KONSTANZ. Ein leistungsstarkes Umfeld ist schlecht für das emotionale Wohlbefinden von Schülern, zeigt ein Konstanzer Studie. Das hat auch Auswirkungen auf die Leistungen.
Lehrer können es nahezu täglich beobachten: Schüler mit leistungsschwächeren Klassenkameraden verfügen in der Regel über ein höheres Selbstbewusstsein als Schüler, die mehr Mühe haben, dem Klassenniveau zu folgen.
Von Haus aus nicht besonders selbstbewusste Schüler können insofern von einer schwächeren Klasse profitieren. Manche Psychologen empfehlen Eltern gar, ihre Kinder auf vermeintlich schwächere Schulen zu schicken. Es muss eigentlich verwundern, dass erst in den 1980er Jahren ein wissenschaftlicher Nachweis für den sogenannten „Fischteich-“ oder „Big-fish-little-pond-Effekt“ gelungen ist.
Das Phänomen, das der Begriff bildlich umschreibt, ist für die Selbsteinschätzung von Menschen von immenser Bedeutung. Bewegt sich eine Person in einem relativ leistungsschwachen Umfeld, profitiert die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten. Sie ist der “big fish” unter den vielen kleinen Fischen im Teich. Wird dieselbe Person in einen leistungsstarken Kontext versetzt, leidet die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten – bei gleicher Leistungsfähigkeit. Der ursprüngliche big fish wird nun zum little fish.
Der Wiener Bildungspsychologe Thomas Götz, seinerzeit Bildungsforscher an der Universität Konstanz, ging in einer Studie der Frage nach, ob dieses Phänomen auch im Fall von Schülern im Fach Mathematik Auswirkungen auf deren Emotionen in der Schule hat. Das Ergebnis ist eindeutig: Tatsächlich fühlen sich die Befragten in einem relativ zu ihrer Leistungsfähigkeit schwachen Umfeld wohler als in einem entsprechend starken.
Götz’ Studie basiert auf einer Querschnittserhebung und zwei Längsschnittstudien, in der Schüler von der fünften bis zehnten Jahrgangsstufe über alle Schultypen hinweg jährlich bzw. zweimal befragt wurden. Insgesamt nahmen rund 7.700 Schüler an der Untersuchung teil.
Das Ergebnis sei über alle drei Teilstudien robust, so der Wissenschaftler. Es sei demnach für das Selbstkonzept und daraus folgend für Emotionen positiv, wenn jemand eine hohe Leistung erbringt, aber es ist für das Selbstkonzept und die Emotionen negativ, wenn sich der Schüler in einer leistungsstarken Klasse befindet. Entsprechend war es gut für das Selbstkonzept und damit auch für die Emotionen der Schüler, wenn das Umfeld schwächer war. Götz: „Wir wollen an unseren Schulen natürlich nicht, dass ein leistungsstarker Kontext die Emotionen schwächt.“
Der Empiriker hat dieses Phänomen in der Vergangenheit am eigenen Leib erfahren. Vor seinem Psychologie-Studium studierte er Kirchenmusik: „Ich war vorher der Meinung, dass ich ziemlich gut Klavier und Orgel spiele. An der Musikhochschule mit all den Überfliegern dachte ich plötzlich: Eigentlich bin ich gar nicht so gut, wie ich gemeint habe.“ Ähnliche Phänomene lassen sich in Hochbegabtenzügen feststellen. Die zuvor guten Schüler nehmen ihre Leistung nicht mehr als so gut wahr, was mit einem Verlust an positiven Emotionen einhergeht.
Darüber hinaus bestehe eine Wechselwirkung: Die Leistung beeinflusst die Emotionen, und die Emotionen beeinflussen die Leistung. Würden positive Emotionen reduziert, werden auch die Leistungen schlechter. Thomas Götz betont daher, wie wichtig es ist, dieses Phänomen gerade dann zu berücksichtigen, wenn ein Wechsel auf eine höhere Schule ansteht. „Es ist verständlich, dass Eltern ihre Kinder in ein leistungsstarkes schulisches Umfeld geben wollen. Wichtig ist aber auch, dass Eltern und Lehrpersonen sich dessen bewusst sind, dass es insbesondere am Anfang emotional belastend sein kann, wenn das Kind in einen sehr leistungsstarken Kontext kommt.“ Letztlich gehe es nicht nur um Leistungsentwicklung, sondern auch darum, wie sich die Schüler fühlen. (zab, pm)
Studie: Eine „gute Schule” fördert die Karriere besser, wenn das Leistungsniveau niedrig ist
