KASSEL/FRIEDBERG/BAD HOMBURG. In Kinder- und Jugendpsychiatrien finde eine Triage statt, hatte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) provokant formuliert – und mit dieser Behauptung weite Schulöffnungen gefordert. Zweifellos trifft die Corona-Pandemie Kinder und Jugendliche hart. Allerdings gibt es jetzt Widerspruch von denen, die es wissen müssen: Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) erklärt, es handele sich um eine „unwahre Behauptung“. Und der Kinderschutzbund beschreibt ein ganz anderes Problem, unter dem Kinder litten – nämlich den hohen Leistungsdruck durch die Schule.
Ängste, Depressionen, Essstörungen – das sind nur einige der Folgen, unter denen Kinder und Jugendliche nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie immer häufiger leiden. In den Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie den Beratungsstellen nimmt die Zahl der Anfragen zu. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) schlug jüngst Alarm: Die Kinder- und Jugendpsychiatrien seien voll, dort finde eine Triage statt. Hintergrund der Behautptung ist eine Kampagne des BVKJ seit Beginn der Pandemie für weit offene Kitas und Schulen, wie News4teachers mehrfach berichtete.
„Es reicht aus, wenn ein Verbandsvertreter der Kinder- und Jugendärzt*innen mit dem Ziel einer schnelleren Schulöffnung den Begriff der ‚Triage‘ in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erwähnt – und die Presse spricht bundesweit davon“, so heißt es nun aber in einer aktuellen Pressemitteilung der DGKJP, über die News4teachers ausführlich berichtet. „Die Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland seien so überlaufen, dass sie behandlungsbedürftige Kinder und Jugendliche nicht aufnehmen könnten: dem ist nicht so! Der Vergleich mit Corona-Intensivstationen – auch dort stand Triage kurzfristig im Raum – scheint gewollt: ‚Triage‘ findet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht statt!“
«Der Begriff Triage ist etwas unglücklich gewählt, aber wir sprechen schon von einer Notlage»
Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen. Das Wort stammt vom französischen Verb «trier», was «sortieren» oder «aussuchen» bedeutet. «Der Begriff Triage ist etwas unglücklich gewählt, aber wir sprechen schon von einer Notlage. Es gibt erhebliche Engpässe», sagt die Sprecherin des BVKJ-Landesverbandes Hessen, Barbara Mühlfeld. Erkrankungen, die unter normalen Umständen nicht ausgebrochen wären, hätten sich aufgrund der Pandemie manifestiert.
Mühlfeld, selbst Kinder- und Jugendärztin aus Bad Homburg, berichtet von einer Zunahme bei Depressionen, Angst- und Essstörungen. Auch körperliche Folgen wie Gewichtszunahme durch Bewegungsmangel seien häufig zu beobachten. «Allein für unsere Praxis haben wir ein Plus von mehr als 1000 Kilo berechnet.» Augenärzte berichteten von zunehmender Kurzsichtigkeit, weil die Kinder zu wenig im Freien und zu häufig vor dem Bildschirm seien. «Die Auswirkungen sind sehr vielfältig und einschneidend.»
Das hessische Sozialministerium hält den Begriff der Triage gleichwohl für unzutreffend. Die stationäre und ambulante Versorgung für Kinder und Jugendliche in Hessen sei insgesamt gut. Hessen habe im vergangenen Jahr die stationären Kapazitäten ausgebaut und eine neue Klinik in Betrieb genommen. «Gleichwohl haben die Pandemie und die damit einhergehenden Hygienevorschriften dazu geführt, dass die Bettenkapazität reduziert werden und eine Priorisierung vorgenommen werden musste.»
Das bestätigen auch die Vitos Kinder- und Jugendkliniken für psychische Gesundheit – weist aber ebenfalls den Begriff Triage zurück. «Notfälle werden in unseren Kliniken immer unmittelbar behandelt», sagt Dietmar Eglinsky, Klinikdirektor in Kassel. Die Kliniken verzeichnen nach eigenen Angaben derzeit zwar eine deutliche Zunahme an Patienten mit schweren psychischen Erkranken und pandemiebedingt könne das Behandlungssetting, das je nach Erkrankungsschwere gewählt werde, variieren. «Das ist eine Form der Priorisierung, aber keine Triage. So wurde schon immer gearbeitet, auch außerhalb der Pandemie.»
«Viele Kinder und Jugendliche leiden massiv unter dem Druck in Zusammenhang mit der schulischen Situation»
Seit Beginn der Coronakrise gehen bei den Beratungsstellen des Kinderschutzbundes in Hessen allerdings mehr Anfragen ein. «Wir haben unsere Beratungszeiten massiv ausgeweitet, um die steigende Zahl der Anfragen zu bewältigen. Wir tun dies, soweit es unsere Kapazitäten erlauben. Die Grenze ist allerdings bei allen erreicht», sagt Geschäftsführerin Olivia Rebensburg. Besonders häufige Beratungsthemen seien Depressionen und soziale Ängste. «Viele Kinder und Jugendliche leiden massiv unter dem Druck in Zusammenhang mit der schulischen Situation.» Sie hätten Angst, im Schulstoff nicht mehr mitzukommen.
Auch die Fälle von Familien, die eigentlich stabil waren, aber jetzt einfach am Ende seien, häuften sich. «Trennungen und Scheidungen bereiten in vielen Familien große Sorgen, weil sie unter den derzeit beengten Verhältnissen noch belastender sind als ohnehin.» Den Familien mangele es an Sicherheit, Stabilität und Perspektiven, den Kindern an sozialen Kontakten, Spaß und Bewegung. Rebensburg fordert, die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen stärker in den Blick zu nehmen. «Studien belegen, dass sie sich übergangen fühlen. Sie wollen und müssen gehört werden.» Und es brauche langfristige Angebote. «Probleme, die sich in 17 Monaten aufgebaut habe, sind nicht durch eine zweiwöchige Ferienmaßnahme zu kompensieren.»
Auch Barbara Mühlfeld vom BVKJ sagt: »Es braucht schnell tiefgreifende Konzepte, wie die Defizite aufgefangen werden können. Ansonsten schieben wir eine Bugwelle vor uns her.» Besonders Kinder aus ressourcenarmen Familien bräuchten dringend Unterstützung. Das bezweifelt niemand ernsthaft. Ob ihnen allerdings durch Skandalisierungen eines Kinderarzt-Verbandes, der auch die wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder vertritt, geholfen wird, ist doch eher fragwürdig. News4teachers / mit Material der dpa
