DÜSSELDORF. Das Vorhaben der nordrhein-westfälischen Landesregierung, kommende Woche den Schulbetrieb wieder anlaufen zu lassen, sorgt für Proteste im Internet. Unter dem Hashtag #SchulboykottNRW meldeten sich bei Twitter Tausende Benutzer zu Wort, die sich um die Gesundheit von Schülern und Lehrern sorgten. In vielen sarkastischen Grafiken wurden zum Beispiel Friedhöfe oder ein Abiball voller Grabsteine gezeigt. Auch in den Leserforen auf News4teachers sowie auf der Facebook-Seite von News4teachers rollt die Empörungswelle. Wir dokumentieren exemplarisch das offene Schreiben einer Lehrerin an Ministerpräsident Armin Laschet (CDU).
Die Lehrerin veröffentlichte am Donnerstag in einem Leserforum von News4teachers den folgenden Beitrag. Wir dokumentieren den Post vollständig:
“Ich persönlich bin richtig bedient. Herr Laschet bitte treten sie ab!
Gestern wurde vom Unterrichtsbeginn von 4.5. Gesprochen. Die Bundesländer würden gemeinsam dieaen Termin anvisieren. Heute ist wieder alles anders und doch bleibt alles beim Alten. Getrieben von unethischen Gründen der Selbstdarstellung und labilen Haltung gegenüber der Wirtschaft hat Herr Laschet wieder mal versucht zu punkten. Danke, dass jetzt jedes Bundesland einheitlich seinen eigenen Weg geht. Jetzt wird erwartet, dass die Schulen in kurzer Zeit (NRW am 20.4) ein Konzept aus dem Boden stampfen.
Sehr geehrter Herr Laschet, ich lade sie herzlich ein, in den Containern unserer Schule (diese wird nämlich renoviert…ebenso erfolgreich wie der Berliner Flughafen erbaut wurde) den Unterricht mal eine Woche zu begleiten. Als kleines Schmanckerl: keine Atemschutzmasken, aber was noch viel besser ist: keine Waschbecken und natürlich auch keine Desinfektionsmittel. Sehr gerne möchte ich sehen, ob Sie unter diesen Umständen dort unterrichten wollen würden, oder wenn Ihre Kinder in dem Alter wären, sehen ob Sie sie tatsächlich dort reinschicken.
30.000 (!) Kommentare unter dem letzten Post.
Was für ein Debakel für die @CDUNRW_de. Wer mal gucken will, wie gescheiterte Politik aussieht, möge einen Blick werfen auf den Instagram-Account von @ArminLaschet.#SchulboykottNRW #SchulboykottDE
— Nico Semsrott (@nicosemsrott) April 17, 2020
Achja, was durfte ich gerade lesen, unsere Kinder und Jugendlichen sind ja wohl anscheinend so was wie immun. An dieser Stelle fällt mir gleich alles aus dem Gesicht. Es gibt auch schwere Verlaufsformen bei Kindern und Jugendlichen. Wer die Zahlen aus den Nachbarländern ansieht, weiss das. Wie sich ein Intensivpatient nach dem Infekt mit schweren Schädigungen des Herzmuskels oder mit einer Einschränkung durch Lungenfibrom im Alltag dann wiederfindet, steht auf einem anderen Blatt …aber Hauptsache der Schüler/*in hat dann Abitur.
Herr Kekule argumentiert, ‚mit den paar Toten dieser Altersgruppe müssten wir leben, so hart es sich anhört“. Ja, vielleicht ist es sogar besser daran zu versterben, weil die Folgeschäden machen das Leben nicht lebenswerter! Ich habe eine Hochrechnung gefunden, in der eine sechstellige Zahl angegeben wurde, von U20 jährigen, die hierzulande mit Spätfolgen durch einen Infekt mit diesem neuartigen Corona Virus zu rechnen haben. Hinter jeder Zahl stehen Einzelschicksale….für andere sind es nur die paar unbedeutenden jungen Leute, die halt Pech hatten.
Mich macht das alles sehr traurig. Wie soll das alles funktionieren?
Solange die Gemengelage offenbar noch so undurchsichtig ist, wäre auch eine Möglichkeit auf die Freiwilligkeit der Bürgerinnen und Bürger bei der Teilnahme an diesem Feldversuch zu setzen. Diejenigen, die das Risiko als überschaubar erachten sollen und dürfen nach den politischen Vorgaben diese Exit Strategie (des Herrn Laschet) folgen. Ansonsten wäre eine Aussetzung der Schulpflicht für den Zeitraum, bis massenverfügbare wirksame Medikamente vorhanden sind, auch eine Lösung.
Der Gesundheitsexperte @ArminLaschet will die Schulen in NRW nächste Woche öffnen – was die Leute davon halten, seht ihr ja unter #SchulboykottNRW.
Wir sagen: Bleibt am 24.04 zuhause, schützt eure Mitmenschen & macht beim #NetzstreikFürsKlima mit! So bekämpfen wir beide Krisen. pic.twitter.com/Mj8muwf1zr
— Fridays For Future Germany (@FridayForFuture) April 17, 2020
… jeder, der sich im Umland umsieht, bemerkt, die Schulen in anderen Ländern bleiben auch geschossen. Das Homeschooling funktioniert hier in Deutschland besser als in anderen Ländern aufgrund des guten technischen Standards. Also wieso wird hier ein Druck aufgebaut? Wieso höre ich nichts von den Lösungen für verkrankte Schüler oder deren vorerkrankte Familienmitglieder? Lehrer dürfen sich zum Glück ja freistellen lassen.
Wieso steht die Wirtschaft und der falsche Ehrgeiz, als erster einen Ausstieg aus der Krise (die ja gerade erst beginnt!), zu finden, vor dem Recht jedes einzelnen gesund bleiben zu wollen und zu dürfen? Aber wieso denke ich, dass die zuvor so angestrebte Solidarität mit den Schwächeren hier gerade verloren geht …zugunsten der Profilneurose einiger Politiker?” News4teachers / mit Material der dpa
Liebe Schüler,
ich verstehe eure Sorgen zum geplanten Schulstart in #NRW.
Aber, da kein warmes Wasser und keine Seife in der Schule sind und der
Hygieneplan noch von 2015, nehmt doch bitte einen Einkaufswagen mit.
Wegen dem Abstand.#Covid_19
#SchulboykottNRW—
Tommy WePunkt (🚒🚑) (@TommyWies) April
17, 2020
Die weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen öffnen bereits ab kommendem Donnerstag wieder die Pforten für Prüflinge der Jahrgangsstufen 10, 12 und 13. Sie sollen dort nicht nach klassischem Stundenplan unterrichtet werden, sondern gezielte Angebote zur Prüfungsvorbereitung auf das Abitur oder mittlere Abschlüsse erhalten.
Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte in dieser Woche betont, es sei den Schülern freigestellt, daran teilzunehmen oder zu Hause weiterzulernen. SPD und Grüne lehnen das ab. «Es ist unzumutbar, dass die Schülerinnen und Schüler sich jetzt zwischen Gesundheitsschutz für ihre Familie und Prüfungsvorbereitung in der Schule entscheiden müssen», beklagten die Grünen. Auch die SPD kritisierte «unnötigen Entscheidungsdruck» und Verunsicherung.
Dagegen warnten gleich vier Lehrerverände am Freitag vor einem Frühstart, der nicht hnmal die Zeit lasse, die nötigsten Hygiene- und Schutzmaßnahmen sicherzustellen (News4teachers berichtete). «Die Landesregierung darf Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler nicht einem solchen Gesundheitsrisiko aussetzen», unterstrich der Vizevorsitzende des von “lehrer nrw”, Sven Christoffer. Die Schulträger haben vom Ministerium von Montag bis Mittwoch Zeit für die Vorbereitungen eingeräumt bekommen.
Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.
