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Bildungssenator behauptet: Neun von zehn infizierten Schülern und Lehrern haben sich außerhalb der Schule angesteckt

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HAMBURG. Einer Auswertung der Schulbehörde von Corona-Infektionszahlen in Hamburger Schulen zufolge soll die Ansteckungsgefahr in den Bildungseinrichtungen viel geringer als außerhalb sein. So hätten sich die Allermeisten der mit Corona infizierten Kinder und Jugendlichen mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht in der Schule, sondern außerhalb infiziert, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD). Das hätten „Recherchen“ ergeben. Was das für „Recherchen“ gewesen sein sollen, die zu offensichtlich anderen Ergebnissen kamen als die des Robert-Koch-Instituts, wollte News4teachers wissen – die Antwort der Bildungsbehörde lässt Fragen offen.

Ist sich sicher: Hamburger Bildungssenator Ties Rabe. Foto: Senatskanzlei Hamburg / Michael Zapf

Die Daten waren den Angaben zufolge in den acht Wochen zwischen den Sommer- und Herbstferien erhoben worden. In der Zeit seien Infektionen von 372 Mädchen und Jungen bekannt geworden. „Von ihnen haben 292 sich vermutlich gar nicht in der Schule infiziert“, sagte Rabe dazu. Das habe die genaue Prüfung eines jeden Falles ergeben.

„Sehr sehr häufig haben wir einzelne Infektionen vorgefunden in Schulen, in denen es gar keine weitere Infektion gab. Dann muss man ganz nüchtern sagen: Dann kann man sich eigentlich in der Schule gar nicht infiziert haben. Dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen Einzelfall.“ Auffällig war Rabe zufolge bei der Auswertung der Daten auch, dass sich jüngere Schüler unter zwölf Jahren nur halb so häufig infiziert hätten wie ältere. Deren Infektionsgeschehen sei dagegen mit dem von Erwachsenen zu vergleichen.

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Rabe schreibt an alle Schulleitungen: “Die Infektionsgefahr in Schulen ist erheblich geringer als in der Freizeit”

Bereits in einem Schreiben an alle Schulleitungen in Hamburg vom 30. Oktober, das News4teachers vorliegt, hatte Rabe behauptet: „Die Infektionsgefahr ist in den Schulen erheblich geringer als in der Freizeit. Nicht nur aus diesen Gründen ist es richtig, die Schulen weiter zu öffnen. Richtig ist es auch, weil Wissenschaft und Politik erkannt haben, dass Schulen sichere Orte sind, in denen sich die Schülerinnen, Schüler und Schulbeschäftigte deutlich seltener infizieren als in anderen Lebensbereichen. Die Hamburger Zahlen bestätigen diesen Befund.“

Weiter schreibt er: „In der Zeit zwischen den Sommer- und Herbstferien infizierten sich die meisten Schülerinnen, Schüler und Schulbeschäftigte vorwiegend außerhalb von Schule gleichwohl mit dem Corona-Virus. Glücklicherweise verliefen bisher alle Infektionen komplikationsfrei, viele Schülerinnen und Schüler zeigten sogar gar keine Symptome.“ Zudem hätten die Recherchen der Gesundheitsämter, der Schulleitungen und der Schulbehörde ergeben, „dass 85 bis 90 Prozent dieser Infektionen zu Hause oder in der Freizeit erfolgten – und eben nicht in der Schule. Das Risiko, sich außerhalb der Schule zu infizieren, ist rund acht Mal höher als eine Infektion in der Schule. Forderungen, die Ferien zu verlängern oder die Schulen zu schließen, sind angesichts dieser Zahlen nicht nur pädagogisch, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen kontraproduktiv und nicht nachzuvollziehen.“

“Schule und Unterricht sind wesentlich sicherer als die Freizeit und das Zuhause – das gilt auch für Lehrer”

Rabe meint: „Die klaren Zahlen überraschen auf den ersten Blick. Denn in den Schulen lernen und arbeiten Kinder und Jugendliche mit Abständen von unter 1,5 Metern. Auch Lehrkräfte und Schulbeschäftigte können den Mindestabstand zu ihren Schülerinnen und Schülern nicht in allen Situationen wahren. Und dennoch sind die Infektionszahlen in den Schulen um ein Vielfaches geringer als außerhalb der Schulen.“

Über die Ursachen könne nur spekuliert werden. Das macht Rabe dann auch: „Möglicherweise liegt es daran, dass sich alle Beteiligten innerhalb der Schulen letztlich doch wesentlich disziplinierter und bewusster verhalten als außerhalb. Das Regelwerk der Schulen, die pädagogischen und sozialen Anleitungen und Kontrollen, die Umsicht der Schulbeschäftigten und auch die im Vergleich zur Freizeit disziplinierteren Verhaltensweisen aller Beteiligten tragen vermutlich erheblich dazu bei. Doch auch wenn die Ursachen noch nicht vollständig ermittelt sind, wird die gute Nachricht nicht zu einer schlechten Nachricht: Schule und Unterricht sind wesentlich sicherer als die Freizeit und das Zuhause – das gilt für Schülerinnen und Schüler genauso wie für die Schulbeschäftigten.“

So sei auch das Risiko für Lehrkräfte, sich in der Schule zu infizieren, mit einer Quote von 9:1 gering. «Das heißt, von 10 infizierten Lehrkräften hat nur eine sich in der Schule angesteckt, fast alle dagegen zu Hause» so behauptete er in einem Radio-Interview am 3. November. Auch die Zahl der zur Risikogruppe zählenden Lehrerinnen und Lehrer sei in Hamburg vergleichsweise gering. „Das alles sind zusammen vielleicht zwei Prozent, drei Prozent aller Lehrkräfte“, sagte Rabe.

Hamburger Bildungsbehörde will die Daten für wissenschaftliche Studien zur Verfügung stellen

Die gesammelten Daten will Hamburg nun der Kultusministerkonferenz für weiterführende wissenschaftliche Studien zur Verfügung stellen. Das scheint nötig zu sein: Das Robert-Koch-Institut hat offenbar andere Erkenntnisse: Am vergangenen Donnerstag erst hatte Prof. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, erklärt: „Wir sehen immer mehr Ausbrüche in Schulen.“ Das Infektionsgeschehen werde in die Schulen und auch aus ihnen heraus getragen. Wieler: „Wir wissen ja schon seit langer Zeit, dass natürlich auch Kinder infiziert werden können.“

Auf der Pressekonferenz von Bundeskanzlerin zum „Lockdown light“ am 28. Oktober wurde bereits erklärt, dass 75 Prozent der Infektionen von den Gesundheitsämtern nicht nachvollzogen werden können – in Hamburg scheint das offenbar besser zu gelingen. News4teachers wollte wissen: Wie kommen die Hamburger Daten zustande? Was bedeutet „Recherchen“ in diesem Zusammenhang – vor allem „Recherchen der Schulleitungen und der Schulbehörde“? Sind in Hamburg Schulleitungen und die Schulbehörde bei der Nachverfolgung von Infektionsketten im Einsatz?

„Die Schulbehörde hat gleich zu Beginn der Corona-Krise eine eigene zentrale Meldestelle eingerichtet, in der alle Meldungen der 472 Hamburger Schulen zusammenlaufen, qualitätsgesichert, mit den regionalen Gesundheitsämtern geprüft und analysiert werden“, so erklärte die Pressestelle. „Außerdem befindet sich der Corona-Krisenstab der Schulbehörde im fortlaufenden Austausch mit den Gesundheitsämtern und der hiesigen Gesundheitsbehörde über aktuelle Erkenntnisse im Hinblick auf das Infektionsgeschehen der an Schule beteiligten Menschen. In Hamburg kooperieren die Schulleitungen sehr eng mit den regionalen Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung. Insofern verfügen wir, im Rahmen dessen was aktuell überhaupt möglich ist, über eine sehr gute Datenbasis zum Infektionsgeschehen an Schulen.“

Nachfragen der Redaktion blieben von der Pressestelle der Bildungsbehörde unbeantwortet

Nachfrage der Redaktion: Werden denn bei einem Infektionsgeschehen in einer Schule alle Schüler und Lehrer der Schule getestet, sodass Sie zumindest bei Einzelinfektionen ausschließen können, dass die Infektion in der Schule oder auf der Fahrt dahin stattfand? Und wie erklären Sie sich die Ausbrüche an Hamburger Schulen? Immerhin fand der größte bislang bekannt gewordene Ausbruch an einer Schule in Deutschland mit offiziell 55 infizierten Schülern und Lehrern an der Hamburger Ida Ehre Schule statt.

Diese Nachfragen blieben unbeantwortet. News4teachers

Wie valide ist der Befund?

Der “Tagesspiegel” schreibt im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des angeblichen Befunds von “Hamburger Zahlenspielen, um die Schulen offen zu halten”. Die Behauptung von Bildungssenator Ties Rabe (SPD), “dass 85 bis 90 Prozent dieser Infektionen zu Hause oder in der Freizeit erfolgten – und eben nicht in der Schule” hielt offenbar nicht mal den Nachfragen von Journalisten auf einer Pressekonferenz stand.

Wie kommt Rabe auf diese Quote? Lediglich in 116 Fällen der 372 dokumentierten Ansteckungen von Schülern habe es „Partnerfälle“ an Schulen gegeben. Und, so Rabe, bei 36 dieser Fälle könne man “aufgrund von intensiven Gesprächen mit Lehrkräften, Eltern und Gesundheitsämtern aber sicher sagen, dass sich diese ebenfalls nicht in der Schule ansteckten”.  Es bleiben also 80 Fälle, wo der Infektionsort „vielleicht“ doch die Schule war. Das räumte Rabe ein.

Alle anderen Fälle seien jedoch Einzelfälle gewesen, ohne dass es an der Schule andere Coronainfektionen gab, behauptete Rabe. „Die können sich also gar nicht an der Schule infiziert haben“, schlussfolgerte er laut “Tagesspiegel” – um später zugeben zu müssen, dass mögliche weitere asymptomatische Fälle an den Schulen nicht berücksichtigt wurden. Im Klartext: Es wurden also gar nicht alle Schüler getestet.

Hier geht es zu dem Bericht im “Tagesspiegel”.

Wieler drängt Ministerpräsidenten, RKI-Empfehlungen für Schulen zu beachten – sonst…

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