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„Keine Rückschlüsse auf die Normalsituation“ – RKI stellt klar: Wissenschaftliche Grundlage für weite Schulöffnungen fehlt bislang

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BERLIN. Sind Kinder weniger durch Corona gefährdet als Erwachsene? Kultusminister behaupten das – und begründen damit, dass weite Schulöffnungen ohne Abstandsregel nach den Sommerferien möglich sind. Tatsächlich scheinen dies einige Studien zu bestätigen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat jetzt jedoch den Stand der Forschung gesichtet und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Es könne sein, dass diese Untersuchungen nur die Auswirkungen des Lockdowns beschreiben. Eine Einschätzung, welche Effekte die geplanten Schulöffnungen nach den Sommerferien haben werden, ist deshalb „zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich“. Für Landesregierungen, die sich weit aus dem Fenster gelehnt haben, ist das ein peinlicher Befund.

Auf die Abstandsregel in den Schulen zu verzichten, ist ein riskanter Kurs, für den es keine wissenschaftliche Grundlage gibt. Foto: Shutterstock

„Der zeitweilige Verlust von vertrauten Bezugspersonen hat für viele Schülerinnen und Schüler einen tiefen Einschnitt bedeutet – trotz des großartigen Engagements der Pädagoginnen und Pädagogen und der Unterstützung durch das Lernen auf Distanz“, so heißt es in einer Mail des Schulministeriums NRW, die vor kurzem alle Schulen im Land erreichte (und die mit ähnlichen Formulierungen wohl von den meisten Kultusministerien in diesen Tagen verschickt wurde). „Umso wichtiger ist es nun, den Kindern und Jugendlichen eine weitgehende Rückkehr zur schulischen Normalität zu ermöglichen. Das Ziel der Landesregierung ist es daher, im kommenden Schuljahr 2020/2021 unter Beachtung des Infektionsgeschehens wieder einen Regelbetrieb als Präsenzunterricht zu ermöglichen.“

„Kinder sind in deutlich geringerem Umfang infektionsgefährdet“

Woher das Schulministerium seinen Optimismus zieht, dass „der Unterricht in Präsenzform den Regelfall“ im kommenden Schuljahr darstellt, wie es wörtlich heißt, wird in dem Schreiben durchaus erklärt: „Vertreter von vier medizinischen Fachgesellschaften haben (..) mit Stellungnahme vom 19. Mai 2020 die nachdrückliche Empfehlung einer Wiederöffnung von Schulen mit Primarstufe ausgesprochen, da jüngere Kinder in deutlich geringerem Umfang infektionsgefährdet seien, zudem auch in geringerem Maße Überträger des SARS CoV-2-Virus. Diese wissenschaftliche Empfehlung wird durch die jetzt bekannt gewordene Stellungnahme von vier südwestdeutschen Universitätskliniken bestätigt.“

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Fazit: „Das Ministerium für Schule und Bildung hat schon in den vergangenen Monaten die Lage permanent intensiv analysiert und regelmäßig neu beurteilt. Da sich das Infektionsgeschehen positiv entwickelte, konnten die Schulen schrittweise den Regelbetrieb wiederaufnehmen und immer mehr Schülerinnen und Schülern Präsenzunterrichtanbieten. Die aktuelle Lage gebietet es nun, nach den Sommerferien den Regelbetrieb in allen Schulformen und allen Schulen wiederaufzunehmen.“

Kaum eine Lockerung der Hygienevorschriften in Schulen, die in diesen Tagen von vielen Bundesländern angekündigt oder bereits vollzogen werden, kommt ohne Verweis auf vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnisse aus – quer durch alle Parteien. Zu der Entscheidung, die Grundschulen zwei Wochen vor den Sommerferien ohne 1,50-Meter-Abstandsgebot wieder zu öffnen, habe auch die Einschätzung von Gesundheitsexperten beigetragen, dass sich Kinder deutlich seltener mit dem Virus infizierten als Erwachsene, erklärte beispielsweise Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU).

“Kinder sind von der Pandemie kaum betroffen”

„Die Wissenschaftler haben überzeugend deutlich gemacht, dass insbesondere Kinder von der Pandemie kaum betroffen sind und es an der Zeit ist, die Schulen für Kinder wieder zu öffnen. Nach diesem Gespräch bin ich sehr sicher, dass Hamburg nach den Ferien an allen Grundschulen zum Regelunterricht zurückkehren wird“, sagte Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) nach einer Videokonferenz der SPD-Kultusminister mit Vertretern von Ärzteverbänden, die seit Wochen für schnelle und weitgehende Schulöffnungen trommeln (und auch die “wissenschaftliche Empfehlung” vom 19. Mai verfassten, auf die sich das NRW-Schulministerium bezieht).

Kinder spielten nur eine untergeordnete Rolle bei der Übertragung des Coronavirus, behauptete auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Sie würden anscheinend nicht nur seltener krank, sondern seien wohl auch seltener infiziert als Erwachsene. Es könne zumindest schon mal ausgeschlossen werden, dass Kinder besondere Treiber des aktuellen Infektionsgeschehens seien. Kretschmann begründete damit, dass auch Baden-Württemberg seine Kitas und Grundschulen weit öffnete – ohne die bundesweit ansonsten in der Öffentlichkeit geltende Regel, dass Menschen einen Abstand von mindestens 1,5 Metern zueinander halten sollen.

Kretschmann verwies – wie das NRW-Schulministerium – auf die „Stellungnahme von vier südwestdeutschen Universitätskliniken“. Kein Wunder: Er hat die Studie selbst in Auftrag gegeben. Die Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm hatten 5000 Menschen getestet, die keine Symptome aufwiesen. Sie wurden auf das Virus und auf Antikörper untersucht, darunter 2500 Kinder unter zehn Jahren und je ein Elternteil. Ergebnisse: Im Untersuchungszeitraum von 22. April bis 15. Mai war aktuell nur ein Elternteil-Kind-Paar infiziert. 64 Getestete hatten Antikörper gebildet und weitgehend unbemerkt eine Corona-Infektion durchlaufen, was einer Häufigkeit von 1,3 Prozent entspricht. Darunter befanden sich 45 Erwachsene und 19 Kinder. Aus der geringeren Zahl von betroffenen Kindern schlussfolgerten die Mediziner, dass sie sich nicht so häufig mit dem Coronavirus infizieren wie ihre Eltern.

Daten der Studien wurden nach Schulschließungen erhoben

Allerdings: Die Schulen waren zum Zeitpunkt der Untersuchung schon wochenlang geschlossen. Sind womöglich nur die Schulschließungen der Grund dafür, dass weniger Kinder betroffen waren? Eine Frage, die für Klarheit hätte sorgen können, blieb unbeantwortet: Man habe nicht untersucht, ob Kinder besonders infektiös sind, hieß es seitens der Studienautoren. Man könne bei den positiv getesteten Eltern-Kind-Paaren deshalb auch keine grundsätzliche Aussage darüber treffen, wer wen angesteckt hatte.

Tatsächlich ist die Studie – wie auch andere Untersuchungen mit ähnlichem Setting – in ihrer Aussagekraft begrenzt. Dies stellt das Robert-Koch-Institut (RKI) in einer aktuellen Zusammenfassung der Forschungslage fest. „Zu beachten ist, dass die meisten Studien im Lockdown durchgeführt wurden. Sie lassen daher keine Rückschlüsse auf die Normalsituation mit geöffneten Bildungseinrichtungen zu. Eine abschließende Einschätzung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich“, so heißt es bei der Bundesbehörde für Infektionskrankheiten.

Zwar zeige sich: „In der Mehrzahl der vorliegenden Studien waren Kinder seltener von einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen (..). In den meisten Studien, in denen Haushaltskontaktpersonen von Indexfällen nachuntersucht wurden, zeigte sich bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen eine niedrigere Empfänglichkeit für eine SARS-COV-2-Infektion, während eine Studie eine ähnliche Wahrscheinlichkeit zeigte.“

Womöglich waren Kinder einfach nur mehr zu Hause

Das aber kann laut RKI einen ganz anderen Grund haben, als dass „jüngere Kinder in deutlich geringerem Umfang infektionsgefährdet sind“, wie etwa das NRW-Schulministerium behauptet. Nämlich: „Nicht auszuschließen ist, dass Kinder in Lockdown-Situationen weniger Expositionen außerhalb des Haushaltes hatten als Erwachsene.“ Heißt: Kinder waren nach den Schulschließungen einfach mehr zu Hause. Zudem stellt das RKI fest: „In den genannten Haushaltscluster-Untersuchungen wurden nur symptomatische Personen als Indexfall gewertet, so dass es zu einer Unterschätzung der Eintragung in die Familien durch asymptomatische Kinder gekommen sein kann.“ Der Befund, auf den sich die Kultusminister stützen, könnte also auch einfach nur falsch sein.

Zwar stellt das RKI fest: „Die Mehrzahl der Kinder zeigt nach bisherigen Studien einen eher milden und unspezifischen Krankheitsverlauf.“ Aber auch hier gibt es gravierende Einschränkungen: Zum einen könnten, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern, schwere Verläufe vorkommen. Zum anderen zeigten „Fallberichte aus Nordamerika und weiteren Ländern (..), dass COVID-19-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen mit einem Krankheitsbild einer multisystemischen Inflammation einhergehen können, welches dem im Zusammenhang mit anderen Virusinfektionen beobachteten Kawasaki-Syndrom ähnelt.“

“Engere physische Kontakte können eine Übertragung begünstigen”

Fazit des RKI: „In der Zusammenschau der bisher erhobenen Daten scheinen Kinder etwas weniger empfänglich für eine SARS-COV-2-Infektion zu sein und spielen im Übertragungsgeschehen möglicherweise eine geringere Rolle als Erwachsene, obgleich erste Studien zur Viruslast bei Kindern keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen erbracht haben. Auch wenn Kinder möglicherweise eine geringere Empfänglichkeit für eine Infektion aufweisen, bestehen bei ihnen andererseits in der Alltagssituation i. d. R. häufigere und engere physische Kontakte, die eine Übertragung begünstigen können.“

Was das RKI nicht weiter ausführt, liegt auf der Hand: Die weiten Schulöffnungen ohne Abstandsgebot bringen sie genau dorthin. News4teachers

Hier geht es zur aktuellen Übersicht des Robert-Koch-Instituts über die Corona-Forschung.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Riskieren Kultusminister den Corona-GAU? Oxford-Studie: Schulschließungen sind in der Pandemie am wirkungsvollsten

 

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