«Im Herbst soll es in jedem Klassenzimmer und den Kitas mobile Lüfter geben. Das sind über 100.000 Lüfter. Bayern trägt bis zu 50 Prozent der Kosten für die Kommunen. Dazu empfehlen wir, an der Schule künftig 3x pro Woche zu testen. Wir wollen im Herbst nicht bei Null anfangen», so twitterte Markus Söder (CSU) am 29. Juni. Das Programm, das die Staatsregierung dafür aufsetzte, funktioniert allerdings bei Weitem nicht so, wie
Bayerns Ministerpräsident in Aussicht stellte: Zum bevorstehenden Schulstart werden wohl zahlreiche Klassenräume in Bayern nicht mit Luftfiltern ausgestattet sein.
Wie viele das sind, ist zwar unklar, aber bis Ende August waren beim bayerischen Kultusministerium nach Angaben eines Sprechers erst für rund 23.000 Klassenräume Fördergelder beantragt worden – von insgesamt rund 75.000. Allerdings gebe es auch Schulen, die die Luftfilter ohne Fördergelder beschafft hätten, betonte ein Ministeriumssprecher. Die Zahl der tatsächlich mit einem Filter ausgestatteten Klassen dürfe darum höher sein. Wie hoch wisse er aber nicht.
«Die beantragte Summe erhöht sich jedoch täglich», sagte der Sprecher außerdem. Nach Angaben von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) waren nur zwei Wochen vor Beginn des Schuljahrs aber erst zehn Prozent der Gelder aus dem jüngsten, im Sommer aufgelegten Förderprogramm abgerufen worden. Das Kultusministerium betonte allerdings, dass früher ausgezahlte Fördergelder dagegen schon zu 100 Prozent abgerufen worden seien.
«Schulträger wollen nicht investieren, weil sie nicht wussten, ob mit Luftreinigern wirklich mehr Präsenzunterricht stattfinden kann»
«Das ist uns schlicht zu wenig. Hier wurde furchtbar viel Zeit verschenkt», sagte die stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes, Henrike Paede zu den Zahlen aus dem Ministerium. «Viele Schulträger wollen nicht investieren, weil sie nicht wussten, ob mit entsprechender Ausstattung auch wirklich mehr Präsenzunterricht stattfinden kann. Dazu hat die Politik leider nie eine Ansage gemacht.»
Auch für die Präsidentin des bayerischen Lehrerverbandes BLLV, Simone Fleischmann, ist diese Situation untragbar. Denn die Schulen, die es sich leisten konnten, auch ohne Fördergelder Luftfilter anzuschaffen, seien diejenigen, die finanziell gut ausgestattet sind. «Und nicht diejenigen aus einem schwierigeren sozio-ökonomischen Umfeld, in denen die Schüler besonders dringend auf Präsenzunterricht angewiesen sind.»
Sie kritisierte scharf, dass auch nach anderthalb Jahren Pandemie noch immer nicht überall die Möglichkeit für guten Unterricht unter Corona-Bedingungen geschaffen worden sei. «Und so reden wir wieder nur über Corona-Rahmenbedingungen und nicht über Inhalte oder darüber, wie wir es unseren Schülern erleichtern können, mit der Pandemie umzugehen.»
Der Landeselternverband Bayerischer Realschulen forderte «bis spätestens Ende 2021 ein Raumluftreinigungsgerät und Plexiglastrennwände in jedem Klassenraum» und schrieb einen «Brandbrief» an Kultusminister Michael Piazolo. «Unsere Kinder sind die Leidtragenden, weil Sachaufwandsträger sich vor Kosten scheuen, deren Ausgabe die Gesundheit unserer Kinder sichern sollen und die Erhaltung des Bayerischen Bildungsstandards gewährleisten», heißt es darin.
Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Hamburg: Die Schulbehörde des Stadtstaates hat 21.000 mobile Luftfilter kurzerhand selbst bestellt – alle Klassenräume werden bis Oktober ausgestattet, wie News4teachers berichtet. News4teachers / mit Material der dpa
Spahn kritisiert Kultusminister: Luftfilter hätten im Sommer 2020 angeschafft werden können
