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Inzidenzen unter Schülern steigen weiter – Drosten warnt vor einer Durchseuchung der Kinder: “Das kann man nicht machen”

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BERLIN. Die Corona-Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen wachsen weiter stark. Innerhalb von nur zwei Wochen hat sich in Deutschland die Inzidenz unter den Grundschülern (Fünf- bis Neunjährige) von 49 auf 146 verdreifacht sowie unter den Sekundarstufe-I-Schülern von 70 auf 182 verzweieinhalbfacht. Dies geht aus dem aktuellen Wochenbericht zur Pandemie des Robert-Koch-Instituts hervor. Trotz (oder wegen) dieser Lage beraten die Gesundheitsminister der Länder am Montag darüber, die Quarantäne-Regeln für Schülerinnen und Schüler zu lockern. Der Virologe Prof. Christian Drosten warnt davor, die vierte Welle ungebremst durch die Schulen laufen zu lassen.

Vergleicht man die aktuellen RKI-Daten mit denen von vor sechs Wochen (29. Kalenderwoche) – also vor Schuljahresbeginn im ersten Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern –, dann hat sich die Zahl der neuinfizierten Grundschüler in Deutschland verelffacht, die der Mittelstufen-Schüler in Deutschland verachtfacht. Bei den Sekundarstufe-II-Schülern (15- bis 19 Jahre) stieg der Inzidenzwert in dieser Zeit von 41 auf 172. Keine andere Altersgruppe weist eine solche Dynamik aus. Die durchschnittliche Inzidenz in Deutschland liegt bei 78.

Der Chef-Virologe der Berliner Charité, Prof. Christian Drosten, warnt die Politik vor einer Durchseuchung der Kinder und Jugendlichen. „Es ist ganz klar, das kann man nicht machen“, erklärt er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Vorsicht sei geboten. Die vorliegenden Daten lieferten keinen Beweis dafür, dass Kinder nicht in nennenswerter Zahl von schweren Erkrankungsverläufen wie inflammatorischen Syndromen betroffen sein könnten. „Diese Sicherheit bräuchten wir ja, um die Kinder im Prinzip, wenn man das so salopp sagen möchte, freizugeben für eine Durchinfektion. Das kann man auf keinen Fall machen“, sagte Drosten.

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“Man muss jetzt einen Schulbetrieb hinkriegen, der nicht zu einem exponentiellen Anstieg der Inzidenzen führt”

Der Schulbetrieb sei sicher notwendig. „Das ist ganz klar. Man kann das jetzt nicht noch mal wieder den Kindern zumuten und diesen Schaden auch gesellschaftlich auf sich nehmen. Man muss in irgendeiner Art und Weise jetzt einen Schulbetrieb hinkriegen, der nicht dazu führt, dass es zu einem exponentiellen Anstieg der Infektionstätigkeit in dieser nicht geschützten Altersgruppe führt, und das ist natürlich eine Kombination von Maßnahmen, die man da erwägen muss und tatsächlich jetzt auch möglichst bald umsetzen muss“, erklärte der Wissenschaftler. Zum Beispiel bei der Quarantäne. Drosten: „Quarantäne klingt immer so wie etwas ganz schrecklich durchgreifendes. Da muss man möglicherweise mit Kompromisslinien arbeiten“, sagte er.

Hintergrund: Der Charité-Forscher hatte unlängst vorgeschlagen, statt der geltenden 14 Tage sollten die Schüler künftig nur fünf Tage in Quarantäne geschickt werden, wenn sich in der Klasse ein Kind infiziert habe. Das sei ein akzeptabler Zeitraum. Andererseits solle aber künftig nicht wie bisher mit der Quarantäne gewartet werden, bis ein zweiter Covid-19-Fall in der Klasse vorliege. „Besser ist Quarantäne für die ganze Klasse sofort beim ersten Fall, das aber kurz“, so Drosten.

“Wir werden Anfang des Jahres wahrscheinlich auch Impfstoffe für jüngere Kinder haben, die zugelassen sind”

Im Interview mit dem Deutschlandfunk wies er jetzt auch auf die Situation vulnerabler Kinder und Jugendlicher hin. „Es gibt ja Kinder, bei denen weiß man, da ist eine Krankheit im Spiel, und die sollten sich auf keinen Fall infizieren.“ Diese könnten geimpft werden, obwohl bislang kein Impfstoff für Unter-12-Jährige zugelassen ist. Drosten: „Es ist aber auch so, dass Kinderärzte die zugelassenen Erwachsenen-Impfstoffe im Off-Label-Use-Verfahren verwenden können für diese Kinder. Inzwischen weiß man, wie man die Dosis reduzieren würde, sogar bei Kindern verschiedener Altersgruppen. Da kann man sich orientieren an der Dosisfindung in den jetzt fast abgeschlossenen Phase-III-Studien. Wir werden Anfang des Jahres wahrscheinlich auch Impfstoffe für jüngere Kinder haben, die zugelassen sind. Bis dahin muss man sich helfen mit einer Off-Label-Anwendung für die gefährdetsten Kinder und da, denke ich, sind die Fachgesellschaften der Kinderärzte jetzt auch aufgerufen, Empfehlungen zu machen für den Umgang mit dieser Situation.“

Drosten betonte weiter, „wir haben im Schulbetrieb im Prinzip zwei Möglichkeiten“: Durchseuchung eben – oder „dass man immer wieder alles testet und dadurch versucht, den Anstieg der Inzidenz zu kontrollieren“. Das sei durchaus möglich. „Ich glaube zum Beispiel, dass das, was man jetzt in Nordrhein-Westfalen sieht, eigentlich eher mitgebrachte Infektionen aus der Urlaubszeit sind. Viele von diesen Kindern werden nur noch Rest-RNA haben und man wird erst in den nächsten Wochen sehen, wie sich das einspielt. Ich glaube eigentlich nicht, dass das in Nordrhein-Westfalen gerade schon hochkocht, sondern dort wird ganz besonders sorgfältig im Moment über dieses Lollie-PCR-Projekt in dieser Altersgruppe getestet. Das ist ein sehr empfindlicher Test – und das kann funktionieren.“ In den Grundschulen des Landes wird mit sogenannten Pool-Tests ermittelt, ob sich in einer Klasse Infizierte befinden – ist der Test positiv, wird individuell nachgetestet.

In Sachen Gesundheitsschutz ist die NRW-Landesregierung in anderer Richtung unterwegs als der, die Drosten vorschlägt

Die Inzidenzwerte für Schülerinnen und Schüler in NRW liegen seit Ende der Sommerferien vor zwei Wochen bundesweit auf Rekordniveau, sind aber in den letzten Tagen leicht gesunken. Dies geht aus aktuellen Daten des Landeszentrums Gesundheit NRW hervor. Die Inzidenz bei den Zehn- bis 14-Jährigen war danach von 143 am 17. August – also zum Schuljahresbeginn – auf 430 gestiegen (am 25. August), dem höchsten in Nordrhein-Westfalen gemessenen Wert in einer Altersgruppe in diesem Jahr überhaupt, und ist seitdem auf 335 gesunken. Bei den Grundschülern, den Fünf- bis Neunjährigen, lag der Inzidenzwert vor Schuljahresbeginn (17. August) bei 96 und stieg dann auf 340 (26. August). Aktuell liegt er bei 324. Bei den 15- bis 19-Jährigen lag die Inzidenz vor Schuljahresbeginn (17. August) bei 159 und stieg dann auf 311 (26. August). Aktuell liegt sie bei 269.

Die NRW-Landesregierung drängt angesichts dieser Entwicklung darauf, die Quarantäne-Regeln bundesweit zu lockern. Am Montag soll das Thema bei der Konferenz der Gesundheitsminister beraten werden. Ihr «Wunsch» sei, dass künftig nur noch nachweislich mit Corona infizierte Schülerinnen und Schüler in häusliche Quarantäne gehen sollten, erklärte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Sie hoffe auf einen entsprechenden Beschluss bei den laufenden Bund-Länder-Gesprächen – schloss aber auf Nachfrage einen Alleingang von Nordrhein-Westfalen nicht aus, wie News4teachers berichtete.

Auch in anderen Punkten ist Gebauer offensichtlich in anderer Richtung unterwegs als der, die Drosten vorschlägt: Ob die Maskenpflicht im Unterricht weiter gelten soll, wird vom Schulministerium “geprüft” – auch ein Ende der Tests wurde von der Ministerin schon mal ins Gespräch gebracht. “Mindestens” bis zu den Herbstferien, die in NRW in fünf Wochen beginnen, solle es die geben. Und danach? Offen. News4teachers

Hier geht es zum aktuellen Corona-Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts.

Gegen Laschet: Merkel versucht, die Länder von einer Durchseuchung der Kinder abzubringen – vergeblich?

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