ERFURT. Anlässlich des Weltlehrertages erinnert der Thüringer Lehrerverband (tlv) an die großen Gesundheitsrisiken und die damit verbundenen Opfer, die Lehrkräfte in den vergangenen anderthalb Jahren zu tragen hatten. „Eltern, Großeltern und Schüler:innen, aber auch die Vertreter:innen in der Politik und insbesondere der Bildungspolitik sind eingeladen, diesen Tag zu nutzen und sich zu vergegenwärtigen, was das schulische Personal in dieser Pandemie auf sich genommen hat“, erklärt Tim Reukauf, Sprecher des Jungen tlv. Mindestens 35 Erzieher/Lehrkräfte sind nach Veröffentlichungen des Robert-Koch-Instituts in Deutschland Corona-bedingt verstorben.
Anlass für diese Einladung, so Reukauf, sei das Motto des diesjährigen Weltlehrertages: Die weltweit aktive Dachorganisation Education International, der auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) und damit der tlv als Landesverband des VBE angehören, habe entschieden, in diesem Jahr der an COVID-19 verstorbenen Lehrerinnen und Lehrer in aller Welt zu gedenken. „Education International vertritt mehr als 32 Millionen Kolleg:innen in 178 Staaten der Erde“, erklärt Reukauf. Viele dieser Länder seien noch deutlich härter von der Pandemie betroffen gewesen als Deutschland und hätten ein Vielfaches an Menschenleben zu beklagen.
“Unter den Opfern sind auch Menschen, die sich bei der Ausübung ihres Schuldienstes infiziert haben dürften“
„Wir wollen die Situation hier nicht mit der in Staaten wie Indien oder Brasilien oder selbst den USA vergleichen. Wir in Deutschland hatten das Glück, eine besonnene und auf die Wissenschaft vertrauende Regierung, ein leistungsstarkes medizinisches System und ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung zu haben. Gleichwohl haben auch wir zehntausende Opfer zu beklagen, und unter ihnen auch Menschen, die sich bei der Ausübung ihres Schuldienstes infiziert haben dürften.“
Bis Juni veröffentlichte das Robert-Koch-Institut in seiner täglichen Corona-Statistik auch eine Übersicht mit Infektionen in besonders betroffenen Berufsgruppen – darunter zusammengefasst Beschäftigte aus Kitas, Kindertagespflege, Schulen und Heimen. Die letzte Übersicht dieser Art, über die News4teachers berichtete, wies am 7. Juni insgesamt 35 Angehörige der Berufsgruppe aus, die eine Infektion mit dem Coronavirus nicht überlebt hatten – 916 waren bis dahin seit Beginn der Pandemie ins Krankenhaus gekommen.
Die Zahlen dürften nur die Spitze des Eisbergs gezeigt haben. „Da Angaben zu Betreuung, Unterbringung und Tätigkeit bei vielen Fällen fehlen, ist die Anzahl der Fälle mit einer Betreuung, Unterbringung oder Tätigkeit in den einzelnen Einrichtungen als Mindestangabe zu verstehen“, so hieß es beim RKI. Auch gibt es keine Belege dafür, dass sich die Betroffenen tatsächlich im Dienst angesteckt haben. „Für die übermittelten Covid-19-Fälle aus allen genannten Einrichtungen ist (..) unbekannt, wie hoch der Anteil derer ist, die sich auch in dieser Einrichtung angesteckt haben“, schrieb das RKI. Mittlerweile wird die Übersicht nicht mehr veröffentlicht.
Aber auch diejenigen, die bisher gesundheitlich unbeschadet durch die Pandemie gekommen seien, hätten Unglaubliches geleistet, ergänzt Reukauf. „In Zeiten, in denen wir noch sehr wenig über dieses Virus wussten, waren Lehrerinnen und Lehrer in der sogenannten Notbetreuung tätig, damit kein Kind unbeaufsichtigt bleiben muss. Und selbst, als die Risiken besser verstanden und die Risikogruppen von der Präsenzpflicht befreit worden waren, sind viele Kolleginnen und Kollegen trotz einer erhöhten persönlichen Gefährdung weiterhin zum Dienst erschienen. Sie wollten ihre Schülerinnen und Schüler nicht im Stich lassen.“ Die Schutzmaßnahmen seitens der Dienstherrin, das heißt der Landesregierung Thüringens, seien dabei zu keiner Zeit adäquat gewesen. „Vom Land gestellte Ausrüstung gab es so gut wie keine, und die Hygienemaßnahmen vor Ort mussten von den Schulen selbst organisiert werden, mit dem, was eben aufgetrieben werden konnte.“
Mit den Tests hätte es dann erste Möglichkeiten gegeben, dem Virus wenigstens einen kleinen Schritt voraus zu sein – „aber auch damit wurden die Schulen alleingelassen und werden es bis heute.“ Hinzu sei die zunehmende Gewalt seitens querdenkender Eltern gekommen. „Stellen Sie sich vor, Sie kommen morgens zu Ihrem Arbeitsplatz und sehen vor dem Eingang Menschen mit Plakaten stehen, die Ihnen vorwerfen, sich strafbar zu machen und unschuldige Kinder in Gefahr zu bringen.“ Nach wie vor, so Reukauf, würden Lehrkräfte und Schulleitungen Drohbriefe erhalten, weil sie etwa die Maskenpflicht durchsetzen, und müssten damit allein zurechtkommen.
Immerhin hätten die in den Schulen Beschäftigten nun die Möglichkeit, sich gegen das Virus impfen zu lassen – „anders als die Kolleginnen und Kollegen in vielen anderen Ländern der Welt.“ Dies sei eine große Erleichterung, aber das Impfangebot sei viel zu spät gekommen, gemessen an den Risiken, denen auch das schulische Personal tagtäglich ausgesetzt sei.
“Tun Sie nicht so, als sei die Gefahr schon gebannt, weil Sie die Schulen um jeden Preis offenhalten wollen”
„Eine akute Gefahr für Leib und Leben besteht für einen Großteil der Kolleginnen und Kollegen in den Schulen nicht mehr“, so Reukaufs Fazit. „Das ist allerdings in keiner Weise das Verdienst derjenigen, die unmittelbar für die Gesundheit des schulischen Personals verantwortlich sind. Wir möchten diesen Tag deshalb auch dazu nutzen, die Landesregierung aufzufordern: Behalten Sie diejenigen Beschäftigten im Blick, die sich nicht impfen lassen können oder bei denen aufgrund einer Vorerkrankung keine Immunantwort erfolgt ist. Tun Sie nicht so, als sei die Gefahr schon gebannt, weil Sie die Schulen um jeden Preis offenhalten wollen. Werden Sie Ihrer Verantwortung wenigstens jetzt gerecht, wo das Schlimmste – hoffentlich – vorbei ist. Nach dem Motto: Besser spät als nie.“
Den Kolleginnen und Kollegen in den Schulen spricht Reukauf gleichzeitig seine Anerkennung aus: „Wir danken Ihnen allen für Ihr übergroßes Engagement, und das nicht nur am Weltlehrertag. Sie haben mit Tapferkeit, Einfallsreichtum und gesundem Pragmatismus in diesen schwierigen Zeiten nahezu Unmögliches geleistet und tun das nach wie vor an jedem einzelnen Schultag – entgegen allen Widerständen.“ News4teachers
