hinzu, sowie, körperliche Beschwerden, für die sich keine organische Ursache feststellen ließ. Auch Störungen durch Substanzkonsum erlangten ab dieser Altersgruppe Bedeutung.

Insgesamt traten in den betrachteten neun Jahren Entwicklungsstörungen mit Abstand am häufigsten auf. So wurde beispielsweise im Jahr 2017 bei etwa jedem sechsten Heranwachsenden (17 Prozent) eine Entwicklungsstörung diagnostiziert, Dies entsprach 1.974.249 Mädchen und Jungen im Alter von 0 bis 18 Jahren. Bei mehr als der Hälfte dieser Kinder und Jugendlichen bestand die Störung in mindestens zwei Quartalen, meistens handelte es sich um Sprachentwicklungsstörungen. Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie frühkindlicher Autismus spielten eine untergeordnete Rolle.

Affektive Störungen erreichten über den gesamten Beobachtungszeitraum die höchste Steigerungsrate, mit einem Zuwachs von 34 Prozent. Ihr Anteil an allen psychischen Diagnosen fiel mit 2,1 Prozent allerdings gering aus. Den Großteil der affektiven Störungen (77 Prozent) bildeten dabei depressive Episoden, bei denen die Forscher von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen.

Jungen waren in allen Altersgruppen häufiger von Entwicklungsstöungen wie auch Verhaltens- und emotionalen Störungen betroffen als Mädchen. Bei affektiven Störungen, neurotischen, Belastungsstörungen und psychisch bedingten körperlichen Beschwerden, wie auch bei Verhaltensauffälligkeiten gewannen Geschlechterunterschiede erst ab dem Jugendalter an Bedeutung. Ab dem Alter von 13 Jahren wurden diese Störungsbilder bei Mädchen zunehmend häufiger diagnostiziert als bei Jungen.

Stadt-Land-Unterschiede bei der Diagnose psychischer Störungen konnten die Wissenschaftler aus den Abrechnungsdaten nicht ermitteln. Lediglich hinsichtlich einzelner Störungsbilder habe es einzelne statistisch relevante Cluster gegeben. So beispielsweise eine Häufung affektiver Störungen in einem Band vom östlichen Niedersachsen bis in den Nordosten von Nordrhein-Westfalen, sowie im Norden von Baden-Württemberg und Ostbayern.

Zu den Ursachen machen die Autoren der Auswertung zwar keine eindeutigen Aussagen. Jedoch weisen sie auf aktuelle Studien hin, die von einer hohen Stressbelastung bei Kindern und Jugendlichen berichteten. 40 Prozent der 10- bis 18-jährigen Mädchen und Jungen erlebten demnach häufig Stress. Dieser entstehe etwa durch Leistungsdruck in der Schule, die Erwartungshaltung der Eltern, mangelnde Freizeit bzw. selbstbestimmte Qualitätszeit.

Weitere Erklärungen deuten allerdings auf tiefergehende gesellschaftliche Probleme: Mit der fortschreitenden Modernisierung der Leistungsgesellschaft seien zwar große Freiheiten für die individuelle Lebensgestaltung verbunden, die jedoch die Bewältigungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen übersteigen könnten. Überdies würfen die Ergebnisse die Frage auf, ob die erhöhte Sensibilität gegenüber Abweichungen von gesellschaftlich definierten Normen die Entstehung von Leitbildern fördere, die zu einer übertriebenen Pathologisierung führten. Darauf deute besonders die Diagnosehäufigkeit von Entwicklungsstörungen hin.

Dennoch zieht Versorgungsatlas-Teamleiter Jörg Bätzing eine hoffnungsvolle Bilanz. Der „Anstieg muss nicht grundsätzlich bedeuten, dass die Häufigkeit psychischer Störungen zugenommen hat“. Auch die zunehmende Sensibilisierung für eine gesunde psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen könne eine Zunahme der Diagnosehäufigkeit erklären, ebenso wie der offenere Umgang mit psychischen Störungen sowohl durch Betroffene als auch durch die Ärzteschaft und die Gesellschaft insgesamt. (zab, pm)

• Auswertung des Versorgungsatlas zu psychischen Störungen

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