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Schule der Zukunft: Warum Zukunftskompetenzen nicht durch Technik entstehen – sondern durch Beziehung und Mitgestaltung

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STUTTGART. Beziehung statt Belehrung, Spielraum statt Steuerung: Stephanie Wössner wirbt für eine Lernkultur, in der Zukunftskompetenzen aus Wirksamkeit und Verantwortung entstehen. Freiberuflich arbeitet sie als Beraterin, Keynote-Speakerin und Autorin und veröffentlicht regelmäßig Fachbeiträge; hauptberuflich ist sie ehemalige Lehrerin und heute Leiterin der Stabsstelle „Zukunft des Lernens“ am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. In ihrem (zweiten) Gastkommtentar für News4teachers zeigt sie, warum „Learning for Life“ und „Playfulness“ keine pädagogischen Trends sind – sondern Voraussetzungen für eine demokratische und zukunftsfähige Bildung.

Hier geht es zurück zu ihrem ersten Beitrag. 

Stephanie Wössner. Illustration: Shutterstock

Lernen als Beziehung und Spielraum – wie Zukunftskompetenzen entstehen

Wenn von Zukunftskompetenzen die Rede ist, stehen häufig technische Fertigkeiten, Problemlösefähigkeit oder Innovationsbereitschaft im Mittelpunkt. Weit seltener wird darüber gesprochen, unter welchen Bedingungen diese Fähigkeiten überhaupt entstehen können. Dabei zeigt die Praxis ebenso wie die Bildungsforschung seit Langem: Nachhaltiges Lernen wächst nicht aus Instruktion, sondern aus Beziehung, Sinn und Beteiligung. 

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Zukunftsorientiertes Lernen entsteht dort, wo Menschen sich als wirksam erleben, wo sie Verantwortung übernehmen dürfen und wo Lernen mit persönlicher Bedeutung verknüpft ist. Es braucht emotionale Sicherheit ebenso wie intellektuelle Herausforderung. Zwei Meta-Strategien verdeutlichen diesen Zusammenhang besonders klar: Learning for Life und Playfulness. 

Beide Perspektiven sind Teil eines übergreifenden Future:Systems, das aus der Analyse realer Transformationsprozesse entstanden ist und zeigt, wo Transformation heute schon stattfindet – und wie durch die Reibung von Trend und Gegentrend Zukunft tagtäglich entsteht. Beide rücken nicht Methoden, sondern Lernkulturen in den Mittelpunkt. Sie zeigen, dass Zukunftskompetenzen nicht „vermittelt“ werden können, sondern sich in sozialen und kreativen Prozessen entwickeln. 

Metastrategie 1 – Learning for Life: Lernen als gemeinschaftlicher Lebensprozess 

Learning for Life versteht Lernen als Teil des gesamten Lebensverlaufs. Kompetenzen entstehen nicht isoliert im Klassenzimmer, sondern im Zusammenspiel von Schule, Familie, Zivilgesellschaft, Arbeitswelt und persönlicher Biografie. Lernen ist ein lebenslanger Prozess, dessen Fundament in der Schule gelegt wird – womit die Bildung wieder als gesamtgesellschaftliche Aufgabe positioniert wird. 

In generationenübergreifenden Formaten wie Zukunftsnächten oder Workshops mit Jugendlichen und Senior:innen wird diese Perspektive besonders deutlich. Hier begegnen sich unterschiedliche Lebenswelten, Erfahrungen und Erwartungen. Fragen nach Zukunft, Verantwortung und Sinn werden nicht theoretisch verhandelt, sondern biografisch gespiegelt. Jugendliche erleben, dass ihre Perspektiven gesellschaftlich relevant sind. Ältere Teilnehmende erfahren, dass ihre Erfahrungen weiterhin Bedeutung haben. Lernen wird zu einem gemeinsamen Suchprozess nach Orientierung in einer komplexen Welt. Solche Formate schaffen soziale Resonanzräume, in denen Vertrauen, Anerkennung und Dialog entstehen. Sie bilden eine Grundlage für demokratische Lernkulturen.  

Learning for Life bedeutet zugleich, Lernen mit realen gesellschaftlichen Herausforderungen zu verbinden. Nachhaltigkeit, Digitalisierung, soziale Gerechtigkeit oder demokratische Teilhabe und Mitgestaltung werden nicht als abstrakte Unterrichtsthemen behandelt, sondern als persönliche und kollektive Gestaltungsaufgaben erlebt. In solchen Lernprozessen entwickeln junge Menschen ein Verständnis für Zusammenhänge, Zielkonflikte und Verantwortung. Sie erleben, dass gesellschaftliche Fragen nicht einfache Antworten haben, sondern Aushandlung erfordern. Entscheidend ist dabei die Erfahrung von Wirksamkeit. Wer erlebt, dass eigenes Handeln Wirkung entfaltet, entwickelt langfristig Engagement und Verantwortungsbereitschaft. Zukunftsorientiertes Lernen schafft hierfür Räume, in denen Beteiligung ernst gemeint ist. 

Metastrategie 2 – Playfulness: Lernen als Haltung des Erkundens 

Während Learning for Life den sozialen Rahmen betont, richtet Playfulness den Blick auf die innere Haltung gegenüber Lernen. Playfulness meint eine explorative, neugiergetragene und fehlertolerante Lernkultur. In spielerisch geprägten Lernsettings wird Lernen nicht als lineare Abfolge von Aufgaben verstanden, sondern als offener Prozess. Hypothesen dürfen scheitern. Ideen dürfen verworfen werden. Irrwege gehören zum Lernen dazu. 

Diese Haltung ist zentral für Zukunftsfähigkeit. In einer Welt permanenter Veränderung sind Menschen gefragt, die Unsicherheit aushalten, Neues ausprobieren und kreative Lösungswege entwickeln können. Playfulness trainiert genau diese Fähigkeiten. In Form von Game-based Education findet sie schon längst im pädagogischen Bereich statt. 

Beispiel 1: Game-based Learning mit BLOCKALOT 

Angebote wie BLOCKALOT zeigen, wie spielerische Lernkulturen mit zukunftsorientiertem Lernen verbunden werden können. In diesen virtuellen Räumen gestalten Lernende gemeinsam Projekte, organisieren Beteiligungsprozesse oder erleben gesellschaftliche Entscheidungsfindung. Dabei entstehen komplexe soziale Dynamiken. Ressourcen müssen verteilt, Konflikte moderiert, Interessen ausgehandelt werden. Lernende erfahren unmittelbar, wie Kooperation, Macht und Verantwortung zusammenhängen. 

Spiel wird so zum Experimentierfeld für demokratisches Handeln. Gesellschaftliche Prozesse werden nicht erklärt, sondern erlebt. Dieses erfahrungsbasierte und handlungsorientierte Lernen führt – wie Projekte wie SERASUM: For a better tomorrow zeigen – zu nachhaltigerem Verständnis, der Entwicklung von Selbstwirksamkeit und dem Gefühl, dass Zukunft gestaltet werden kann, also nicht einfach „passiert“. 

Beispiel 2: Making mit gesellschaftlichem Bezug 

Auch im Bereich des pädagogischen Making und kreativen Gestaltens zeigt sich die Bedeutung von Playfulness. In pädagogischen Ansätzen wie das der amerikanischen Schule NuVu steht nicht das fertige Produkt im Zentrum, sondern der iterative Entwicklungsprozess. Jugendliche entwerfen in sogenannten Studios Prototypen, testen Materialien, reflektieren Fehlversuche und überarbeiten ihre Ideen. Technologie wird dabei als Unterstützung für Problemlösung und Gestaltung genutzt – nicht als Selbstzweck. Entscheidend ist der gesellschaftliche Bezug. Making entfaltet seine Wirkung dann, wenn es an reale Fragestellungen und Werte anschließt. Andernfalls bleibt es bei technischer Beschäftigung ohne transformative Tiefe. Zukunftsorientiertes Lernen verbindet also kreative Freiheit mit ethischer und sozialer Verantwortung. 

Selbstwirksamkeit als Kernkompetenz 

Learning for Life und Playfulness schaffen gemeinsam die Grundlage für Selbstwirksamkeit. Beziehung ermöglicht emotionale Sicherheit. Spiel eröffnet Handlungsspielräume. Beide zusammen stärken das Vertrauen in die eigene Gestaltungsfähigkeit. 

Lernende, die erfahren, dass ihre Perspektiven zählen und dass sie Prozesse mitgestalten dürfen, entwickeln ein anderes Verhältnis zu Lernen. Sie begreifen sich nicht als Ausführende vorgegebener Aufgaben, sondern als verantwortliche Akteur:innen. Dieses Selbstverständnis ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung. 

Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch Lob oder Motivationstrainings, sondern durch Erfahrungen von Einfluss, Verantwortung und Resonanz. Zukunftsorientiertes Lernen schafft solche Erfahrungsräume systematisch und fördert so intrinsische Motivation. 

Von der Leistungslogik zur Ermöglichung 

Learning for Life und Playfulness wirken zugleich demokratiefördernd, weil sie Lernen als Dialog- und Aushandlungsprozess erfahrbar machen. Wo Lernende Verantwortung übernehmen, Perspektiven austauschen und konstruktiv mit Konflikten umgehen, entstehen demokratische Kompetenzen nicht durch Belehrung, sondern durch Praxis. Gerade in Zeiten von Polarisierung wird diese Erfahrung zentral: Meinungsvielfalt wird nicht als Störung erlebt, sondern als Ressource, um gemeinsame Lösungen zu entwickeln.  

Die Potenziale von Beziehung und Spiel stoßen jedoch dort an Grenzen, wo Lernen primär über Leistung, Vergleich und Kontrolle organisiert wird. Standardisierte Tests, Rankings und permanente Bewertung erzeugen Anpassungsdruck und Risikovermeidung. Unter solchen Bedingungen wird Experimentieren zur Gefahr, Scheitern zur Bedrohung und Kooperation zur taktischen Option. Lernende lernen, Erwartungen zu erfüllen – nicht, Verantwortung zu übernehmen. Eine solche Logik steht im Widerspruch zu den Anforderungen einer offenen, demokratischen und nachhaltigen Gesellschaft. 

Zukunftsorientiertes Lernen erfordert daher einen Perspektivwechsel: weg von Steuerung, hin zu Ermöglichung. Statt Lernprozesse detailliert zu planen und zu kontrollieren, gilt es, Rahmenbedingungen für eigenständige Entwicklung zu schaffen. Statt junge Menschen zu möglichst homogenen Erwachsenen zu machen, gilt Diversität in jeglicher Form als Bereicherung. Das bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern professionelle Gestaltung von Freiräumen. Lernbegleitende übernehmen dabei eine zentrale Rolle als Prozessgestalter:innen, die Orientierung geben, ohne zu bevormunden. Learning for Life und Playfulness liefern hierfür erprobte kulturelle Muster. 

Beide Meta-Strategien machen deutlich: Lernen ist keine technische Dienstleistung, sondern eine kulturelle Praxis. Es ist eingebettet in Werte, Beziehungen, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Vorstellungen von Erfolg. Wer die Zukunft des Lernens gestalten will, muss deshalb an diesen kulturellen Grundlagen ansetzen. Es reicht nicht, Projekte zu implementieren oder Programme aufzusetzen. Entscheidend ist die langfristige Entwicklung von Lernkulturen. Diese Kulturen entstehen durch Haltung, nicht durch Vorgaben. 

Die Bedeutung für die Zukunft des Lernens 

In einer Welt, die von Unsicherheit, Komplexität und schnellen Veränderungen geprägt ist, gewinnen jene Lernformen an Bedeutung, die Menschen zur Selbstbestimmung, Kooperation und Reflexion befähigen und Menschlichkeit im Umgang miteinander fördern. Learning for Life und Playfulness fördern genau diese Fähigkeiten. Sie verbinden persönliche Entwicklung mit gesellschaftlicher Verantwortung. Sie stärken Resilienz, Gestaltungskompetenz und Urteilsfähigkeit. Damit leisten sie einen zentralen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit von Individuen und Gemeinschaften. 

Zukunftsorientiertes Lernen gründet nicht auf Beschleunigung oder Optimierung. Es gründet auf Beziehung, Sinn und Gestaltung. Wo Menschen sich zugehörig fühlen, wo Lernen Bedeutung hat und wo Gestaltung möglich ist, entsteht langfristige intrinsische Motivation. Dort wächst die Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen. Die Zukunft des Lernens entscheidet sich deshalb nicht in Technologien oder Curricula, sondern in der Qualität der Beziehungen, die wir ermöglichen. News4teachers

Weitere Informationen unter: www.steffi-woessner.de 

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Schule der Zukunft“.

Und hier geht es zu Stephanie Wössners erstem Beitrag zum News4teachers-Themenmonat:

Gastkommentar: „Die Zukunft des Lernens ist nicht digital, sondern menschlich“

 

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