BERLIN. Die erste Schulwoche unter teils strengeren Vorgaben der Bundes-Notbremse zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ist ohne größere Probleme gestartet – aus Sicht des hessischen Kultusministeriums jedenfalls. Der Wechsel in den Distanzunterricht habe in betroffenen Kommunen den Rückmeldungen zufolge reibungslos geklappt, sagte ein Sprecher in Wiesbaden auf Anfrage. Nur in Einzelfällen hätten Kinder vor den Schultoren gestanden. Nicht nur in Hessen mussten Schulen für den Präsenzunterricht schließen. Bundesweit die Hälfte der Schulen sei betroffen, so schätzt der Deutsche Lehrerverband.
Für ganz Deutschland gilt: „Mindestens die Hälfte der Schulen geht voraussichtlich wieder in den Distanzunterricht“, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, gegenüber dem „Tagesspiegel“. „Das sind natürlich fatale Aussichten. Wenn man nicht davon ausgeht, dass die Notbremse ganz schnell wirkt, dann wird es wohl bis Pfingsten keine Verbesserung geben, sondern eher noch eine Verschlechterung. Das ist frustrierend und deprimierend.“ Meidinger hätte sich dem Bericht zufolge mehr Spielraum und unterschiedliche Instrumente statt starrer Inzidenzvorgaben gewünscht. Der Wert von 165 sei allerdings „viel zu hoch“. „Man könnte vielleicht etwas flexibler sein, wenn alle Schüler täglich getestet werden und die Lehrkräfte weitgehend geimpft sind.“
Noch nie war die Inzidenz von Kindern und Jugendlichen so hoch wie heute. Da Eltern und zT auch Lehrpersonal noch nicht geimpft sind, und auch Kinder #LongCovid bekommen, ist das Schuljahr wahrscheinlich nur noch im Distanzunterricht zu retten. B117 Welle stoppen wir zu spät. pic.twitter.com/JvmSOWqS86
— Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) April 20, 2021
Die Bundes-Notbremse greift an den Schulen folgendermaßen: Übersteigt die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen in einer kreisfreien Stadt oder einem Kreis an drei aufeinander folgenden Tagen den Wert von 165, werden die Schulen ab dem übernächsten Tag geschlossen. Alle Schülerinnen und Schüler haben dann Distanzunterricht bei Ausnahmen für Abschlussklassen und Förderschulen, die im Wechselbetrieb bleiben.
«Derzeit gibt es keinen Hinweis dafür, dass Schulen Pandemietreiber sind»
Aus Sicht der Berliner Amtsärzte ist in den Berliner Schulen weiterhin Wechselunterricht möglich. «Derzeit gibt es keinen Hinweis dafür, dass Schulen Pandemietreiber sind», heißt es in einem am Freitag verschickten Schreiben der Amtsärzte an die Senatsverwaltung für Bildung, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Häufigstes Infektionsumfeld seien die privaten Haushalte.
Das Hygienekonzept in den Schulen, zu dem halbierte Lerngruppen, Unterricht im Wechsel zu Hause und in der Schule sowie Maskenpflicht zählen, reduziere die Zahl der Infektionsübertragungen in den Schulen erheblich, so behaupten die Mediziner. Die Schließung der Schulen könne den Inzidenz-Wert für ganz Berlin – aktuell: 138 – dagegen nur wenig beeinflussen, heißt es in dem Schreiben mit Antworten der Amtsärzte auf Fragen der Bildungsverwaltung. «Die Einführung der Schnelltests in den Schulen ist ein zusätzlicher Baustein, um Infektionsketten rasch zu erkennen. Auch die Impfung für die Lehrkräfte sollte dazu beitragen, Infektionsübertragungen zu verhindern.»
Wie die Amtsärzte zu ihrer Einschätzung gelangen, ist unklar. Laut aktuellem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts sind die meisten der Infektionen in Deutschland nicht nachvollziehbar. Wörtlich heißt es darin: „Die COVID-19-Fallzahlen stiegen in den letzten Wochen in allen Altersgruppen wieder an, besonders stark jedoch in jüngeren Altersgruppen. (…) Beim Großteil der Fälle ist der Infektionsort nicht bekannt. COVID-19-bedingte Ausbrüche betreffen insbesondere private Haushalte, aber auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld.“
Auch in vielen Schulen Nordrhein-Westfalens ist aufgrund der Bundes-Notbremse wieder ausschließlich Distanzunterricht angesagt. Eine Ausnahme gilt für die Abschlussklassen und Förderschulen in den Regionen mit Werten über der Marke von 165, die ihre bisherigen Modelle von Wechselunterricht oder Präsenzunterricht zur Klausurvorbereitung dennoch fortführen könnten, hatte das Schulministerium am Freitag erklärt. Alle Abschlussprüfungen – auch die am Freitag gerade angelaufenen Abiturprüfungen – könnten planmäßig im Präsenzbetrieb stattfinden. Außerdem werde wieder eine pädagogische Notbetreuung eingerichtet.
Am Sonntag lagen 35 Kreise und kreisfreie Städte – mehr als die Hälfte in NRW – über dem neuen Schwellenwert von 165 der bundesweit geltenden Notbremse, der für die Einschränkungen bei Schulen und Kitas relevant ist. Am Sonntag kündigte das NRW-Gesundheitsministerium für zwei weitere Kommunen ein Greifen der Regelung an, weil sie den Schwellenwert überschreiten. Vom morgigen Dienstag an seien nun auch in Bielefeld und im Kreis Herford Bildung und Kinderbetreuung strenger geregelt.
In Kreisen und kreisfreien Städten mit einer Sieben-Tage-Inzidenz unter 165 bleibt es beim bisherigen Wechselmodus aus Präsenz- und Distanzunterricht. Für die Schüler besteht in den Schulen eine Testpflicht. Dabei geht es um zwei Selbsttests pro Woche. Die Lerngruppen sind geteilt. So gibt es in zahlreichen Schulen das Modell von einem täglichen Wechsel Lernen in der Schule und zuhause.
Das ist bitter und leider Wahrheit. In 2. und 3. Welle konnten wir den Erfolg der 1. Welle nicht wiederholen. Gleichzeitig kam Impfung spät in die Spur. Daher sind in 6 Monaten über 70.000 zusätzliche Menschen gestorben. Jetzt muss alles getan werden, um Gesamtbilanz zu retten https://t.co/0Tf72VrMvZ
— Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) April 25, 2021
Auch für viele Kitas zeichnet sich mit den Infektionszahlen ein eingeschränktes Angebot ab. Die Notbetreuung wurde durch die Landesregierung allerdings locker gestaltet: Eltern, die die Betreuung ihrer Kinder nicht anderweitig sicherstellen können und die Notbetreuung deshalb in Anspruch nehmen wollen, müssen lediglich eine schriftliche Erklärung abgeben. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Ausnahmeregelungen, die einen Anspruch auf die Notbetreuung begründen: das Kindeswohl beispielsweise oder eine Behinderung. Kinder, die im letzten Kita-Jahr vor der Einschulung stehen, können analog zum Vorgehen bei den Abschlussklassen in den Schulen ebenfalls in ihre Kitas gehen.
«Wir wollten das möglichst einfach handhaben für alle Beteiligten»
NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) verteidigte am Montag im WDR-2-Interview die Neuregelung gegen Kritik, die Kitas blieben wegen laxer Dokumentationspflichten der Eltern trotzdem zu voll. «Wir wollten das möglichst einfach handhaben für alle Beteiligten», sagte Stamp. «Wir wollen auch nicht die Kita-Leitungen in die Situation bringen, dass sie jetzt das, was von den Eltern angemeldet wird, bürokratisch überprüfen müssen.»
Stamp betonte, die Beschäftigten in der Kindertagespflege würden bei den Corona-Schutzimpfungen vor vielen anderen Gruppen vorgezogen. Dies sei nur durchsetzbar gewesen, wenn die Kitas nicht vollständig geschlossen würden. Dass es in der Praxis auch in der Notbetreuung immer «eine Spreizung» gebe zwischen Kitas, die stärker belegt seien, und anderen mit geringerer Belegung, sei nicht zu vermeiden. News4teachers / mit Material der dpa
