BERLIN. Kinder und Jugendliche mussten und müssen wegen der Pandemie auf viel verzichten. Nun will die Bundesregierung mit einem Milliardenpaket die Folgen abmildern. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hält das auf den Weg gebrachte Corona-«Aufholprogramm» für «absolut unzureichend». Auch der VBE äußerte sich kritisch.
Zusätzliche Freizeitangebote, deutlich mehr Schüler-Nachhilfe, Extra-Geld für den Nachwuchs ärmerer Familien – das Bundeskabinett hat in Berlin ein zwei Milliarden Euro schweres Corona-«Aufholprogramm» für Kinder und Jugendliche beschlossen. Das Geld soll in diesem und im nächsten Jahr fließen und die Folgen der Corona-Maßnahmen bestmöglich abfedern.
«Ohne eine massive Aufstockung dieser Mittel durch zusätzliche Länderprogramme in mindestens gleicher, am besten aber dreifacher Höhe, werden die Fördermaßnahmen nicht wirklich greifen können», sagte Meidinger der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Jetzt seien die Bundesländer in der Pflicht, sehr schnell ergänzende Maßnahmenpakete zu verabschieden. «Allein ein Land wie die Niederlande wendet trotz erheblich geringerer Einwohnerzahl im Vergleich zu Deutschland ein Mehrfaches der Finanzmittel für die Sicherung der Bildungschancen nach Corona auf», sagte der Verbandschef. Er zeigte sich auch enttäuscht darüber, dass noch keine genaueren Informationen zur Ausgestaltung der Programme vorlägen. Die Zeit dränge enorm. «In sechs Wochen fangen in einigen Bundesländern schon die Sommerferien an.»
WAS IM «AUFHOLPROGRAMM» STECKT
Das Programm besteht aus zwei Säulen: Rund eine Milliarde Euro sollen in Nachhilfe- und Förderprogramme für Schüler gesteckt werden. Dafür soll es Sommercamps und zusätzliche Nachhilfekurse geben, unter Mithilfe von Vereinen, kommerziellen Anbietern oder auch pensionierten Lehrern und Nachwuchslehrkräften im Studium.
Eine weitere Milliarde ist für die Aufstockung verschiedener sozialer Projekte vorgesehen, die Kinder, Jugendliche und Familien unterstützen, um auch in diesem Bereich Krisenfolgen abzufedern. Dabei geht es um mehr Geld für Sprachförderung in Kitas in sogenannten sozialen Brennpunkten, weil viele Kinder die Einrichtungen nicht besuchen konnten, um mehr Sozialarbeit an Schulen sowie eine Aufstockung von Freizeitangeboten und kostengünstigen Ferienfahrten.
NACHHILFEBEDARF BEI JEDEM VIERTEN SCHÜLER
Es wird davon ausgegangen, dass rund ein Viertel der rund elf Millionen Schüler in Deutschland Lernrückstände aufzuholen hat, weil sie mit dem sogenannten Fernunterricht kaum oder nur schlecht erreicht wurden. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) plädiert dafür, dass die Länder sogenannte Lernstandserhebungen an ihren Schulen machen, um festzustellen, wer Nachhilfebedarf hat. Im nächsten Schuljahr solle es dann «zwei oder vier Stunden Nachhilfe in der Woche» geben. Das sei machbar, ohne die Kinder zu überfordern, sagte sie am Mittwoch in Berlin. Karliczeks Angaben zufolge soll das in Abstimmung mit der Schule, aber nicht von den Lehrkräften selbst übernommen werden, damit diese nicht zusätzlich belastet werden.
«Die Unterstützung, die durch das Aufholprogramm geleistet werden kann, ist zu begrüßen», erklärte Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Lehrerverbands VBE. «Wenn man sich jedoch ansieht, wer die Förderung übernehmen soll, ist das ein erneuter Offenbarungseid verfehlter Personalpolitik. Anstatt nachhaltige Perspektiven aufzumachen und förderndes Personal in die Schule einzubinden, werden insbesondere außerunterrichtliche Fördermöglichkeiten bezahlt. Der private Nachhilfesektor dankt und profitiert so erneut von der dauerhaften Unterfinanzierung des Bildungssystems vergangener Jahre», erklärte er.
Beckmann kritisierte auch, dass die Maßnahmen an Lernstandserhebungen geknüpft werden sollen. «Was es braucht, ist eine niedrigschwellige Möglichkeit für die Schulen, diese Gelder abzurufen. Wenn nun die Bildungsministerin Karliczek die Abrufung von Geldern aber mit Lernstandserhebungen verknüpft, wird die Realität an Schulen verkannt. Individuell zu erkennen, welches Kind was braucht, ist sicher notwendig und das gehört zur Profession der Lehrkräfte. Standardisierte Verfahren von außen sind in der aktuellen Situation aber nicht hilfreich.»
BUND STELLT GELD BEREIT – LÄNDER SETZEN UM
Mit dem «Aufholprogramm» wird das Rad nicht neu erfunden. Berlin stellt vor allem Geld bereit. Wie es eingesetzt wird, wird in der Fläche entschieden: Die Bundesländer können damit bereits bestehende Nachhilfe- und Sozialprogramme aufstocken. Ein Teil des Geldes geht auch direkt an bundesweite Stiftungen und Bundesprogramme, die Kinder, Jugendliche und Familien mit Beratungs-, Freizeit- und günstigen Urlaubsangeboten sowie Hilfen bei der frühkindlichen Bildung unterstützen. Das sind zum Beispiel das Bundesprogramm «Sprach-Kitas», die «Bundesstiftung Frühe Hilfen» und die «Deutsche Kinder- und Jugendstiftung».
Vereine, Stiftungen, Kinder- und Jugendärzte, Jugendherbergen und Jugendfreizeitanbieter werden nach Angaben von Familienministerin Franziska Giffey (SPD) über zusätzliche Angebote informieren. «Wir werden sämtliche Kanäle nutzen.»
«FREIZEITBONUS» FÜR 2,7 MILLIONEN KINDER
Teil des «Aufholpakets» ist auch eine Sonderzahlung von 100 Euro für Kinder aus bedürftigen Familien, die sehr wenig Einkommen haben und beispielsweise auf Wohngeld oder Hartz IV angewiesen sind. Dafür sollen 270 Millionen Euro bereitgestellt werden. Rund 2,7 Millionen Kinder könnten also profitieren. Das Geld kann für Ferien-, Sport- und Freizeitaktivitäten eingesetzt werden oder für andere Dinge: «Ob das der Kauf neuer Turnschuhe oder Ausstattung ist, um in den Ferien an einem Ferienprogramm teilzunehmen, das wird den Familien überlassen sein», sagte Giffey.
GANZTAGSBETREUUNG AN GRUNDSCHULEN AB 2026
Daneben brachte das Kabinett ein zweites großes Vorhaben auf den Weg, das vielen Familien den Alltag erleichtern soll: 2026 soll der lange angekündigte bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule kommen.
Die Familien- und Bildungsministerin verkündeten Fortschritte bei diesem «Flagschiffprojekt» dieser Regierung, wie Giffey es nannte. Nach langem Streit mit den Bundesländern wegen der hohen Kosten wurde der geplante bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule auf den Weg gebracht. Jedes Kind, das ab 2026/2027 eingeschult wird, soll bis zum Ende der vierten Klasse einen Anspruch auf einen Platz haben. In einigen Bundesländern, vor allem im Osten Deutschlands, gibt es schon flächendeckende Betreuung. In anderen Ländern muss noch viel in Räume investiert werden, außerdem werden genügend Erzieherinnen und Erzieher benötigt. Nach Angaben der Regierung geht es um rund 800.000 noch zu schaffende Ganztagsplätze.
Der Bund ist nach Angaben beider Ministerinnen den Ländern nun sowohl beim Zeitplan – der Rechtsanspruch kommt ein Jahr später als geplant – als auch der Finanzierung des Vorhabens noch einmal entgegenkommen. Er will sich demzufolge langfristig mit mehr als 900 Millionen Euro pro Jahr an den laufenden Betriebskosten für die Ganztagsplätze beteiligen – eine Verdreifachung der ursprünglich geplanten Summe. Die Länder müssen dem Vorhaben im Bundesrat zustimmen. Giffey und Karliczek zeigten sich optimistisch, dass es dazu auch kommen wird.
Der VBE fragt kritisch an, woher denn das Personal für den Ausbau des Ganztags kommen soll. Schon jetzt herrscht in Deutschland ein gravierender Erzieher- und Lehrermangel. News4teachers / mit Material der dpa
