„Unsere Aufgabe ist es zu erklären“: Wissensreporter Ralph Caspers im Interview

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DÜSSELDORF. Warum sollte man Oma und Opa nicht besuchen? Warum hilft es, wenn alle schulfrei haben? Was machen, wenn man jetzt Geburtstag hat? Kinder haben viele Fragen rund um das Coronavirus, Antworten bietet die „Sendung mit der Maus“: Dort nimmt sich Fernsehmoderator und -reporter Ralph Caspers täglich ein paar Minuten Zeit, altersgerecht auf sie einzugehen. Im Interview mit News4teachers erklärt er, warum es wichtig ist, Kinder mit ihren Fragen ernst zu nehmen.

Als Reporter und Moderator der „Sendung mit der Maus“ erklärt Ralph Caspers schon den Kleinen die Welt. Foto: Johannes Haas

News4teachers: Seit über 20 Jahren vermitteln Sie Wissenswertes im Fernsehen. Durch die „Sendung mit der Maus“ sind Sie auch schon bei den Jüngsten sehr bekannt. Worauf achten Sie besonders, wenn Sie Themen für die ganz Kleinen aufbereiten?
Caspers: Also das allerwichtigste ist, dass ich es erst mal selbst verstehe. Und wenn ich es verstanden habe, dann kann ich versuchen, es anderen auch zu erklären. Aber der erste Schritt ist, dass ich es verstehen muss und dass ich das Thema komplett durchdringe. Darauf kann ich dann aufbauen.

News4teachers: Und welche Themen eignen sich für das junge Publikum?
Caspers: Eigentlich alle, aber ich glaube, für das ganz junge Publikum sind natürlich konkrete Themen besser als abstrakte. Was man in die Hand nehmen kann, kann man schneller begreifen als etwas, worüber man nur lesen kann.

„Jedes Thema hat seine eigene Hürde“

News4teachers: Was ist bislang das komplizierteste Thema gewesen, das Sie für die Sendung mit der Maus aufbereitet haben?
Caspers: Das kann man schlecht sagen, weil jedes Thema so seine eigene Hürde hat. Das gilt für abstrakte Themen, wie etwa ein Gesetz gemacht wird und was das bedeutet, genauso wie für ganz konkrete Themen, die schwierig umzusetzen sind. Wenn wir zum Beispiel erklären wollten, warum Milchzähne, wenn sie ausgefallen sind, keine Wurzeln haben, dann müssten wir dafür zeigen können, was mit den Wurzeln passiert. Diese Mikroskop-Aufnahmen zu bekommen, ist dann sehr, sehr langwierig und sehr, sehr schwierig. Also da gibt es vielfältige Schwierigkeitsgrade. Ich könnte daher jetzt nicht sagen, was das allerschwierigste war.

News4teachers: Wie lassen sich Kinder denn für solche Themen begeistern?
Caspers: Gute Frage. Also ich mache es so, dass ich versuche, selbst Spaß daran zu haben. Das ist auch wichtig, weil ich denke: Wenn ich keinen Spaß an dem Thema habe, warum sollte jemand anderes Spaß daran haben? Das ist erst mal auch ein ganz wichtiger Schritt: Ich muss für mich einen Zugang zu dem Thema finden oder einen Haken, an dem ich mein Interesse aufhängen kann. Wenn ich das finde, dann kann ich das auch vermitteln.

Ein Mix aus Zuschauerfragen und eigenen Interessen

News4teachers: Sie haben gerade die vielfältige Themenpalette erwähnt: Woher kommen die Ideen und was beeinflusst die Themenwahl?
Caspers: Auf die Themen kommen wir beispielsweise durch Zuschauerfragen, aber auch durch Fragen, die wir uns selbst stellen. Es ist ja so, wenn man einmal angefangen hat, überall eine Frage zu sehen, dann hört man automatisch gar nicht mehr damit auf. Es geht einfach genauso weiter. Und das hält sich so die Waage: Die eine Hälfte der Fragen kommt von Zuschauern und die andere Hälfte von uns.
Und zur Themenauswahl: Wenn wir eine Publikumszuschrift bekommen, dann gucken wir erst mal, ob wir die Frage vielleicht schon beantwortet haben. Wenn das so ist, dann schicken wir eine Antwort zurück, wenn nicht, gucken wir, ob das überhaupt eine Frage ist, die Platz in der Sendung mit der Maus hat. Aber es gibt kaum Fragen, die wir nicht beantworten würden. Selbst Fragen zum Tod haben bei uns Platz. Das hat Armin (ebenfalls Reporter bei der Sendung mit der Maus; Anm. d. Red.) ja mal gemacht, da hat er seinen imaginären Zwillingsbruder beerdigt und das war total interessant. Auch etwas, was man nicht in einer Kindersendung vermuten würde, das aber funktioniert. Bei manchen Fragen muss man einfach ein bisschen länger darüber nachdenken, wie man das am besten erzählt, und bei anderen ergibt sich das ganz automatisch.

News4teachers: Das heißt also: Es gibt eigentlich keine Themen, für die Kinder noch zu jung sind, so wie von Erwachsenen gerne mal behauptet?
Caspers: Kinder sind ja vielfältig interessiert und sehr neugierig. Die wollen wissen, wie die Welt funktioniert. Und wenn sie mitbekommen, dass es Atomkraftwerke gibt, dann möchten sie wissen, wie so ein Atomkraftwerk funktioniert, und dann ist es unsere Aufgabe, das so gut es geht zu erklären.

„Dann würde ich ehrlich sein“

News4teachers: Wenn ein Kind jetzt aber auf mich zukommt und von mir wissen will, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, ich das aber nicht weiß: Wie reagiere ich dann am besten?
Caspers: Dann würde ich ehrlich sein und sagen: „Ich weiß die Antwort gerade nicht, aber ich weiß, wo wir nachgucken können, oder ich weiß, wen wir fragen können.“ Sodass man aus dieser vermeintlichen Ohnmacht den Ausgang zeigt und vermittelt, dass man Sachen auch erforschen kann, nach Antworten auf Fragen in Büchern oder anderen Quellen recherchieren kann oder auch andere Leute fragen kann. Das ist wichtig, dass man Kindern das beibringt, damit sie dadurch so eine Art Ermächtigung erfahren, eine Selbstermächtigung, damit sie lernen, nicht nur ihre Erzieherin zu fragen, sondern, wenn die es nicht weiß, einfach weiter zu fragen und nicht aufzugeben, sich nicht von irgendjemanden sagen zu lassen, dass sie das nicht zu interessieren hat oder dass sie dafür noch zu klein sind. Ich glaube, das ist der größte Fehler, den man machen kann – und natürlich was Falsches zu erzählen.

Mit Kindern gemeinsam nach Antworten suchen

News4teachers: Sie sind ja selbst auch Vater. Ist Ihnen das denn schon mal passiert, dass Ihre Kinder etwas von Ihnen wissen wollten, das Sie auf Anhieb nicht beantworten konnten?
Caspers: Ja, ich habe ja eigentlich von nichts Ahnung, aber ich weiß eben, dass ich Sachen rauskriegen kann und das reicht meistens schon. Und dann kann man das auch zusammen machen und das verbindet ja auch oder kann verbinden.

News4teachers: Sie haben gesagt, dass Kinder grundlegend vielfältig interessiert und neugierig sind: Wie kann ich sie darin unterstützen, damit sie genauso wissensdurstig bleiben?
Caspers: Das ist eine gute Frage und ich glaube, da macht die Schule einiges kaputt. Wenn man jetzt Kindergartenkinder oder auch Erstklässler fragen würde, „wer von euch ist kreativ oder wer von euch denkt, dass er viele Ideen hat“, dann würden wahrscheinlich alle Hände in die Luft gehen. Wenn man aber dieselbe Frage zwölf Jahre später noch mal stellt, dann bleiben wahrscheinlich die meisten Hände unten. Das bedeutet, dass irgendwas in dieser Zeit schiefgelaufen sein muss. Vielleicht sind es die Noten, vielleicht ist es die Angst, was falsch zu machen. Das ist eigentlich die größte Bremse, weil wir uns schon immer durch Versuch und Irrtum weiterentwickelt haben. Aber gerade dieses „sich irren“ und „was falsch machen“ wird ja in der Schule in der Regel bestraft – und ich glaube, das ist nicht so gut.

News4teachers: Warum sind Wissensangebote wie die Sendung mit der Maus, die sich speziell an Kinder richten, wichtig?
Caspers: Weil es im besten Fall unsere Aufgabe als Eltern oder als Erwachsene ist, Kindern zu zeigen, was es alles auf der Welt gibt. Und das geht besser, wenn man das auch ein bisschen unterhaltsam macht, damit Kinder Spaß bekommen, alles zu entdecken. Anna Hückelheim führte das Interview / Agentur für Bildungsjournalismus

Ehrung im Schloss Bellevue
Ralph Caspers ist bekannt als Fernsehmoderator und -reporter verschiedener Wissenssendungen wie „Die Sendung mit der Maus“, „Wissen macht Ah!“ und „Quarks“. Am 4. Dezember 2019 erhielt er von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Verdienstkreuz am Bande im Schloss Bellevue. Dort würdigte Steinmeier zum Tag des Ehrenamts unter dem Motto „Engagement bildet“ insgesamt elf Männer und 13 Frauen für „ihren herausragenden Einsatz in unterschiedlichen Bereichen der Bildung“.

Mit seinen Sendungen mache Ralph Caspers „Kinder und Jugendliche nicht nur schlau, sondern vor allem neugierig auf unsere Welt und zeigt ganz nebenbei, dass Wissen und Lernen auch Spaß machen kann“, so der Bundespräsident in seiner Laudatio. Neben seinem Engagement beim Fernsehen ist Caspers auch als Autor von Kinderbüchern und Elternratgebern tätig und engagiert sich unter anderem als Botschafter der UN-Dekade für Biologische Vielfalt, des Projekts Kinder- und Jugendwahl U18 und des Deutschen Kinderhospizvereins oder als Pate der Kinder- und Jugendsportabteilung des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes.

WDR strahlt täglich spezielles Programm für Grundschüler aus

 

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