150. Geburtstag von Maria Montessori – Warum ihre Pädagogik heute noch so wichtig ist

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BERLIN. Montessori lebt. In Deutschland wird der pädagogische Ansatz, der das selbstbestimmte Lernen der Kinder in den Mittelpunkt rückt, an mehr als 1.000 Montessori-Kinderhäusern und -Schulen praktiziert. Maria Montessori wurde heute vor 150 Jahren geboren. Was macht das Besondere an ihrer Pädagogik aus? Wir sprachen darüber mit Katrin Worrmann, die Nienhuis Montessori – das Montessori-Traditionsunternehmen schlechthin – in Deutschland vertritt.

Maria Montessori wurde am 31. August 1870 im italienischen Chiaravalle geboren. Sie starb am 6. Mai 1952 in Noordwijk aan Zee (Niederlande). Foto: Nienhuis Montessori

Agentur für Bildungsjournalismus: Welches ist Ihr Lieblingszitat von Maria Montessori?

Katrin Worrmann: „Das Kind müsste alles, was es lernt, lieben, weil seine geistige und seine gefühlsmäßige Entwicklung miteinander verbunden sind.“

Agentur für Bildungsjournalismus: Im Fokus der Montessori-Pädagogik steht ja das selbstbestimmte Lernen der Kinder. Hilft die Erfahrung mit dem selbstbestimmten Lernen den Montessori-Schülerinnen und Schülern, besser durch die Corona-Krise zu kommen?

Katrin Worrmann: Allerdings. Montessori-Schüler*innen sind jetzt mehr denn je im Vorteil, denn sie können sich ziemlich gut selbst organisieren. Die Herausforderung liegt natürlich für die Kolleg*innen in den Schulen jetzt darin, nicht anzufangen, nur noch Arbeitsblätter zu verschicken, sondern an der Kombination aus intellektuellem Lernen und haptischem Lernen festzuhalten. Da gibt es zum Glück schon gute Beispiele und Vorbilder, wie man das jetzt angehen kann.

Agentur für Bildungsjournalismus: Die Digitalisierung der Schulen hat durch die Corona-Krise nochmal richtig Schwung bekommen. Mindert diese Entwicklung die Bedeutung der Montessori-Pädagogik?

Nienhuis Montessori

Kennen Sie Albert Nienhuis? Der niederländische Zimmermann stellte in enger Zusammenarbeit mit Maria Montessori Lernmittel her, die ihrer pädagogischen Vision entsprachen. 1929 gründete er Nienhuis Montessori, den weltweit führenden Anbieter von Montessori-Materialien.

Katrin Worrmann. Foto: privat

Seit über 85 Jahren vereint das Unternehmen Handwerkskunst mit technischer Finesse. Die Produktwelt von Nienhuis Montessori ermöglicht es Kindern heute so gut wie zu Albert Nienhuis Zeiten, ihre Welt eigenständig zu erkunden. Nienhuis nutzt nur beste Materialien, verarbeitet mit Sorgfalt, Hingabe, dem Blick fürs Detail – und einer tiefen Verbundenheit mit der Pädagogik Maria Montessoris. Seit Jahrzehnten bereits ist Nienhuis Montessori offiziell von der Association Montessori Internationale anerkannt.

Katrin Worrmann ist seit mehr als zehn Jahren für Vertrieb und Beratung bei Nienhuis zuständig. Sie hat in dieser Zeit einige Gründungen von Montessori-Schulen in Deutschland begleitet.

Hier bekommen Sie weitere Informationen über Nienhuis Montessori.

Katrin Worrmann: Da sehe ich gleich zwei interessante Entwicklungen, die beweisen, dass die Bedeutung der Montessori-Pädagogik nicht im Geringsten gemindert ist, sondern Schwung hat und Schwung auslöst. Die eine hat mehr mit den Erwachsenen zu tun, die andere mehr mit den Kindern und Jugendlichen.

Zum einen hat die Montessori-Pädagogik jetzt die Chance zu zeigen, wie modern sie ist und wie sie es vermag, die wunderbaren Erkenntnisse und Materialien ihrer übrigens technikbegeisterten Namensgeberin in eine Kombination aus digitalem und analogem Lernen zu übertragen. Ich erwarte und sehe hier einen großen Schwung, denn nun ist eine neue Zeit angebrochen. Es darf geforscht werden, es wird geforscht, und es zeigen sich tolle Ergebnisse.

Zum anderen arbeitet die Montessori-Pädagogik doch gerade mit der Idee, dass die Lernenden verstehen, wie etwas funktioniert, dass sie forschen, weiterfragen, exploríeren.
Es ist doch beispielsweise eine tolle Sache, dass ich als Schülerin ohnehin gewohnt bin zu entscheiden, wo ich arbeite und wann und mit wem, sogar an welchem Thema. Das ist natürlich ein Riesenvorteil. Ich kann jetzt all diese Skills nutzen. Ich bin sogar gewöhnt, nicht nur ohne frontalen Unterricht und eine erwachsene Kontroll-Person vor mir  zu arbeiten, sondern ich bin gut darin, immer wieder auch allein zu arbeiten. Das Arbeiten in der Gruppe hole ich mir, wann immer es Präsenzunterricht gibt. Sowie eine Einzelsituation entsteht, kenne ich mich auch  damit aus.

Montessori-Lehrkräfte sind doppelt ausgebildet

Agentur für Bildungsjournalismus: Die Hattie-Studien zeigen mittlerweile recht deutlich, worauf es im Unterricht ankommt: die Lehrkraft. „What teachers do matters“ – also: Das Lehrerhandeln ist entscheidend –, so lautet Hatties Schlussfolgerung. Welche Konsequenzen hat das für die Montessori-Pädagogik?

Katrin Worrmann: Wir fühlen uns bestätigt. Nicht umsonst sind ja Montessori-Pädagog*innen doppelt ausgebildet, denn nach ihrer staatlichen Ausbildung erwerben sie ein Diplom in einer Zusatzausbildung, die etwa zwei Jahre dauert.

Das Entscheidende ist dabei, dass die Pädagog*innen so gut sein müssen, dass sie sich immer wieder phasenweise überflüssig machen können, damit die Schüler*innen zunehmend länger selbstständig arbeiten lernen. Die Pädagog*innen leisten vieles. Sie bereiten die Umgebung vor, die maßgeblich dazu beiträgt, dass die Kinder schnell in die Selbstständigkeit kommen können. Sie schaffen eine vertrauensvolle Atmosphäre, sind exzellente Beobachter und Begleiter*innen und sie orchestrieren die vielen individuellen Arbeitswege, Problemlösungsversuch und Projektbeiträge, damit sie für möglichst viele nutzbar werden.

Agentur für Bildungsjournalismus: Kritiker werden der Montessori-Pädagogik vor, sich allenfalls für eine kleine Gruppe besonders lernbereiter Schüler zu eignen – insbesondere lernschwächere schaffen es angeblich nicht, selbstständig zu lernen. Was sagen Sie?

Katrin Worrmann: Lernen und Arbeiten nach Montessori ist ein Angebot für jedes Kind. Man muss nicht irgendwie besonders sein, um nach diesen Erkenntnissen lernen zu können, das ist ja gerade der Witz. Dies ist keine Methode für eine Lern-Elite. Es ist auch keine“ Kuschelpädagogik“ nur für die, die es anders nicht schaffen. Es ist weder alles erlaubt, so dass die Kinder über Tische und Bänke gehen, noch ist es so vorgeplant und streng, dass man seine Freiheiten aufgibt. Es funktioniert ganz anders.

Diese Pädagogik ist konsequent insofern als dass sie sich allein daran orientiert, wie Kinder lernen und wie individuell unterschiedlich sie lernen.

Maria Montessori wusste, wie wichtig es ist, dass jemand an einen glaubt

Agentur für Bildungsjournalismus: Maria Montessori lebte zu einer Zeit, in der der Lehrerberuf vor allem von Männern ausgeübt wurde – auch die meisten Reformpädagogen dieser Zeit waren Männer. Sie selbst war eine der  ersten Frauen in Italien, die Medizin studierten, und sie engagierte sich für Frauenrechte. Hat die weibliche Perspektive Einfluss auf das pädagogische Konzept?

Katrin Worrmann: Vielleicht insofern, als Maria Montessori zutiefst davon überzeugt war, dass Mädchen und Jungen das Gleiche leisten und lernen können. Sie hat es selbst bewiesen und wollte, dass Chancengleichheit zur Normalität wird. Vielleicht auch insofern, als ihr bewusst war, dass Kinder generell mit einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Perspektive ins Leben starten. Mit Geschlechter-Zuweisungen hätte sie nichts anfangen können. Vielleicht auch insofern, als sie aus eigener Erfahrung wusste, wie es sich anfühlt, sich gegen Widerstände durchsetzen und besser sein zu müssen als die männlichen Kollegen. Und sie wusste, wie wichtig es ist, dass jemand an einen glaubt.

Agentur für Bildungsjournalismus: Maria Montessori hat früh auch mit behinderten Kindern gearbeitet. Welche Lehren für die Inklusion können wir heute aus ihren Erfahrungen ziehen?

Katrin Worrmann: Maria Montessori war eine frühe Kämpferin für die Rechte von Kindern mit Handicaps. Sie hat in ihrem Rahmen zur Überraschung der damaligen Experten bewiesen, dass Kinder mit Voraussetzungen, die sie benachteiligen, zu enormer Entwicklung in der Lage sein können, wenn sie gefördert werden, wenn ihre Sinne angeregt werden und wenn sie die Möglichkeit erhalten, sich selbst auszuprobieren.

Nähe zu den Ideen von Maria Montessori bleibt erhalten

Agentur für Bildungsjournalismus: Sie vertreten Nienhuis, das Traditionsunternehmen für Montessori-Materialien überhaupt. Es geht zurück auf den niederländischen Zimmermann Albert Nienhuis, der in enger Zusammenarbeit mit Maria Montessori Lernmittel herstellte, die ihrer pädagogischen Vision entsprachen. Nienhuis bringt immer wieder neuentwickelte Lernmittel auf den Markt – wie stellen Sie sicher, dass die Nähe zu den Vorstellungen von Maria Montessori dabei erhalten bleibt?

Katrin Worrmann: Wir entscheiden das in Teams, in denen Montessori-Spezialist*innen, die uns beraten, mit unseren eigenen Mitarbeiter*innen mit Montessori-Background zusammenarbeiten.

Agentur für Bildungsjournalismus: Was ist Ihr persönlicher Zugang zur Montessori-Pädagogik?

Katrin Worrmann: Ich habe die Montessori-Pädagogik durch meinen Sohn kennengelernt, vor etwa 20 Jahren. Er besuchte ein Montessori-Kinderhaus, das mich nicht überzeugt hat. Also habe ich angefangen, mich mit der Pädagogik zu beschäftigen und habe gemerkt, wie es sein könnte, habe mich umgesehen, verglichen und letztlich auch Materialien hergestellt.

Agentur für Bildungsjournalismus: Was wünschen Sie sich zum 200. Geburtstag von Maria Montessori in 50 Jahren?

Katrin Worrmann: Ich würde mir wünschen, dass in 50 Jahren ihre Pädagogik so normal und weitverbreitet ist, dass die Ausbildung flächendeckend in den Universitäten erfolgt. Ich würde mir wünschen, dass das Wissen davon, wie Kinder lernen, so gut erforscht ist, dass Montessoris kluge und revolutionäre Schriften endlich nicht mehr revolutionär und aktuell wirken, weil die heutigen Missstände überwunden wurden und das Lernen so ermöglicht wird, wie es die Natur gemeint hat. Andrej Priboschek führte das Interview.

Warum Montessori-Pädagogik aufzeigt, wie die Zukunft des Lernens aussieht – ein Interview

 

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1 KOMMENTAR

  1. „Ich würde mir wünschen, dass in 50 Jahren ihre Pädagogik so normal und weitverbreitet ist, dass die Ausbildung flächendeckend in den Universitäten erfolgt.“

    Vor 50 Jahren gab es auch schon Menschen (Eltern, Lehrer), die sich dies wünschten.
    Leider hat sich seither nicht sooo viel getan.

    Jetzt könnte man davon profitieren, wenn sie solche Gedanken mehr druchgesetzt hätten.
    Kinder wären flächendeckend besser auf selbständiges Arbeiten vorbereitet, ihre Neugier und ihr Wissensdrang besser entwickelt (oder zuminddst nicht unter Notenfixierung begraben), ihre Persönlichkeit stärker, sie könnten sich besser mit sich selbst und ihrer Umwelt beschäftigen, wären pychisch und sozial stabiler, weniger auf Außenbestätigung durch einen alles vorgebenden und alles steuernden Lehrer angewiesen, könnten besser mit Frustrationen umgehen bzw. würden nicht alles und jedes als Frustration interpretieren und darauf vollkommen unangemessen reagieren sondern Chancen udn Möglichkeiten erkennen…
    Man könnte die Liste weiterführen…

    Statt dessen der Ruf nach immer mehr „Vergleichbarkeit“ und zentraler Steurung von Leistung – unter dem Deckmantel „Bildungsgerechtigkeit“ – leider m.E. falsch verstanden, wenn damit nicht Persönlichkeit sich individuell entwickeln kann, sondern Persönlichkeiten gleicher gemacht werden sollen.

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