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Weil Gymnasiallehrer an ihre Stammschulen zurück müssen: Schulministerin stellt neues “Steuerungsmodell” gegen Lehrermangel vor

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DÜSSELDORF. Mehrere Jahre arbeiteten Gymnasiallehrkräfte in Nordrhein-Westfalen zeitweise an anderen Schulformen, um dort Personalengpässe zu überbrücken. Nun werden zahlreiche von ihnen wieder an Gymnasien benötigt. Das Schulministerium versucht gegenzusteuern – mit einem neuen Modell, das Lehrkräfte gezielt an besonders belastete Schulen bringen soll. Dennoch wächst an Grundschulen und anderen Schulen der Sekundarstufe I die Sorge, dass sich die Personalprobleme weiter verschärfen.

Mensch ärgere dich nicht. (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Nordrhein-Westfalen will künftig gezielter Lehrkräfte zwischen Schulformen verschieben, um besonders große Personalengpässe zu mildern. Dazu hat das Schulministerium ein neues Steuerungsmodell entwickelt, das zunächst bis zu 300 Lehrerstellen umfasst und ab dem Schuljahr 2027/28 auf insgesamt 600 Stellen anwachsen soll. Ziel ist es, Lehrkräfte mit Lehramt für die Sekundarstufe II zeitweise an Schulen mit besonders schwieriger Personalsituation einzusetzen.

Nach Angaben des Schulministeriums sollen Lehrkräfte eingestellt und an Schulen mit besonderem Personalbedarf abgeordnet werden, bevor sie an ihre Stammschulen wechseln. In der Regel werden sie zunächst für zwei Jahre an andere Schulformen abgeordnet – etwa an Grundschulen, Real- oder Hauptschulen. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) begründet das Vorgehen mit dem anhaltenden Lehrkräftemangel. „Jede Stelle, die auf diese Weise besetzt wird, trägt dazu bei, die Unterrichtssituation an schwerer zu versorgenden Schulen zu verbessern“, erklärte sie bei der Vorstellung des Modells.

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Der Hintergrund liegt in der Rückkehr der Gymnasien zum neunjährigen Bildungsgang (G9). Durch die Umstellung wächst dort ab dem kommenden Schuljahr der Personalbedarf deutlich, weil erstmals wieder ein zusätzlicher Jahrgang unterrichtet werden muss. Um diesen Bedarf abzufedern, hatte das Land in den vergangenen Jahren sogenannte Vorgriffsstellen eingerichtet. Lehrkräfte wurden bereits frühzeitig eingestellt und zunächst an andere Schulformen abgeordnet. Nun werden diese Stellen wie geplant wieder an den Gymnasien benötigt. Nach Angaben des Schulministeriums sind derzeit noch Lehrkräfte im Umfang von 1.276 solcher Vorgriffsstellen an anderen Schulen eingesetzt. Sie sollen schrittweise an die Gymnasien zurückkehren.

„Wir haben Lehrermangel ohne Ende. Und damit werden neue Löcher in der Personaldecke jetzt nur zum Teil gestopft“

Das neue Modell knüpft nach Darstellung des Ministeriums an diese Erfahrungen an. Es soll zumindest einen Teil der entstehenden Lücken ausgleichen. Technisch greift die Landesregierung dabei auf einen bereits bestehenden Pool von Lehrerstellen zurück, die eigentlich zur Vermeidung von Unterrichtsausfall vorgesehen sind. Landesweit gibt es rund 4.250 solcher sogenannten UA-Stellen. Welche Schulen von den zusätzlichen Abordnungen profitieren, soll künftig anhand mehrerer Kriterien entschieden werden. Dazu zählen unter anderem die Personalausstattungsquote einer Schule, der Schulsozialindex sowie Einschätzungen der zuständigen Schulaufsicht. Die Bezirksregierungen sollen die Auswahl koordinieren.

In der Praxis wird die neue Regelung allerdings nicht als Verstärkung wahrgenommen. Vielmehr soll sie vor allem die Folgen der Rückkehr der Vorgriffsstellen an die Gymnasien abmildern. Schulen, die bislang von diesen Lehrkräften profitiert haben, verlieren einen Teil ihres Personals.

Die Reaktionen aus der Praxis fallen entsprechend verhalten aus. Roswita Weber, Vorsitzende der Schulleitungsvereinigung NRW und Leiterin einer Realschule, sieht die Entwicklung mit Sorge. „Wir haben Lehrermangel ohne Ende. Und damit werden neue Löcher in der Personaldecke jetzt nur zum Teil gestopft“, sagte sie der Rheinischen Post. Die Belastung sei bereits deutlich spürbar. „Wir erleben, dass die Ausfallzeiten bei Krankheiten immer länger werden. Das liegt nicht daran, dass die Kollegen weniger engagiert wären, sondern daran, dass die Belastungen immer größer werden.“

Auch aus den Gymnasien kommen warnende Stimmen. Sabine Mistler, Landesvorsitzende des Philologenverbands NRW, betont dem Bericht zufolge, dass auch ihre Schulform zunehmend unter Druck stehe. „Wichtig ist, dass die aktuellen Bedarfe, die nach den Sommerferien bestehen – auch an bestimmten Fachlehrern – dann auch gedeckt werden können. Das muss gut gesteuert werden.“

„Befristete Abordnungen für zwei Jahre können zwar kurzfristig helfen, lösen aber keine strukturellen Probleme“

Die politische Opposition im Landtag sieht in dem neuen Modell vor allem ein weiteres Instrument zur Verwaltung des Mangels. Die Bildungsexpertin der SPD-Fraktion, Dilek Engin, erklärte: „Die Landesregierung versucht, den Lehrkräftemangel mit immer neuen Steuerungsmodellen zu verwalten.“ Besonders Schulen in schwierigen sozialen Lagen bräuchten jedoch langfristige Perspektiven. „Befristete Abordnungen für zwei Jahre können zwar kurzfristig helfen, lösen aber keine strukturellen Probleme.“

Auch die FDP sieht offene Fragen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Franziska Müller-Rech wies darauf hin, dass bereits heute Gymnasiallehrkräfte an Grundschulen arbeiten. Unklar sei, ob diese dauerhaft bleiben können oder ob andere Lehrkräfte stattdessen abgeordnet werden. „Wird es in der neuen Systematik möglich sein, dass Sek-II-Lehrkräfte, die heute bereits an Grundschulen arbeiten, auf Wunsch dauerhaft dortbleiben können – oder müssen sich andere Lehrkräfte auf das ‚Experiment Grundschule‘ einlassen, während die eingearbeiteten Kräfte gegen ihren Willen zurückgeschickt werden?“

Der Hintergrund der Debatte ist eine insgesamt angespannte Personalsituation an den Schulen des Landes. Landesweit fehlen nach aktuellen Angaben mehr als 8.500 Lehrkräfte, Tendenz steigend. Der Bedarf wächst vor allem durch höhere Schülerzahlen, den Ausbau von Ganztagsangeboten, zusätzliche Ressourcen für das Gemeinsame Lernen und zahlreiche Ruhestandsabgänge. Zugleich versucht das Land, mehr Nachwuchs in den Schuldienst zu bringen. Nach Angaben des Schulministeriums haben 2025 mehr als 6.900 Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter ihren Vorbereitungsdienst begonnen.

„Der Lehrkräftemangel ist nach wie vor die größte Herausforderung für viele unserer Schulen“, erklärte Ministerin Feller im vergangenen Dezember. Die Landesregierung setzt deshalb unter anderem auf zusätzliche Studienplätze für Lehramtsstudierende, den Ausbau des Seiteneinstiegs – und auf verstärkte Abordnungen in besonders belastete Regionen. Zu Beginn des laufenden Schuljahres wurden nach Angaben des Schulministeriums landesweit 9.639 Abordnungen ausgesprochen. Das waren rund 1.530 mehr als noch zweieinhalb Jahre zuvor. News4teachers 

Tausende Lehrkräfte zwangsweise versetzt: Wie Abordnungen Unruhe in Schulen bringen – und Betroffene belasten

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Linea
1 Monat zuvor

Überall heißt es Lehrermangel und unsere beiden Refis, die fertig werden, bekommen keine feste Stelle an Grundschulen.
Das verstehe ich nicht.

Tino Baujahr97
1 Monat zuvor
Antwortet  Linea

der Lehrermangel schlägt voll durch und es werden kaum welche nachkommen, weil es tatsächlich unattraktiv geworden ist!
Alles nach meinem Baujahr will Besonderheiten, Schulpläne sind viel zu starr und bieten kaum Möglichkeiten selbst zu entscheiden, z.B. für Lehrer

HarneEinrichson
1 Monat zuvor
Antwortet  Tino Baujahr97

Das passt leider gar nicht zum Ursprungskommentar. Die Refis haben anscheinend ja ihr zweites Staatsexamen abgelegt und bekommen keine feste Stelle – das hat mit Besonderheiten nichts zu tun

blau
1 Monat zuvor
Antwortet  Linea

Das ist auch nicht zu verstehen. Es ist vollkommen bescheuert

Fräulein Rottenmeier
1 Monat zuvor
Antwortet  Linea

Ja, Neustellen werden so gut wie gar nicht ausgeschrieben, weil sie im Haushalt dieses Jahr nicht vorgesehen sind.
Was ich nur immer nicht verstehe, warum man das nicht auch mal offen kommuniziert, anstatt immer von Lehrermangel (ja den gibt es auch) zu faseln….Die Leute sind intelligent genug, das zu verstehen…

Petra OWL
1 Monat zuvor

Wir benötigen dringend neue Modelle und attraktive Arbeitszeiten. Die Zeit von 5 Tage in Präsenz gibt es nur noch in Schule und wenigen anderen Arbeitsplätzen. Wir müssen durch Homeoffice, 4 Tage Woche und 35 Stunden Woche die Attraktivität besonders für nachkommende Generationen attraktiv gestalten.
Die Tankkrise zeigt, wer jetzt im Homeoffice ist, hat nicht nur Zeit gespart, sondern sehr viel Geld. Hasi macht Luftsprünge, er ist soo glücklich und die Sonne lacht 🙂
Eure Peti aus Lippe NRW

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Petra OWL

OWL- ohne wesentliche Lichtblicke.
Grüße aus der Nachbarschaft.

Tino Baujahr97
1 Monat zuvor
Antwortet  Petra OWL

ja aber sofort bitte, einfach nur noch unfair, zb Nullrunde, keine Stundenkürzungen usw. so bekommen wir keine Fachkräfte ran in NRW und in den anderen Bl

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  Petra OWL

Wenn man die explodierenden Sprit-Preise betrachtet und den jämmerlichen TV-L-Abschluss gegenüberstellt, wird sich die gemeine Lehrkraft das tägliche Pendeln über die Dörfer bald nicht mehr leisten können.

Dann wird es sein wie früher: Lehrerlein lebt und arbeitet im Schulhaus, dann hat er sein “Homeoffice” und die GEWerkschaft jubelt, wegen der Möglichkeiten der inklusiven Ganztags-Rundum-Betreuung, die sich für die leuchtenden Kinderaugen daraus ergeben…

Fräulein Rottenmeier
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Gibt ja jetzt die neue E-Auto-Förderung….. 😉

dickebank
1 Monat zuvor

Ist das mit E-Autos so wie mit E- und G-Kursen an GeSas? Aber die förderbedürftigen SuS sitzen doch in den G-Kursen. Fördern und Fordern ist doch die Devise, folglich muss man an die E-Autobesitzer Forderungen stellen.

Kann mir jemand helfen? Ich habe das alles anscheinend doch nicht so richtig verstanden.

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Es wird doch etwas von den E-Autos gefordert Man will, dass diese mehr werden, also werden sie gefördert. Ist doch ähnlich wie mit den E-Kursen und dem Abi: Mehr wird gefordert, also werden auch die Hybrid-Schüler dahin befördert (also die ehemaligen Realschüler).

Zurück bleiben die G(asoline)-Autos, diese bilden die hoffnungslosen Fälle: Da wird zwar ordentlich gefordert (“Abgasreinheit”), aber die Förderung funktioniert nur mit Tricks (“Abschaltautomatik”). Da ist echtes fördern zwecklos, das kennt jeder Lehrer: Gute Testergebnisse bekommt eine Schule nur, wenn die G-Kurse am PISA-Tag mehrheitlich “krank” sind. Der G(eimeine)-Lehrer steht ähnlich da: Fordern tut man vieles, aber fördern zwecklos: f… S… halt…

HarneEinrichson
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Klingt doch nach einer Win – Win Situation. Ganz nebenbei kann der Dienstherr noch die Gehälter kürzen, weil man sich ja die teure Miete spart.

Lehry aus BY
1 Monat zuvor
Antwortet  Petra OWL

Liebe Petra,
Man kann es einfach nicht mehr hören! Ihr homeoffice sind alle Zeiten außerhalb ihrer Unterrichtsstunden! Ca. 40 Prozent!
Wer den Lehrberuf nicht in Präsenz machen will, den kann ich echt nicht ernst nehmen!
Schon mal von Berufen (z. B. Krankenhaus) gehört, die nicht nur alles in Präsenz, sondern auch am Wochenende und gar nachts arbeiten müssen?????
Man kann sich über vieles ärgern (Nullrunden, Höhe des Deputats, überzogene Anforderungen usw.) und ja die Attraktivität unseres schönen Berufs geht gegen Null, aber homeoffice ist indiskutabel.
Bitte wechseln Sie einfach so schnell wie möglich den Beruf!!!!

Petra OWL
1 Monat zuvor
Antwortet  Lehry aus BY

Ich forder auch nicht 100% hybrid, nur 1-2 Tage und Wechsel.
Im Krankenhaus oder Pflege gibt es Zulagen, die 4 Tage Woche oder durchaus auch schon Homeoffice in begrenzten Zeiträumen. Wir wollen aber gezielt die Arbeitbedingungen in Schule verbessern und nicht jetzt mit allem vergleichen.
Nullrunden und Reallohnverluste sind ein eigenes Thema, ja

Mathe Zauberer
1 Monat zuvor

Die Vorgriffsstellen waren eine blöde Erfindung. Da wurden am Gymnasium Lehrer eingestellt, die sie erst nächstes Jahr brauchen und an andere Schulen solange ausgeliehen statt dass diese Schulen einstellen durften. Hauptsache das Gymnasium hat auf Vorrat und die anderen können schauen, wo sie ihre Lehrer finden. Ganz besonders blöd war die Erfindung, diese Lehrer zur Hälfte an zwei Schulen unterzubringen, was organisatorisch eine Katastrophe ist! Doppelbelastung für die Lehrkraft und für den Stundenplan beider Schulen schwierig! Lockt mit Zusatzgeld, aber nicht mit ausleihen!

MoJo0604
1 Monat zuvor

Wir sind im Moment ca. sechs Stellen im Unterhang, zum Ende des Schuljahres gehen noch einmal drei bis fünf Kolleg:innen. Wir würden gerne Stellen ausschreiben, um wenigstens einigermaßen den Betrieb aufrecht erhalten zu können, kriegen aber max. zwei Stellen zugewiesen.

Wenn also keine Stellen ausgeschrieben werden dürfen, können keine besetzt werden und der Lehrkräftemangel bleibt bestehen, egal welche Wundertüten da im Ministerium aus dem Hut gezaubert werden.

Grundschulrefi
1 Monat zuvor
Antwortet  MoJo0604

Der Sinn dahinter erschließt sich für mich als LAA auch einfach gar nicht. Da haben Schulen ernsthafte Probleme und dürfen einfach keine Stellen ausschreiben. Anstatt einfach alle Stellen auszuschreiben, die eigentlich wirklich benötigt werden (und damit auch zeigen, wie hoch der Mangel wirklich ist), werden nur ein Teil der dringend benötigten Stellen überhaupt auf den Markt gebracht. Und dann gibt’s LAAs, die gerade fertig sind und kein Stellenangebot bekommen.

Schotti
1 Monat zuvor

Es gibt ja ganze Regionen in NRW, die seit Jahren keine Stellen ausschreiben dürfen. Da ist der Lehrermangel natürlich hausgemacht.

Christian
1 Monat zuvor

Auf jeden Fall ist der Lehrermangel aktuell kein Absolventenmangel, sondern ein Stellenmangel. Darum sind diese Poollösungsdiskussionen nur Vertuschungsversuche.

Der Lehrermangel wäre schnell behoben, wenn man Schüler nicht 34 Stunden mit Wissen aus übervollen KLPs vollstopfen würde, sondern ihnen Zeit zum (Nach)Lernen gibt. 3 bis 4 Stunden weniger Input pro Woche, der bei der nächsten Vergleichsarbeit nach schriftlichem Erbrechen ohnehin wieder verschwindet. Dafür aber 2 Stunden einer fachbezogenen Arbeitsgemeinschaft. Und zwei Wochen Projekte pro Schuljahr, auf die in Fachkonstellationen koordiniert zugearbeitet wird, damit das Wissen auch benötigt wird. Hattie einladen zur Lehrplanrevision. Der sagt zu, wenn die Lehrpläne um ein Drittel gekürzt werden.

10% weniger Unterrichtsbedarf, 5% mehr Lern- und Anwendungszeit.

Wenn dann noch social Media als Hirnentwicklungsblockierer wegfallen und Kinder wieder Zeit für ein Leben in der Realität haben, ändert sich auch das Lernen und Leben wieder.

Petra OWL
1 Monat zuvor
Antwortet  Christian

oder mit Homeschooling vermischt, 4 Tage Woche etc

Fräulein Rottenmeier
1 Monat zuvor

Nun ja, im Landeshaushalt NRW sind für dieses Haushaltsjahr nur sehr, sehr wenige Neustellen eingeplant. Damit muss Frau Feller zurechtkommen. Daher die kreative Denke des Verschiebebahnhofs…..
Schulen können dankbar sein, wenn die Kollegen, die in Pension gehen, ihren Stuhl nicht mitnehmen…..

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