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Kretschmann: Neue Studie zeigt geringe Rolle von Kindern bei Infektionen – Grundschulen und Kitas sollen jetzt schneller öffnen

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STUTTGART. Kinder spielen nach einer Studie der baden-württembergischen Universitätskliniken nur eine untergeordnete Rolle bei der Übertragung des Coronavirus. Sie würden anscheinend nicht nur seltener krank, sondern seien wohl auch seltener infiziert als Erwachsene, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag zu ersten Ergebnissen aus der Studie. Es könne zumindest schon mal ausgeschlossen werden, dass Kinder besondere Treiber des aktuellen Infektionsgeschehens seien. Der Virologe Christian Drosten bekräftigt allerdings heute noch einmal seinen Befund, dass es durchaus hohe Viruslasten bei Kindern gebe.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann zieht Konsequenzen aus der Studie von vier baden-württembergischen Kliniken. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Die Studie werde zwar noch ausgewertet. Auf ihrer Grundlage habe die Landesregierung aber beschlossen, ein Konzept für die weitere Öffnung der Grundschulen zu entwickeln und Kitas bis Ende Juni vollständig zu öffnen, sagte Kretschmann. Die bisherigen Ergebnisse der Studie ständen einer weiteren Öffnung nicht entgegen. «Sondern wenn wir eine weitere Öffnung machen, liegt das im Trend.» Die Schließungen von Kitas und Grundschulen war nach Kretschmanns Ansicht allerdings kein Fehler. Sie seien «ein vernünftiges Handeln, im Nichtwissen vorsichtig zu sein» gewesen.

Zuvor hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) erklärt, gemeinsam mit den Kommunen und den Trägern werde zügig ein Rechtsrahmen erarbeitet, um «spätestens bis Ende Juni die Kitas wieder vollständig öffnen zu können». Mit den Öffnungen von Kitas und Grundschulen «bieten wir Familien mit kleineren Kindern eine echte Perspektive. Wir entlasten Eltern spürbar und geben vor allem den Kindern die Chance, endlich wieder in Kontakt mit Gleichaltrigen zu kommen, zu lernen und zu spielen», sagte Eisenmann, die CDU-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl 2021 ist.

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Lehrer und Erzieher sollen regelmäßig getestet werden

Weil einige Lehrer und Erzieher zu Risikogruppen gehörten, müsse die vollständige Öffnung der Kitas und Grundschulen aber gründlich vorbereitet werden. «Der Gesundheitsschutz unserer pädagogischen Fachkräfte ist uns nach wie vor ein sehr wichtiges Anliegen», betonte die Ministerin. Ziel sei deshalb, den eingesetzten Lehrkräften und Erziehern regelmäßige Corona-Tests zu ermöglichen. Die GEW zeigt sich irritiert. Die Gewerkschaft schreibt auf Twitter: «Gelten dann die Abstandsregeln in Kitas nicht mehr? Kitas waren schon vor Corona unterbesetzt, jetzt fehlen zum Teil ein Drittel der Fachkräfte. Wie soll das gehen?»

Laut Landesregierung wurden etwa 5000 Menschen, die keine Symptome hatten, auf das Virus und auf Antikörper getestet, darunter 2500 Kinder unter zehn Jahren und jeweils ein Elternteil. Unter anderem fiel auf, dass das Ausbreitungsrisiko bei Kindern in Notbetreuung nicht erhöht zu sein schien im Vergleich zu den Jungen und Mädchen, die zu Hause betreut wurden. Die Federführung für die Kinderstudie in Baden-Württemberg liegt beim Zentrum für Infektionskrankheiten und beim Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg. Beteiligt sind außerdem die Unikliniken in Freiburg, Tübingen und Ulm.

Widersprüchliche Ergebnisse von Studien

Analysen vor Beginn der Studie hatten unterschiedliche Ergebnisse hinsichtlich der  Beteiligung von Kindern am Infektionsgeschehen ergeben. Unter den erfassten Covid-19-Fällen hätten Kinder nur einen sehr kleinen Anteil, heißt es unter anderem seitens der EU-Gesundheitsbehörde ECDC. Isländische Wissenschaftler hatten in einer Studie herausgefunden, dass von 13.000 Probanden kein einziges Kind unter zehn Jahren mit dem Coronavirus infiziert war. Bei Menschen ab zehn Jahren waren es 0,8 Prozent, wie es im Fachjournal «New England Journal of Medicine» heißt.

Der Chef der Heidelberger Kinderklinik, Georg Hoffmann, sagte zu Beginn seiner Studie, er hoffe, dass die isländischen Befunde valide seien. Aber: «Es gibt auch eine Studie aus China, die wiederum zeigt, dass Kinder ähnlich infiziert sind wie Erwachsene – und das Virus auch übertragen, was ja in Island nicht der Fall war.» Hoffmann betonte: «Wir wollen wissen, wie viele Kinder aktuell infiziert sind oder die Infektion schon hinter sich haben.» Schließlich verliefen vermutlich auch viele Infektionen ohne Symptome.

Eine weitere Studie, die Forscher an der Berliner Charité um den Virologen Prof. Christian Drosten vorab veröffentlicht hatten, konnte ebenfalls keine Unterschiede bei verschiedenen Altersgruppen in der Zahl der Viren, die sich in den Atemwegen nachweisen lässt, ausmachen. Ergebnis seinerzeit: „Kinder könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene.“ Das scheint die baden-württembergische Studie nun zu widerlegen. Drosten hat aber gerade heute noch einmal im NDR-Podcast bekräftigt: “Es gibt auch bei Kindern sehr hohe Viruslasten” (Hintergrund ist eine Kampagne der “Bild”-Zeitung gegen den Wissenschaftler – News4teachers berichtet hier über den krassen Fall).

Ein anderer Befund könnte gleichermaßen kritisch sein. Laut einer Studie, die chinesische, italienische und US-amerikanische Wissenschaftler unlängst in der wissenschaftlichen Zeitschrift Science veröffentlicht haben, stecken sich zwar Klein- und Schulkinder bis 15 Jahre deutlich seltener mit dem neuen Sars-Virus an als ältere Menschen. Ihr Corona-Risiko beträgt demnach nur ein Drittel gegenüber dem von anderen Altersgruppen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. Das würde dem baden-württembergischen Ergebnis entsprechen.

Sind Schüler seltener infiziert – haben dafür aber mehr Kontakte?

Andererseits zeigt die frühere Studie aber auch: Schüler haben unter normalen Bedingungen bis zu zehnmal mehr Kontakte mit anderen Menschen als Erwachsene. Wenn Kinder also infiziert sind, stecken sie womöglich deutlich mehr Menschen an. Die Schlussfolgerung dieser Forscher lautet deshalb: Schulschließungen „haben einen großen Einfluss auf die Dynamik des Ausbruchs“. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Der Streit um schnelle Schulöffnungen wird schmutzig – Wie „Bild“ versucht, den Virologen Drosten zu verleumden

 

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