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Wissenschaft selbstgemacht – Bildungsbehörde bestätigt Bildungssenator mit eigener Studie: Schulen sind sicher!

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HAMBURG. Was tun, wenn die Wissenschaft partout nicht zu Ergebnissen kommen will, die die Politik gerne hätte? Dann macht die Politik ihre Wissenschaft eben selbst: Die Hamburger Bildungsbehörde hat eine „Studie“ veröffentlicht, die den Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (immerhin der Sprecher der SPD-geführten Kultusministerien in Deutschland) bestätigt. „Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Infektionen im Schulkontext vermutlich in geringerem Umfang vorkommen als außerhalb des Schulsettings – also für SuS (Schülerinnen und Schüler, d. Red.) in Schulen eine geringere Ansteckungsgefahr als in anderen Kontexten besteht“, heißt es in dem Papier, das pünktlich zum heutigen Bund-Länder-Gipfel erscheint. Die Datengrundlage ist windig.

Angeblich kaum Infektionen in Schulen: Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, Sprecher der SPD-geführten Kultusministerien in Deutschland. Foto: Michael Zapf / BSB

„Das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) ist ein Dienstleistungszentrum der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) in Hamburg“, so heißt es auf der Seite der Hansestadt. „Die Tätigkeit des IfBQ umfasst folgende Schwerpunkte: Durchführung der Schulinspektionen einschließlich einer schulbezogenen und schulübergreifenden Berichterstattung, Koordination und ggf. Durchführung der Evaluation besonderer bildungspolitischer Maßnahmen, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Schulleistungstests und Befragungen, Regelmäßige Erstellung eines Bildungsberichts für Hamburg…“

Mit Virologie hat das Institut erkennbar wenig zu tun. Bis jetzt jedenfalls nicht. Denn das IfBQ hat eine Corona-Studie herausgegeben, die – Überraschung! – Bildungssenator Ties Rabe (SPD) und seine Behauptung, Infektionen von Schülerinnen und Schülern fänden zumeist nicht in Schulen statt, bestätigt.

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“85 bis 90 Prozent der Infektionen von Schülerinnen und Schüler erfolgen zu Hause oder in der Freizeit”

Am 19. November 2020 – sechs Tage vor einem Bund-Länder-Gipfel, bei dem es um mögliche Schulschließungen gehen sollte – hatte Rabe eine Pressekonferenz veranstaltet, auf der er behauptete, Daten seiner Bildungsbehörde belegten, dass sich Schüler nur äußerst selten in der Schule anstecken würden. Recherchen der Gesundheitsämter, der Schulleitungen und der Schulbehörde hätten ergeben, so Rabe, „dass 85 bis 90 Prozent der Infektionen von Schülerinnen und Schüler zu Hause oder in der Freizeit erfolgten – und eben nicht in der Schule. Das Risiko, sich außerhalb der Schule zu infizieren, ist rund acht Mal höher als eine Infektion in der Schule.“ Forderungen, die Schulen zu schließen, „sind angesichts dieser Zahlen nicht nur pädagogisch, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen kontraproduktiv und nicht nachzuvollziehen“.

Die Pressekonferenz erregte bundesweit Aufmerksamkeit. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zum Beispiel titelte ohne Fragezeichen oder Anführungsstriche: „Die meisten Schüler stecken sich nicht im Klassenzimmer an“. Der „Tagesspiegel“ schrieb im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des angeblichen Befunds von „Hamburger Zahlenspielen, um die Schulen offen zu halten“. News4teachers war ebenfalls skeptisch – und hakte nach: Wie konnten die Infektionsketten zu den Schülern denn so präzise nachvollzogen werden? Eine konkrete Auskunft von der Pressestelle gab es dazu nicht (zum damaligen Bericht geht es hier).

Die Ministerpräsidenten entschieden dann tatsächlich, sich dem Wunsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu widersetzen (die entsprechend der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts auf Wechselunterricht gedrungen hatte) und die Schulen unbeschränkt offenzulassen. Ein dramatischer Fehler, wie sich dann spätestens im Januar zeigte, als die Schulen dann doch geschlossen werden mussten – monatelang.

Rabe hatte auf seiner Pressekonferenz angekündigt, die gesammelten Daten der Kultusministerkonferenz „für weiterführende wissenschaftliche Studien“ zur Verfügung zu stellen. Das ist offenbar nicht passiert. Die Hamburger Bildungsbehörde hat sich wohl dann doch entschieden, eine „wissenschaftliche Studie“ selbst zu erstellen. Heute kommt sie damit heraus. Ergebnis: „Nur ein Drittel der infizierten Schüler steckte sich in Schule an“, so betitelt die Deutsche Presseagentur eine aktuelle Meldung dazu – ungeachtet der unsicheren Datenlage, auf der die Studie fußt.

“Größere schulische Ausbruchsgeschehen wurden nur selten beobachtet” – von der Hamburger Bildungsbehörde jedenfalls nicht

Wörtlich heißt es in der Nachricht: „Nur rund ein Drittel der in Hamburg mit Corona infizierten Schülerinnen und Schüler hat sich einer Studie zufolge auch in der Schule angesteckt. Das hat eine Auswertung von 7165 zwischen August 2020 und Oktober 2021 von den Schulen an die Schulbehörde gemeldeten Infektionsfälle durch das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung ergeben, wie das Robert Koch-Institut in seinem am Donnerstag veröffentlichen Epidemiologischen Bulletin berichtete. «Größere schulische Ausbruchsgeschehen wurden nur selten beobachtet. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Infektionen im Schulkontext vermutlich in geringerem Umfang vorkommen als außerhalb des Schulsettings.»

Zwar zeigten die Ergebnisse, dass im Beobachtungszeitraum Übertragungen in Schulen stattfanden, diese in der Regel jedoch keine Ausgangspunkte für umfangreiche schulische Ausbrüche gewesen seien. Schülerinnen und Schüler in höheren Jahrgangsstufen seien häufiger von einer Infektion betroffen gewesen als in niedrigeren Jahrgangsstufen. Insgesamt wurden im Beobachtungszeitraum 656 Ausbrüche an 276 Schulen beobachtet. Bei der überwiegenden Zahl der Ausbrüche seien neben dem ersten Infizierten, dem sogenannten Indexfall, lediglich ein oder zwei weitere Infektionen von der Schule an die Schulbehörde gemeldet worden.“ Ende der dpa-Meldung.

Nicht nur, dass die Nachricht verschweigt, dass die Studie von der Hamburger Bildungsbehörde praktisch selbst geschrieben wurde. Als Autor der Untersuchung firmiert ein promovierter Erziehungswissenschaftler und Soziologe. Auch die – im Papier durchaus benannten – Schwächen bei der Datengrundlage werden in der dpa-Meldung nicht erwähnt. Nämlich: „Bei der vorgestellten Erhebung soll darauf hingewiesen werden, dass es sich um Daten handelt, die von den Schulen an die Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg gemeldet wurden. Diese weichen von den entsprechenden Daten des RKI hinsichtlich der Quantität von Infektionsfällen und möglicherweise ebenso hinsichtlich der zeitlichen Parameter ab.“

Nochmal deutlich: Grundlage der „Studie“ sind Daten, die die Schulen (Schulleitungen?) größtenteils in einem Zeitraum erfasst haben sollen, in dem Schülerinnen und Schüler nicht regelmäßig getestet wurden und in dem die Gesundheitsämter zumeist überfordert waren, die Infektionswege nachzuvollziehen.

„Nicht ausgeschlossen werden kann, dass es neben den gemeldeten Infektionen noch weitere an den Schulen gab”

So heißt es denn auch in dem Papier: „Nicht ausgeschlossen werden kann, dass es neben den gemeldeten SARS-CoV-2-Infektionen noch weitere Infektionen an den Schulen gab,
weil diese entweder nicht von den Schulen angezeigt wurden, keine weiteren anlassbezogenen Tests stattfanden oder asymptomatische Infektionen nicht identifiziert wurden.“ Anders ausgedrückt: Es könnte auch alles ganz anders sein. Ist es wohl auch, wie aktuelle Daten des Robert-Koch-Instituts nahelegen. Das registrierte im Herbst 2021 bundesweit so viele Schulausbrüche wie nie.

Rabe geriet nach seiner Pressekonferenz massiv unter politischen Druck. Kurz darauf wurde nämlich bekannt, dass er eine unabhängige Studie, die einen großen Ausbruch an einer Hamburger Schulen nachvollzog, monatelang in seiner Schublade verschwinden ließ, wie News4teachers ausführlich berichtete. News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich die “Studie” des IfBQ herunterladen (S. 48ff).

Hat die KMK dem Bundestag Erkenntnisse über Schulschließungen verschwiegen, damit der ein Verbot beschließt?

 

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