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Zu wenig Impfstoff: Große Impf-Aktion für Schüler ist nun doch fraglich – war’s das mit “sicheren Schulen” im nächsten Schuljahr?

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HANNOVER. Zusätzlichen Corona-Impfstoff für Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren wird es vorerst nicht geben. Kommt also doch keine flächendeckende Impf-Kampagne in den Schulen, wie sie Niedersachsen bereits in Aussicht gestellt hatte? Ministerpräsident Weil zufolge wird sich jetzt die Landesregierung beraten. Der VBE sieht Impfungen in Schulen ohnehin skeptisch.

Im Herbst wird das Coronavirus nach wie vor in der Welt sein – was bedeutet das für den Schulbetrieb? Foto: Shutterstock

Eine flächendeckende Impf-Aktion für Schülerinnen und Schüler noch vor den Sommerferien hatte die niedersächsische Landesregierung in Aussicht gestellt, doch nach dem «Impfgipfel» in Berlin ist dieses Vorhaben fraglich. Der Bund stelle keinen zusätzlichen Corona-Impfstoff für 12- bis 16-jährige Jugendliche bereit, sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Es sei klargestellt worden, dass die Menge insgesamt nicht größer werde. «Deswegen gibt es diese Enttäuschung auf Länderseite. Die ist bei uns vorhanden und bei den anderen Ländern vorhanden», sagte Weil nach dem Gespräch von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten.

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA wird voraussichtlich an diesem Freitag über eine entsprechende Zulassung für den bisher ab 16 Jahren zugelassenen Impfstoff von Biontech und Pfizer entscheiden.

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«Wir wollen noch vor den Ferien mit den Impfungen von Schülerinnen und Schülern anfangen»

Niedersachsen hatte vor zwei Tagen ein Konzept zum möglichen flächendeckenden Impfen aller Schüler ab zwölf Jahren gegen Covid-19 vorgelegt. Mit Aktionen in Schulen, kommunalen Gebäuden oder in den Impfzentren könnten demnach alle rund 450.000 Schüler ein Angebot zur Immunisierung erhalten, sagte die niedersächsische Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) am Dienstag. «Wir wollen noch vor den Ferien mit den Impfungen von Schülerinnen und Schülern anfangen», sagte Behrens.

Regierungschef Weil verwies nun darauf, dass die Warteliste von Impfwilligen in Niedersachsen lang sei und am 7. Juni zudem die Priorisierung aufgehoben werde. Damit sind also alle Menschen im Land über 16 Jahren impfberechtigt. Die Landesregierung habe nun zu beraten, wie 12- bis 16-Jährige an Impfungen kommen können, wenn sie dazu berechtigt sein werden, sagte Weil. Möglicherweise sei dies auch eine Sache, die zwischen einem Arzt des Vertrauens und den Jugendlichen und ihren Familien geregelt werden könne.

Insgesamt sieht der Regierungschef «deutlich spürbare Fortschritte» bei der Impfsituation. 41,7 Prozent der Niedersachsen haben inzwischen eine Erstimpfung erhalten, 14,0 Prozent sind bereits vollständig geimpft. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Niedersachsen sank am Donnerstag im Landesschnitt auf 27,9 nach 34,0 am Vortag. Weil warnte davor, ähnlich wie bei Astrazeneca nach dem EU-Entscheid auf nationaler Ebene separate Diskussionen über die Tauglichkeit des Impfstoffs für Minderjährige zu führen. «Ich finde, wenn ein Impfstoff zugelassen ist von der europäischen Behörde, dann sollte das doch Sicherung genug sein», sagte er dem Sender ffn.

Die Signale der Ständigen Impfkommission (Stiko), möglicherweise vorerst keine generelle Impf-Empfehlung für Kinder auszusprechen, sieht der SPD-Politiker kritisch. Er wünsche sich generell, dass die Entscheidungen auf europäischer Ebene und Empfehlungen auf nationaler Ebene eng beieinander liegen, sagte Weil nach dem mehr als drei Stunden langen Bund-Länder-Gespräch, räumte aber auch ein: «Ich bin kein Impfexperte.»

Die niedersächsische Ärztekammer-Präsidentin Martina Wenker warnte die Politik unterdessen davor, sich über die auf ärztlichem Sachverstand basierenden Empfehlungen der Impfkommission hinwegzusetzen. Allein weil es den Besuch von Schule oder Kindergarten erleichtere, sollten Kinder nicht geimpft werden, wenn es dafür keine medizinische Notwendigkeit gebe.

«Die Schule bleibt für alle Kinder und Jugendlichen offen, ganz gleich, ob sie geimpft sind oder nicht»

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hatte am Dienstag betont, dass es keine Impfpflicht geben werde. Die Entscheidung bleibe bei den Eltern. «Die Schule bleibt für alle Kinder und Jugendlichen offen, ganz gleich, ob sie geimpft sind oder nicht», sagte Tonne.

Der Kinderarzt Dr. med. Thomas Buck, Mitglied im Vorstand der Landesärztekammer, warnte ebenfalls vor einem überstürzten Impfen von Kindern. «Warum diese Eile – die Gefahr für Kinder und Jugendliche für einen sehr schweren Krankheitsverlauf ist sehr gering», sagte Buck. «Die Datenlage für Impfungen von Kinder und Jugendlichen ist noch zu dünn.» Als Kinderarzt wolle er außerdem eine individualisierte Beratung für die Eltern. «Ein mögliches Impfen in Zentren oder Schulen halte ich für verfehlt. Es würde dort in die falschen Hände gelegt.» Bei jeder Impfung müsse individuell entschieden werden, unterstrich Buck.

Der Münchner Infektiologe Prof. Dr. med. Clemens Wendtner wirbt hingegen für Corona-Impfungen von Kindern in Deutschland. Es gebe auch bei Kindern schwere Erkrankungsbilder. News4teachers / mit Material der dpa

Statement des VBE

„Das Impfen an Schulen zu ermöglichen, sehen wir sehr skeptisch. Es ist sicher möglich, Räumlichkeiten bereitzustellen, damit Eltern durch medizinisches Personal im Rahmen einer Veranstaltung über die aktuelle Studienlage und Chancen und Risiken von Impfungen aufgeklärt werden können. Doch die mit dem Impfen der Kinder einhergehenden zusätzlichen Herausforderungen an Schule angemessen aufzufangen, kann nicht Aufgabe von Lehrkräften und Schulleitung sein. Das beginnt bei Räumlichkeiten und Aufsichtspflicht und betrifft auch die Begleitung der Schülerinnen und Schüler von Lehrkräften“, erläutert der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, anlässlich des Impfgipfels und der Idee des Impfens an Schulen.

Er erklärt: „Gerade diejenigen, die am lautesten fordern, dass Präsenzunterricht umgesetzt werden müsse, um Lernrückstände aufzuholen, sind jetzt diejenigen, die kein Problem damit haben, wenn die Abläufe gestört und wichtige Lernzeit verloren geht. Was die Schülerinnen und Schüler gerade brauchen, sind verlässliche Strukturen, feste Ansprechpersonen und ausreichend Zeit, um das Erlebte aufzuarbeiten. Was sie sicher nicht gebrauchen können, ist, mit Entscheidungen konfrontiert zu werden, die Minderjährige nicht einmal selbst fällen dürfen.“

Ist Impfen von Schülern sinnvoll? Zulassung wird heute erwartet. Mediziner streiten

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