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Mutiger Bürgermeister ordnet Wechselunterricht an – gegen das Kultusministerium

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HANNOVER. Der Vizepräsident des Niedersächsischen Städtetages, Frank Klingebiel, fordert wegen der hohen Infektionsgefahr in der Corona-Pandemie einen flächendeckenden Wechselbetrieb der Schulen. Und der Oberbürgermeister macht ernst: In Abweichung von der Landeslinie habe er für alle Schulen in Salzgitter weiter Wechselbetrieb bis zu den Weihnachtsferien ab 18. Dezember angeordnet.

Das Kultusministerium will den Präsenzunterricht durchsetzen – hat aber seine Rechnung offenbar ohne den OB gemacht.  Illustration: Shutterstock

Den Beschluss des Bund-Länder-Gipfels von vergangener Woche, die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zu verwerfen und weiterhin auf Präsenzunterricht zu setzen, sieht Frank Klingebiel (CDU) kritisch. Diesen Kurs verfolgt auch das niedersächsische Kultuministerium. „Ich halte die stereotypen Aussagen unseres Kultusministers Grant Hendrik Tonne (SPD) über angeblich pandemiefeste Schulen für Durchhalteparolen, die mehr vom Wunsch als von der Realität geleitet werden“, meint dazu der OB. Und er zieht daraus Konsequenzen.

Mitte November bereits hatte die dramatische Entwicklung des Infektionsgeschehens in Salzgitter zu der Entscheidung geführt, durch Allgemeinverfügung der Stadt für alle Klassen bis zum morgigen 1. Dezember einen Wechsel ins Szenario B zu verfügen. Das sei eine aus Infektionsschutzgründen notwendige Entscheidung gewesen, „die größtenteils auf viel Zuspruch traf, aber die durchaus auch ihre Kritiker hatte“, so Klingebiel. Nach dem Bund-Länder-Beschluss und der daraus entstandenen neuen niedersächsischen Corona-Landesverordnung habe sich nun die Frage gestellt, wie es in Salzgitters Schulen weitergeht. Die Antwort: im Wechselunterricht.

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Der Wechselunterricht ermöglicht es, die Abstandsregel im Unterricht einzuführen

Das Land sieht ab dem 1. Dezember Wechselunterricht mit geteilten Lerngruppen („Szenario B“) nur als Maßnahme für Schulen in Corona-Hotspots vor und beschränkt zudem auf Schüler ab dem 7. Jahrgang. Die eine Hälfte der Klassen wird dann im Präsenzunterricht in der Schule und die andere Hälfte über Distanzunterricht zu Hause beschult, damit die Abstandsregel in den Klassenräumen gelten kann. Mit Szenario A bezeichnet das Kultusministerium den vollen Präsenzunterricht im Regelbetrieb. Ein Hotspot ist nach der Definition des Bund-Länder-Gipfels eine Stadt oder ein Landkreis aber erst mit einer Sieben-Tage-Inzidenz ab 200 – in Salzgitter betrug die Sieben-Tage-Inzidenz am Freitag aber „nur“ 171,64, am heutigen Montag lediglich 112,2.

Nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Institut ist die Stadt damit nach wie vor im dunkelroten Bereich. Es sieht bereits ab einem Inzidenzwert von 50 für alle Schulen des betroffenen Gebiets eine generelle Maskenpflicht im Unterricht sowie eine Verkleinerung der Lerngruppen vor, damit die Abstandsregel in den Klassenräumen eingehalten werden kann (News4teachers berichtet ausführlich über die Empfehlungen des RKI für den Schulbetrieb – hier geht es hin). Kein Bundesland, auch Niedersachsen nicht, beachtet bislang diese Empfehlungen.

Die Stadt bezieht auch Grundschulen in ihr Wechelunterrichts-Modell ein – gegen das Land

Salzgitter will dennoch weiterhin im Wechselunterricht bleiben. Auch in anderen Punkten stellt sich die Stadt gegen das Kultusministerium: Sie bezieht Grundschulen und die Klassenstufen 5 und 6 in den Wechselunterricht mit ein. Und sie sieht keinen Sinn darin, dann womöglich kurz vor den Weihnachtsferien – wie in der Verordnung vorgesehen – wieder auf vollen Präsenzunterricht umzustellen. Denn eigentlich gilt das „Szenario B“ in Niedersachsen nur für 14 Tage, jedenfalls dann, wenn „der Inzidenzwert an drei aufeinanderfolgenden Tagen unter 200 liegt und kein neuer Infektionsfall an der Schule vorliegt“. Diese Umstellung will der Oberbürgermeister allen Beteiligten ersparen.

Klingebiel betont: „Die Entscheidungsfindung habe ich mir mit meinem Krisenstab nicht leicht gemacht. Die unterschiedlichen Interessenlagen von Schulleitungen, Lehrkräften, Eltern und Kindern waren abzuwägen. Doch die wichtigsten Parameter für unsere Entscheidungsfindung sind nach wie vor der Infektionsschutz und die Bewertung des lokalen Infektionsgeschehens, also ein Blick auf die Fakten.“

„Die jetzt getroffene Entscheidung verlangt allen Betroffenen erneut eine Menge ab – keine Frage“, so Klingebiel. „Schule bleibt ein Ort des Lernens und des sozialen Miteinanders und doch spricht viel dafür, den Präsenzunterricht für alle weiter vorübergehend bis zu den Weihnachtsferien durch den Wechselunterricht in Szenario B zu ersetzen. Es waren seit den Herbstferien auch 14 Grundschulen von Quarantänemaßnahmen betroffen, ein Grund dafür, auf eine Differenzierung nach Jahrgangsstufen zu verzichten, denn das Corona-Virus macht es auch nicht. Ich werbe auch hier und heute erneut um Verständnis.“

Kultusministerium behauptet: Es besteht keine Notwendigkeit für einen Wechselunterricht in Salzgitter

Das Kultusministerium zeigt dieses nicht. „Nach hiesiger Einschätzung besteht keine Notwendigkeit, grundsätzlich die Hälfte aller Kinder aus den Schulen nach Hause zu schicken, um dort zu lernen“, meint ein Sprecher. „Das führt nun dazu, dass mehr als 7200 Kinder und Jugendliche ins Homeschooling müssen, verbunden mit all den großen Herausforderungen für Schulen, Eltern und Schülerinnen und Schülern.“ Gerade für nicht so lernstarke Schüler sei der Präsenzunterricht nach wie vor das Beste.

Selbstbewusst: So wirbt die CDU Salzgitter für ihren Oberbürgermeister Frank Klingebiel. Foto: CDU Kreisverband Salzgitter

Zudem beteuert der Ministeriumssprecher: „Der Trend in Niedersachsen entwickelt sich weiterhin positiv.“ Das Kultusministerium macht das allerdings nicht an der Zahl der Infektionen unter Schülern und Lehrern ferst (dazu gibt es keine Daten), sondern anhand von Corona-bedingten Einschränkungen im Schulbetrieb. Am Montag waren 518 der rund 3.000 Schulen davon betroffen – also jede sechste –, aber 25 Prozent weniger als am 13. November; seinerzeit waren es 696 Schulen – jede vierte.

Klingebiel sieht das anders. Die Zahl der Neuansteckungen in Salzgitter habe sich zwar stabilisiert, aber das auf so hohem Niveau, dass keine Entwarnung gegeben werden könne. Der Inzidenzwert sei schwankend, bewegt sich jedoch seit Tagen um die 200-Marke herum. Seit Ende der Herbstferien waren in der Stadt insgesamt 27 Schulstandorte aller Schulformen von Quarantänemaßnahmen betroffen und mussten ohne Vorankündigung ins Szenario B wechseln. Das habe die Lehrer und die Familien vor immense organisatorische Herausforderungen gestellt. News4teachers / mit Material der dpa

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Anstelle eines Kommentars zur Schulpolitik: Ein persönlicher Brief an die Ministerpräsidenten

 

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