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Höher, schneller, weiter: Lässt der Schulsport einen Großteil der Schüler auf der Strecke? Forscherin plädiert für Neuausrichtung

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SALZBURG/WIEN. Die gesellschaftlichen Anforderungen an die Schule sind immens und beim Schulsport scheinen sie manchmal bis ins Absurde gesteigert. Grundsätzlich könne der Sportunterricht tatsächlich viele Forderungen erfüllen, betont die Wiener Pädagogin Brigitta Höger. Doch mit zwei bis vier Stunden pro Woche gehe der Sportunterricht vielfach ins Leere.

Ein vor allem leistungsorientierter Sportunterricht erreicht viele Schüler nicht. Foto: Shutterstock

Geht es um die Behebung gesellschaftlicher Defizite, fällt politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren meist ziemlich schnell die Schule ein. Gerade für den Sportunterricht scheint dabei ein „Höher – Schneller – Weiter“ zu gelten. Bildungs- und Gesundheitspolitik stellen eine Reihe von Anforderungen, was der Schulsport zu leisten hat. So soll er die physische und psychische Gesundheit fördern, die kognitive Leistungsfähigkeit steigern, soziale Lernmöglichkeiten bieten, zu einem gesunden und bewegten Lebensstil erziehen, Grundfähigkeiten für ein lebenslanges Sporttreiben vermitteln und idealerweise gleichzeitig auch noch Spaß machen. Doch reichen dafür zwei- bis viermal pro Woche 45 Minuten Sport-„Frontalunterricht“?

Brigitta Höger von der Universität Wien hat das untersucht. „Schulsport scheint zum Breitbandantibiotikum für gesellschaftliche Defizite und Anliegen zu avancieren“, so die Mitarbeiterin des Instituts für LehrerInnenbildung. Die Forderungen ließen sich zwar grundsätzlich rechtfertigen, da empirische Befunde derartige Wirkweisen des Sportes grundsätzlich belegten. Als problematisch ist Höger zufolge jedoch zu werten, „dass jene Wirkmechanismen des Sportes, die unter meist hochspezifischen Bedingungen in empirischen Studien untersucht wurden, häufig uneingeschränkt auf das Unterrichtsfach Sport übertragen werden. ‚Sport macht klug!’ – ‘Sport steigert die Konzentrationsfähigkeit!’ – ‚Sport schützt vor Adipositas!’ Aber welcher ‚Sport’ ist denn gemeint?“, fragt sie provozierend.

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Sport habe unzählige unterschiedliche Facetten: eine Bergwanderung, eine Yoga-Einheit, ein Ballspiel, ein Hindernisparcour, ein lateinamerikanischer Tanz, eine Jonglier-Übung, ein Dauerlauf – Sport sei nicht gleich Sport. Meist, bedauert Höger, werde leider nicht hinterfragt, welche spezifische Form von Sport in welchem Umfang denn tatsächlich notwendig wäre, um eine relevante, „messbare“ Verbesserung einer Leistung herbeizuführen.

Ein Blick auf die Fakten stimmt wenig optimistisch: Je nach Schulstufe und Schulform sind in der Regel zwei- bis viermal pro Woche je 45 Minuten für das Fach Sport reserviert. Nach Abzug notwendiger Zeiten für Umziehen, Hin- und Wegräumen, Erklärung und Organisation bleiben Messungen zufolge nur durchschnittlich 8 bis 10 Minuten für eine Bewegung in mindestens mittlerer Intensität. In Doppelstunden sieht es kaum besser aus. Dieser „Sport“ kann sich kaum positiv auf die aerobe Ausdauer und Fettverbrennung auswirken.

Nicht jede Stunde sei außerdem auf intensive Bewegung ausgerichtet. Sportunterricht, umfasse beispielsweise auch Stunden, die auf die Koordination fokussiert sind, um die Konzentrationsfähigkeit zu fördern. Diese wiesen eine sicherlich geringere Bewegungszeit und -Intensität auf.

Der Sportunterricht muss grundsätzlicher werden

„Den einen Sportunterricht, der eine gesamte junge Generation gleichermaßen fit, gesund, klug, sozial kompatibel und selbstbewusst macht, gibt es nicht“, betont denn auch Brigitta Höger. Stattdessen gebe es unzählige verschiedene Ausprägungs- und Inszenierungsformen von Bewegung, Sport und körperlicher Aktivität, eine hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und Interessen äußerst diverse Schülerschaft, ein von Schule zu Schule spezifisches Setting und völlig verschiedene Lehrkräfte, die unterschiedlich intensive Anstrengungen unternehmen. „Die erfolgreiche Umsetzung einzelner Forderungen wird immer auf Kosten anderer geschehen und läuft Gefahr, einen großen Teil der Schüler auf der Strecke zu lassen“, so Höger.

Högers Forderung kommt nicht weniger als einer Neuausrichtung des Sportunterrichts gleich. Ihrer Meinung nach müsse Schulsport den Schülern und auch ihren Eltern verschiedene individuelle Möglichkeiten bieten. Er müsse vor allem Gesundheitskompetenz vermitteln, in Form von Wissen, grundlegenden Fähigkeiten und Motivation zu einem reflektierten Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Gesundheit. Wenn er das schaffe, trieben viele Jugendliche auch außerhalb der Schule, zum Beispiel in Vereinen, weiter Sport, ist die Pädagogin überzeugt.

Brigitta Höger: „Ob zwei bis vier 50-minütige Einheiten pro Woche ausreichen, sie dafür zu motivieren, sei dahingestellt. In jedem Fall werden voll ausgebildete Lehrkräfte gebraucht (im Gegensatz zu fachfremd unterrichtenden), die in der Lage sind, den Schulsport in einer mehrperspektivischen Weise zu gestalten und sich bewusst gegen einen limitierten Sportartenkanon und eine reine Leistungsorientierung entscheiden.“ (zab, pm)

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