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Streit um Schulöffnungen wird nun schmutzig – “Bild”-Kampagne gegen Drosten

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BERLIN. Sollen Schulen und Kitas umgehend wieder komplett öffnen? War die Schließung der Bildungseinrichtungen überhaupt nötig? Der Streit darum wird immer erbitterter geführt – angetrieben von der „Bild“-Zeitung, die daraus eine Kampagne macht. Deren Verleumdungen fallen in einer genervten und gereizten Gesellschaft, die so schnell wie möglich in die Normalität zurückmöchte, wohl leider auf einen fruchtbaren Boden. Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

So berichtete “Bild”-Online. Screenshot

„Bild“ – bestehend aus der immer auflagenschwächeren Zeitung und dem wachsenden Online-Auftritt mit rund 25 Millionen Lesern im Monat  – betreibt sogenannten Kampagnen-Journalismus. Im Hause Springer ist man sogar stolz darauf. Es handele sich dabei „nur eine nachhaltige Form der Recherche. Statt jeden Tag oder jede Woche eine neue Sau durch das Dorf zu treiben, bleibt man an einer Sache dran, bis sie geklärt ist“, so schrieb die (ebenfalls bei Springer erscheinende) „Welt“ einmal zu dem Etikett, das auch sie betrifft. Dabei ist das „Dranbleiben“ an einer Story gar nicht das Problem. Das liegt vielmehr darin, dass für Kampagnen-Journalismus das Ergebnis der Recherche – so sie denn überhaupt noch stattfindet – bereits vorab feststeht. Es geht um politische Ziele, die erreicht werden sollen. Der Journalismus ist dabei nur Mittel zum Zweck.

Wie “Bild” Lehrer verleumdet hat

Kampagnen-Journalismus in Reinform ließ sich in Großbritannien während der Brexit-Debatte erleben. Der Boulevard, angeführt von dem Großverleger Rupert Murdoch, feuerte monatelang aus allen Rohren gegen Europa – das Ergebnis ist bekannt. Kampagnen-Journalismus in Reinform lässt sich aktuell auch in Deutschland beobachten: in der Debatte um Schulöffnungen in der Corona-Krise. „Bild“ hat sich zum Ziel gesetzt, schnelle Schul- und Kitaöffnungen um jeden Preis durchzusetzen. Und dafür scheint jedes mediale Mittel recht zu sein.

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Eines davon: Lehrer zu verleumden. „Schüler und Eltern klagen: Corona-Chaos an unseren Schulen“, so titelt die „Bild“-Zeitung in ihrem Online-Auftritt. Eine „Schock-Umfrage“ habe ergeben, dass digitaler Unterricht in Deutschland praktisch nicht existiere. Für Lehrer gelte das Prinzip „Freizeit geht vor!“.

News4teachers hat nachrecherchiert. Ergebnis: Mit „digitalem Unterricht“ war in der zitierten Infratest Dimap-Umfrage nämlich nur Unterricht über Videokonferenzen gemeint, für den die allermeisten Schulen gar nicht ausgestattet sind. Das eigentliche Ergebnis lautete: „Die meisten Lehrkräfte versorgen ihre Schülerinnen und Schüler per Mail, Homepage oder Lernplattform mit Unterrichtsmaterialien.“ Zudem hieß es: „Trotzdem sehen Eltern mehrheitlich die Angebote der Schulen alles in allem positiv. Mehr als die Hälfte der Eltern (57 Prozent) sind mit der Art und Weise, wie die Schule ihrer Kinder das schulische Arbeiten zu Hause organisiert, grundsätzlich zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Fast zwei Drittel (62 Prozent) sind mit der Kommunikation der Schule in der aktuellen Situation zufrieden.“ „Bild“ unterschlug diese Resultate. Sie passten nicht in die Kampagne.

Drosten warnt vor einer allzu forschen Öffnung von Kitas und Schulen

Jetzt verleumdet „Bild“ einen international renommierten Wissenschaftler, weil der vor einer allzu forschen Öffnung von Schulen und Kitas warnt. „Seit Wochen schon versucht die ‚Bild‘-Redaktion, den Virologen der Berliner Charité Christian Drosten schlecht dastehen zu lassen. Sie bemüht sich, Drostens Autorität als Wissenschaftler zu untergraben, arbeitet genüsslich frühere Fehleinschätzungen heraus, stellt ihn als Einflüsterer dar, macht ihn zum Kollegenschwein. Damit dieses negative Bild irgendwie passt, reißt die Redaktion auch schon mal Aussagen aus dem Zusammenhang, verfälscht zeitliche Abläufe und erfindet Behauptungen“, schrieb bildblog.de bereits am 5. Mai.

Gestern dann ein neuer schmutziger Tiefpunkt der Kampagne: „Bild” titelte „Fragwürdige Methoden – Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch! Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“ Die Rede ist von der Vorab-Veröffentlichung von ersten Ergebnissen einer Studie, über die auch News4teachers ausführlich berichtet hatte (und zwar hier). Vorläufiges Fazit der Arbeit: Es könnte gut sein, dass Kinder bei der Weitergabe des Virus genauso infektiös sind wie Erwachsene. „Basierend auf diesen Resultaten haben wir Vorbehalte gegen die unbegrenzte Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten in der derzeitigen Situation.“ Wichtig dabei: die von Drosten selbst vorgenommene (und von News4teachers entsprechend wiedergegebene) Einschränkung „may be“.

“Bild” versteht offenbar nicht, wie Wissenschaftler arbeiten

Dass Forscher ihre Arbeiten veröffentlichen – mitunter bereits vorab -, um sie mit Fachkollegen kontrovers zu diskutieren und gegebenenfalls zu korrigieren, ist ein gängiges Prinzip der Wissenschaft, die Peer Review. Was macht „Bild“ daraus? „Mehrere Wochen nach der Veröffentlichung gerät die Drosten-Studie immer stärker in die Kritik: Wissenschaftler aus mehreren Ländern werfen Charité-Forschern vor, unsauber gearbeitet zu haben – mit verhängnisvollen Konsequenzen. (…) Fiel die deutsche Schulpolitik einer falschen Studie zum Opfer?“

In dem Artikel wurde dabei die zentrale Aussage der Studie verändert – aus einem Konjunktiv wurde kurzerhand ein Indikativ gemacht. „Das Ergebnis der Drosten-Studie schien eindeutig: ‘Kinder können genauso ansteckend sein wie Erwachsene’“, heißt es in dem “Bild”-Artikel. Im Original forumulieren die Forscher jedoch vorsichtiger “may be as infectious”, also “könnten”. Und das ist nach wie vor Stand der internationalen Forschung (News4teachers berichtete widmete der Forschung in diesem Punkt erst vor vier Tagen einen ausführlichen Beitrag – hier nachzulesen).

„Bild“, so berichtete Drosten nun selbst auf Twitter, gab ihm in einer Mail lediglich eine Stunde Zeit, um auf die erhobenen Vorwürfe, gepfuscht, getrickst und vertuscht zu haben, zu antworten – seriöse Recherche sieht anders aus. Drosten entgegnete trocken: „Ich habe Besseres zu tun.“

Dumm für „Bild“: Sämtliche von ihr zitierten Wissenschaftler haben sich mittlerweile von der Berichterstattung distanziert – so schrieb etwa der Bonner Statistik-Professor Dominik Liebl auf Twitter: „Ich wusste nichts von der Anfrage der Bild und distanziere mich von dieser Art, Menschen unter Druck zu setzen, auf das Schärfste. Wir können uns mehr als glücklich schätzen, Drosten und sein Team im Wissenschaftsstandort Deutschland zu haben. They saved lives!“

Drosten äußert sich dann auch in seinem NDR-Podcast zu den Vorwürfen der “Bild”-Zeitung gegen ihn und seine Analysen. “Die Aussage ist einfach klar”, bekräftigt der Professor, “es gibt auch bei Kindern sehr hohe Viruslasten”.

Ein Problem bleibt allerdings bestehen: „Bild“ hetzt Menschen auf – millionenfach. Lehrerinnen und Lehrer, die sich für Vorsicht bei den Schulöffnungen einsetzen, werden das zu spüren bekommen. Professor Drosten hatte bereits zuvor Morddrohungen erhalten. Und „Bild“-Chefredakteur Florian Reichelt frohlockt aktuell auf Twitter: „Wie die Medien gerade über Bild berichten, statt über Drostens falsche Studie, wird uns massiv neue Leser bescheren.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Faktencheck: Kinder als Überträger des Coronavirus – Stand der Forschung

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