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Streit über „Abschulungen“ vom Gymnasium – wer ist verantwortlich dafür, dass die Zahl betroffener Schüler nach Klasse 6 drastisch steigt?

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KIEL. Die Zahl der Schüler, die vom Gymnasium an eine Gemeinschaftsschule wechseln müssen, steigt – jedenfalls in Schleswig-Holstein. Dies hat der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Kieler Landtag, Martin Habersaat, mithilfe einer Kleinen Anfrage vom Bildungsministerium ermitteln lassen und damit einen Streit unter den Lehrerverbänden ausgelöst. Die GEW zeigt sich alarmiert: „Für die Gemeinschaftsschulen stellen diese so genannte ‚Abschulungen‘ nach Klasse 6 ein immer größer werdendes Problem dar“, so stellt sie fest. Der Philologenverband hält dagegen: „Schrägversetzungen von Gymnasien an Gemeinschaftsschulen sind kein ‚Aussortieren‘!“

Nach der 6. Klasse ist für viele Schüler am Gymnasium Schluss. Foto: Shutterstock

Schleswig-Holstein hat bei den weiterführenden Schulen ein zweigliedriges Schulsystem: Nach der Grundschule können die Eltern zwischen Gymnasium und Gemeinschaftsschule entscheiden.

Um satte 30 Prozent ist allerdings die Zahl der Schüler gestiegen, die zwischen den Schuljahren 2015/16 und 2017/18 in Schleswig-Holstein vom Gymnasium auf eine Gemeinschaftsschule gewechselt sind. „Das ist dann ein Problem, wenn man – anders als offenbar die Landesregierung – die Gemeinschaftsschulen als eigenständige Schulart mit einem durchgängigen pädagogischen Konzept ernst nimmt und sie nicht als Auffangbecken für die Gymnasien betrachtet“, meint Habersaat und betont: „Ein besonderer Blick muss auf die sogenannten Schrägversetzungen von Klasse 6 am Gymnasium in Klasse 7 auf der Gemeinschaftsschule gerichtet werden.“ Von 330 Fällen 2015/16 stieg dieser Wert auf 578 Fälle 2017/18 – was einem Plus von 75 Prozent entspricht.

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„Das bedeutet vielerorts, dass Gemeinschaftsschulen ihre Klassenstrukturen in Klasse 7 auflösen und neu ordnen müssen, eine durchgängige pädagogische Arbeit ab Klasse 5 wird erschwert. Im Landesschnitt gab es pro Gymnasium 5,8 Schrägversetzungen“, so rechnet Habersaat vor. „Es ist es nicht zu vertreten, dass die Gemeinschaftsschulen immer stärker dazu gezwungen werden, ihre 7. Klassen neu zu durchmischen. Darunter leiden Pädagogik und die soziale Gemeinschaft an der Gemeinschaftsschule“, meint auch GEW-Landeschefin Astrid Henke.

“Zum Wohl des Kindes”

„Habersaat verkennt die Lage“, sagt hingegen der Landesvorsitzende des Philologenverbands,  Jens Finger (der Philologenverband vertritt vor allem Gymnasiallehrer). In den allermeisten Fällen, so Finger, erfolge eine Schrägversetzung oder der freiwillige Wechsel an eine Gemeinschaftsschule zum Wohl des Kindes, um diesem „Vergeblichkeitserfahrungen aufgrund zu hoher Anforderungen“ zu ersparen.

Die Ursache für eine Korrektur der Schullaufbahn liege in allererster Hinsicht in dem bis vor kurzem uneingeschränkten Elternwillen in Fragen der Schullaufbahn. „Wenn Eltern sich für das Gymnasium entscheiden – trotz offenkundiger Leistungsdefizite, die bereits in der Grundschule erkennbar sind –, kann man die Lehrkräfte an den Gymnasien nicht verantwortlich machen, wenn sich die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen“, meint Finger. Er sieht in der kürzlich erfolgten Wiedereinführung der (unverbindlichen) Schulartempfehlung in Klasse 4 den richtigen Weg, falsche oder riskante Schullaufbahnentscheidungen zu vermeiden.

Im Übrigen, meint Finger, erhebe die Schulart Gemeinschaftsschule schließlich den Anspruch, alle Schulabschlüsse, also auch das Abitur, zu vergeben, so dass ein Wechsel vom Gymnasium an die Gemeinschaftsschule doch die Bildungschancen und späteren beruflichen Möglichkeiten des Kindes nicht beeinträchtige. Das sieht die GEW-Vorsitzende Henke deutlich anders: Für die betroffenen Schülerinnen und Schüler sei das Erlebnis des schulischen Scheiterns kein guter Ausgangspunkt für ihre schulische Entwicklung. Sie fordert von der CDU-geführten Jamaika-Koalition, das Profil der Gemeinschaftsschulen zu schärfen. „Die Gemeinschaftsschulen brauchen bessere Bedingungen, damit Eltern in dieser Schulform für ihre Kinder eine ernsthafte Alternative zum Gymnasium sehen. Dazu zählt auch die konkrete Perspektive des Abiturs an der Gemeinschaftsschule“, sagt Henke.

Sozialdemokrat Habersaat sieht vor allem die Gymnasien in der Pflicht. „Begegnet werden muss dieser Entwicklung an zwei Ansatzpunkten: Erstens mit intensiven Beratungsgesprächen beim Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule, zweitens – aus unserer Sicht der wichtigere Punkt – durch eine Änderung der pädagogischen Arbeit an den Gymnasien“, so erklärt er. „Schulen sollten Verantwortung übernehmen für alle Schülerinnen und Schüler, die ihnen anvertraut sind. Gerade in der beginnenden Pubertät ist es für Schülerinnen und Schüler wichtig, dazuzugehören und zu wissen, wo ihr Platz ist. Angst vor einer drohenden Abschulung – auch wenn diese nicht mehr so genannt wird – hilft da nicht.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Wie gerecht ist das Schulsystem? Kinder aus armen Familien werden nach wie vor benachteiligt – ein Debattenbeitrag

 

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