BERLIN. Der SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Karl Lauterbach hat seine Bestürzung über den Tod eines 38-jährigen Lehrers aus Berlin geäußert, der an einer Corona-Infektion gestorben ist. Der Bundestagsabgeordnete, selbst studierter Mediziner und Epidemiologe, forderte Konsequenzen für den Schulbetrieb. Allein in der vergangenen Woche waren dem Robert-Koch-Institut drei Todesfälle unter Erziehern/Lehrern gemeldet worden, die im Zusammenhang mit Covid-19 stehen.
Wörtlich schrieb Lauterbach auf Twitter: „Der bestürzende Tod des jungen Lehrers sollte nicht zu Schuldzuweisungen führen, sondern zur Handlung. Ich bleibe dabei: Präsenzunterricht plus Lüften reicht nicht, Fallzahlen gehen nach Öffnung der Schulen dann sofort wieder hoch.“ Weiter betonte er: „Es ist bitter, aber: Wir kommen an der Teilung der Klassen plus Homeschooling nicht vorbei. Die Studienlage ist eindeutig. Studien vom frühen Herbst oder ähnliches sollten nicht mehr diskutiert werden. Die KMK muss sich klar zu den RKI-Empfehlungen bekennen. Thema wird seit Monaten verschwurbelt.“
(1) Der bestürzende Tod des jungen Lehrers sollte nicht zu Schuldzuweisungen führen sondern zur Handlung. Ich bleibe dabei: Präsenzunterricht plus Lüften reicht nicht, Fallzahlen gehen bach Öffnung der Schulen dann sofort wieder hoch. Es ist bitter, aber: https://t.co/y2gRZTYSTZ
— Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) December 21, 2020
Die KMK beachtet auch die Empfehlungen der Leopoldina zum Schulbetrieb nicht
Die Nationalakademie Leopoldina hatte in einer Stellungnahme Anfang Dezember, an der auch RKI-Präsident Prof. Lothar Wieler sowie Charité-Chefvirologe Prof. Christian Drosten mitgearbeitet hatten und die dann zur wissenschaftlichen Grundlage für den aktuellen Lockdown wurde, gefordert, für den Wiederbeginn des Unterrichts ab dem 10. Januar 2021 sollte in allen Bundesländern das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Unterricht für alle Jahrgangsstufen verpflichtend sein. Zudem sollten ländereinheitliche Regeln für den Wechselunterricht ab der Sekundarstufe erarbeitet werden, die ab einer bestimmten Inzidenz greifen. (News4teachers berichtete über die Stellungnahme der Leopoldina.) Auch diesen Empfehlungen folgt die KMK bislang nicht.
Prof. Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU Berlin (der zum Thema Aerosole in Klassenräumen geforscht hat), meldete sich auf Lauterbachs Post hin zu Wort: “Seit Frühjahr nenne ich die 4 Haupteinflüsse für die Aerosolübertragung: Quellstärke, Raumgröße, Luftmenge, Aufenthaltszeit. Aus Schulräumen lassen sich keine Reinräume machen. Folge: Ansteckungen weiter reduzieren durch Kontaktanzahl- und -zeitbegrenzung.”
Die Schulgemeinschaft trauert – GEW-Vertreter: “Infektion erfolgte höchstwahrscheinlich im Dienst!”
„Unsere Schulgemeinschaft trauert um unseren geschätzten Kollegen, der viel zu früh uns gegangen ist“, so heißt es in der Traueranzeige – daneben das Foto des verstorbenen Lehrers. Er soll keine Vorerkrankungen gehabt haben – und hat sich womöglich an seiner Schule, einer Gemeinschaftsschule in Kreuzberg, angesteckt.
Das jedenfalls glaubt Gökhan Akgün, der Vorsitzende des GEW-Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Er schreibt auf Twitter: „Unser Kollege ist an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Die Infektion erfolgte höchstwahrscheinlich im Dienst!“ Auch der mittlerweile Verstorbene selbst soll Kollegen kurz nach seinem positiven Test gesagt haben, er habe sich in der Schule infiziert. Einen Beweis dafür gibt es nicht. Doch für Akgün steht aufgrund der Gesamtumstände „fest, dass nur die Schule als Infektionsherd in Frage kommen kann“.
In einer Klasse, in der der Lehrer unterrichtete, habe es unter den Schülern mehrere Corona-Fälle gegeben, zudem sei ein weiteres Mitglied des Kollegiums positiv getestet worden sein. In der Schule habe bis zum 16. Dezember, als in Berlin alle Schulen geschlossen wurden, wochenlang die Alarmstufe „Rot“ gegolten, die höchste Corona-Warnstufe für Schulen in der Bundeshauptstadt. In der Schule sei ein Trauerraum eingerichtet worden.
Akgün kritisierte die Senats-Bildungsverwaltung in Zusammenhang mit dem Todesfall. „Wir wollen, dass die Senatsverwaltung nicht mehr weiterhin erklärt, dass an Schulen das Risiko für eine Ansteckung sehr gering sei. Die Senatsverwaltung als Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass Schülerinnen und Schüler sowie das Lehrpersonal einen sicheren Arbeitsplatz haben und muss deshalb die entsprechenden Maßnahmen ergreifen“, sagt er. Auch die Berliner GEW fordert, die Empfehlungen des RKI für die Schulen zu beachten.
Dem RKI wurden drei Lehrkräfte oder Erzieher gemeldet, die an Corona gestorben sind – allein in der vergangenen Woche
In der vergangenen Woche sind bundesweit offenbar drei Lehrkräfte oder Erzieher an Covid-19 verstorben. Das geht aus einer Statistik des Robert-Koch-Instituts hervor. Laut aktuellem Lagebericht (vom Samstag, 19. Dezember) gibt es bislang insgesamt 16 Beschäftigte aus Kitas, Kindertagespflege, Schulen und Heimen, die eine Infektion mit dem Coronavirus nicht überlebt haben – 442 kamen seit Beginn der Pandemie ins Krankenhaus. In der Vorwoche (am Samstag, den 12. Dezember) wies die Statistik erst 13 Verstorbene in diesem Bereich aus – 409 hatten in einem Krankenhaus behandelt werden müssen. News4teachers
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