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Hat die KMK dem Bundestag Erkenntnisse über Schulschließungen verschwiegen, damit der ein Verbot beschließt?

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BERLIN. Hat die KMK eine von ihr selbst in Auftrag gegebene Studie zu Schulen in der Pandemie (mit nicht genehmen Ergebnissen) im Giftschrank verschwinden lassen, bis der Bundestag – wie von den Kultusministern gewünscht – ein Verbot von generellen Schulschließungen erlässt? Der Verdacht drängt sich auf.

Das Infektionsschutzgesetz – samt Verbot von Schulschließungen – wurde am 18. November verabschiedet. Da lag die Studie im Auftrag der KMK bereits vor. Foto: Shutterstock

Die Veröffentlichung ihrer eigenen Studie erfolgte kommentarlos. Lediglich ein Satz ist auf der Homepage der KMK dazu zu finden: „Die Kultusministerkonferenz hat im November 2020 Studien zum Thema ‚Handlungsfähigkeit während der COVID-19 Pandemie im Schulbereich erhalten – Schaffung einer Entscheidungsgrundlage durch Evidenzsynthese, Beobachtungs- und Interventionsstudien‘ in Auftrag gegeben. Der Abschlussbericht liegt jetzt vor.“

Bevor die KMK das wissenschaftliche Papier veröffentlichte, muss es allerdings schon an die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gegeben worden sein – offensichtlich gleich mit einer den Kultusministern genehmen Interpretation dazu. Denn ein Artikel mit dem Titel „Studie nimmt Bedenken – Schulen sind keine Treiber der Pandemie“ erschien online bereits am 15. Dezember, also am selben Tag, an dem das Werk auf die KMK-Homepage gesetzt wurde. 236 wissenschaftliche Seiten durcharbeiten, seriös analysieren und dann darüber schreiben – das gelingt selbst der FAZ nicht innerhalb von wenigen Stunden.

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Mit Vorlauf offensichtlich auch nicht: Die vertretene These ist ein reines Fantasieprodukt. Mit keiner Zeile “nehmen” die (unbenannten) Autoren der Universität Köln und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung „Bedenken“ oder behaupten gar, dass Schulen keine Treiber der Pandemie seien. Der Begriff taucht in der gesamten Arbeit gar nicht auf.

„Schulen sind keine Treiber der Pandemie“ – was, bitteschön, sollen denn „Treiber der Pandemie“ sein?

Dafür entspricht der von der FAZ getitelte Slogan dem Narrativ der Kultusminister – zumindest dem bis Mitte des Jahres vertretenen. Seit dem Sommer, genauer: seit systematisch in Schulen getestet wird, ist die zuvor regelmäßig wiederholte Behauptung „Schulen sind keine Treiber der Pandemie“ von ihnen nicht mehr zu hören. Kein Wunder: Das Robert-Koch-Institut berichtet im Wochentakt von immer neuen Rekordzahlen bei  Ausbrüchen in Schulen.

Statt dem – im Übrigen ohne Definition völlig unwissenschaftlichen – Begriff „Treiber der Pandemie“ (was soll das denn sein?) sind in der Studie Passagen zu finden, die den Kultusministern, die bereits vor anderthalb Jahren einen weit offenen Schulbetrieb zum Dogma erklärt haben, in die Parade fahren.

Etwa diese: „Der Beitrag, den Kontakte mit in der Schule infizierten Menschen am Gesamtgeschehen in der allgemeinen Bevölkerung haben, hat sich über die Zeit verändert. Dies galt auch innerhalb der 3. Welle, in der wir den Beitrag in Infektionsmodellierungen zwischen 5 und 12% schätzen. Dieser Beitrag steigt seit KW 33 deutlich an und wird in den nächsten Wochen vermutlich über das Maximum der 3. Welle steigen.“

Dabei ist festzuhalten, dass mit „Gesamtgeschehen“ lediglich die offiziell erfassten Infektionen gemeint sind – bevor in Schulen getestet wurde, waren Kinder (weil Ansteckungen mit dem Coronavirus bei ihnen meist symptomlos bleiben) statistisch unterrepräsentiert. Das hat sich mit den Tests von Schülerinnen und Schülern geändert. Und siehe da: Die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen übersteigen die der übrigen Altersgruppen um das Dreifache. Fazit: Die Schulen sind sehr wohl nennenswert am Infektionsgeschehen in Deutschland beteiligt.

Deshalb heißt es auch in der Studie: „Insgesamt zeigt sich in den Übersichtsarbeiten, dass Schulschließungen effektive Instrumente zur Eindämmung der Epidemie sind.“ Weiter heißt es: „Die Auswirkung der Schließung oder teilweisen Schließung von Schulen auf die SARS-CoV-2-Gemeinschaftsübertragung lässt sich nicht direkt aus den Infektionen ableiten, die dem schulischen Umfeld zugeschrieben werden, da Schulschließungen weitere indirekte Effekte haben. Dazu gehört eine Verringerung der Infektionen bei Kindern oder Schulpersonal durch seltenere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und weniger Freizeitkontakte sowie weniger Infektionen im Allgemeinen, da die Eltern zu Hause bleiben.“ News4teachers berichtet ausführlich über die Studie, und zwar hier.

Das Deckblatt der Studie mit dem Erscheinungsdatum “Oktober 2021”. Screenshot

Diese wichtige Erkenntnis lag allerdings den Abgeordneten des Bundestages offenbar nicht vor, als die am 18. November über ein neues Infektionsschutzgesetz abstimmten – das ein ausdrückliches Verbot von generellen Schulschließungen enthält, das seitdem in Deutschland gilt. Jedenfalls war die Studie zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht worden. Warum eigentlich nicht? Der KMK-Forschungsbericht datiert laut Deckblatt vom „Oktober 2021“ (ein genaueres Datum fehlt). Veröffentlicht wurde er also mit mindestens sechs Wochen Verzug. Wurde die Studie bewusst in den „Giftschrank“ der KMK gelegt, bis die Abstimmung gelaufen und etwas Gras über die Sache gewachsen ist, damit der Zusammenhang nicht auffällt?

“Die Kultusmininster waren über die Studienlage informiert, dass Schulschließungen zu den wirksamsten Maßnahmen gehören“

Abwegig ist der Verdacht keineswegs. Bereits im Januar nämlich lagen der KMK erste Zwischenergebnisse zu der Studie vor, die bereits erkennen ließen, dass Schulschließungen von den Wissenschaftlern als wirkungsvoll beschrieben werden. Dieses Papier verschwand allerdings monatelang in einer Schublade. Erst als im August Journalisten, die gerüchteweise von der Existenz einer KMK-Studie gehört hatten, sich auf die Spur der Ergebnisse begaben, wurde der Zwischenbericht veröffentlicht – kommentarlos, wie jetzt wieder. News4teachers berichtete damals über den Skandal.

Die Initiative Zero Covid kommentierte: „Die Kultusministerkonferenz war sich spätestens seit Januar der besonderen Verantwortung ihres Zuständigkeitsbereichs für die Pandemiebekämpfung bewusst: Sie waren über die Studienlage informiert, dass Schulschließungen zu den wirksamsten Maßnahmen gehören, um Infektionen zu stoppen.“ Die Kultusministerinnen und -minister hätten jedoch weiterhin die Gefahr für Deutschland durch den Schulbetrieb verharmlost. Das habe in der Pandemie womöglich etliche Tausend Menschenleben gefordert.

Tatsächlich lassen sich mühelos Statements aus dem Frühjahr und Sommer 2021 finden, die keinerlei Problembewusstsein erkennen lassen:

Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen.

Die Kultusminister schaffen es immer wieder, noch einen draufzusetzen: Jetzt erklären sie Corona in Schulen für beendet!

 

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