BERLIN. Angesichts des explodierenden Infektionsgeschehens lassen Gesundheitsämter das Coronavirus jetzt offenbar praktisch ungebremst durch Schulen laufen. Dies geht jedenfalls aus einem Schreiben des Gesundheitsamts Berlin-Spandau hervor, das News4teachers vorliegt. „Mit sofortiger Wirkung wird die Kontaktpersonennachverfolgung eingestellt“, so heißt es darin. Auch ein massiver Ausbruch in einer Klasse ändert daran nichts. Ist es legitim, die Präsenzpflicht in der Schule aufrechtzuerhalten, wenn der Staat die Schülerinnen und Schüler dort augenscheinlich gar nicht vor einer grassierenden Seuche schützen will?
„Wie ich bereits in meiner E-Mail vom 17. Januar 2022 angekündigt habe, kommen aufgrund der hohen Fallzahlen einige Veränderungen auf uns zu“, so heißt es fast freudig in dem Brief, den das „Bezirksamt Spandau von Berlin“ mit gleichem Datum an die Schulleitungen der Spandauer Schulen geschickt hat. „Die Quarantäne von Kontaktpersonen ist zum aktuellen Zeitpunkt aufgrund der hohen Fallzahlen hinfällig, da auch Haushaltskontakte nicht erfasst werden.“
“Von Ihnen werden ausschließlich Indexfälle oder konkrete Verdachtsfälle nach Hause geschickt, keine Kontaktpersonen mehr!”
„Das bedeutet für Sie als Schule: Nur noch Indexfälle (also positive Fälle, d. Red.) erhalten eine Quarantäne-Anordnung durch das Gesundheitsamt. Von Ihnen werden ausschließlich Indexfälle (PCR-positiv oder Antigen-Schnelltest) oder konkrete Verdachtsfälle (positiver Schnelltest in der Schule) nach Hause geschickt, keine Kontaktpersonen mehr! Sie melden bitte dem Gesundheitsamt per Mail Ihre positiven Indexfälle (PCR-positiv oder Antigenschnelltest aus einem zertifizierten Testzentrum) unter Angabe der bekannten Daten (Name, Geb.-Datum, Klasse, persönliche Daten)! Es wird durch Sie keinerlei Kontaktliste mehr erstellt!“ Liege ein positiver Befund eines Schülers/einer Schülerin bzw. Mitarbeiter*in vor, empfehlen wir eine tägliche Schnelltestung des direkten Sitznachbarn und der ‚best friends‘“.
Im Klartext: Das Gesundheitsamt tut nichts mehr, außer positiv Getesteten mitzuteilen, was sie ohnehin wissen: dass sie infiziert sind, und sie über die für sie geltende zehntägige Quarantäne zu informieren. „Die Quarantäne endet automatisch ohne Testung nach Ablauf der zehn Tage.“ Die Möglichkeit, sich frei zu testen, bestehe ab Tag 7 mit einem PCR- oder einem Antigenschnelltest. „Symptomatische Schüler*innen und Mitarbeiter*innen werden an den Hausarzt verwiesen (Testung und Krankschreibung)!“, so heißt es. Und: „Ausbruchsgeschehen in einer Klasse führen zu keiner veränderten Handlungsweise.“
An der Verfahrensweise für die Schulleitungen, wenn beim Testen in der Schule ein Ergebnis positiv ausfällt, habe sich nichts geändert. „Wird ein Schüler/eine Schülerin oder ein Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin in der Schule im Schnelltest positiv getestet, sind Sie weiterhin aufgefordert, diesen ‚Verdachtsfall‘ an eine zertifizierte Teststelle (bevorzugt Zitadelle Spandau) zu verweisen und den Verdacht durch einen PCR-Test bestätigen zu lassen.“
Fröhlich endet das Schreiben: „Trotz dessen, dass keine Kontaktpersonennachverfolgung mehr stattfindet, stehen Ihnen die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Spandau, Team Schule, für Fragen gerne zur Verfügung! Das Team Schule dankt Ihnen für die tolle Zusammenarbeit!“ Berlinweit sind (Stand: Freitag) fast 7000 Schülerinnen und Schüler nachweislich akut mit dem Coronavirus infiziert. Bereits 15 Schulen müssen angesichts eines überbordenden Infektionsgeschehens in den Wechselunterricht übergehen.
„Es ist nur dieses wirtschaftliche Interesse, dass die Eltern an den Arbeitsplätzen zur Verfügung stehen sollen“
Das Schreiben dürfte der Debatte um die Präsenzpflicht neue Nahrung geben. „Ich glaube schon, dass wir an dem Punkt angekommen sind, dass Eltern die Möglichkeit gegeben werden muss, diese Entscheidung für ihr Kind zu treffen“, befand der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise, erst in der vergangenen Woche. „Immer wieder darauf zu verweisen, dass die Schulen offen bleiben, ist keine Entscheidung zugunsten der Kinder.“ Aus Sicht der Eltern sei das falsch. „Es ist nur dieses wirtschaftliche Interesse, dass die Eltern an den Arbeitsplätzen zur Verfügung stehen sollen“, sagte Heise. Der Landeselternausschuss hatte schon vor Weihnachten ein Ende der Präsenzpflicht für den Fall gefordert, dass sich die Pandemielage zuspitzen sollte. Ein Sprecher der Bildungsverwaltung verlautete lapidar: „Wir halten an der Präsenzpflicht fest.“ News4teachers / mit Material der dpa
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