BERLIN. Zwar müssen Kinder vergleichsweise selten aufgrund einer Corona-Infektion ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation. Richtig ist aber ebenfalls, wie der Expertenrat der Bundesregierung in seiner aktuellen Stellungnahme betont: „Auch Kinder und Jugendliche, insbesondere mit Vorerkrankungen und Risikofaktoren, können schwer erkranken.“ Die Wissenschaftler und Mediziner zeigen sich insbesondere wegen des PIM-Syndroms besorgt, „einer schweren hochfieberhaften Allgemeinerkrankung mit überschießender Entzündungsreaktion“, die im Anschluss an Covid-19 auftreten kann, wie es in dem Papier heißt. Rund 700 Fälle – plus Dunkelziffer – werden in Deutschland gezählt. Wir haben mit einer Familie gesprochen, deren nicht vorerkrankte Tochter plötzlich lebensgefährlich an PIMS erkrankte.
Es stimmt, sie sind selten, aber es gibt sie: Kinder, die schwer an Corona, Long Covid oder PIMS erkranken. Hanna Schmitz (Name von der Redaktion geändert) ist eins davon. Im Sommer 2020 erkrankt die damals Sechsjährige an PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome), eine zeitverzögerte Entzündungsreaktion auf eine Covid-Infektion. Hannas Leben stand auf der Kippe. Seitdem hat ihre Familie sich abgeschottet, trifft kaum noch Freunde oder Verwandte und auch zur Schule geht Hanna nicht mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass die inzwischen Achtjährige sich dort erneut infiziert, ist den Eltern viel zu groß. Und das Risiko, noch einmal zu den seltenen Fällen zu gehören, wollen sie nicht noch nochmal eingehen. Zu eindrücklich ist das Erlebte.
„Dort hat man festgestellt, dass die Entzündungswerte stark erhöht sind, ohne aber die Ursache zu finden“
Alles beginnt damit, dass Hanna im Juni 2020 hohes Fieber bekommt, das trotz Medikament nicht sinkt. Stattdessen kommen Übelkeit und Durchfall und nach zwei Tagen auch der für PIMS übliche Hautausschlag hinzu. Nur kennt zu diesem Zeitpunkt noch niemand PIMS – auch nicht die behandelnde Kinderärztin. Zudem weiß noch keiner, dass Hanna sich etwa sechs Wochen zuvor mit Corona infiziert hat. Das stellt sich erst bei einer späteren Blutuntersuchung heraus. Dementsprechend schlägt die Behandlung gegen das Fieber und den Durchfall nicht an, Hanna geht es zunehmend schlechter. Etwa fünf Tage nach den ersten Symptomen, bringen ihre Eltern sie in die Notaufnahme. „Dort hat man festgestellt, dass die Entzündungswerte stark erhöht sind, ohne aber die Ursache zu finden“, erinnert sich Vater Markus Schmitz.
Hannas Lymphknoten verdicken sich, sie hat starke Schmerzen. Die Ärzte diagnostizieren das Kawasaki-Syndrom, das PIMS sehr ähnlich ist, und behandeln sie entsprechend. Doch die Therapie schlägt nicht an. Schlimmer noch: Die Entzündung geht auf Hannas Herzmuskel über. Sie kommt auf die Intensivstation. Abends gilt ihr Zustand als „sehr kritisch“. „Freitagmorgens haben sie Hanna dann wieder untersucht und wir konnten sehen, wie die Ärzte die Panik in ihren Augen stehen hatten“, berichtet der Vater. Die Ärzte erklären ihm und seiner Frau, dass sie nichts mehr für Hanna tun können, außer zu versuchen, einen Platz bei einer Spezialklinik zu bekommen. „Die haben uns einfach weggeschickt“, sagt Schmitz.
Hanna hat Glück im Unglück: Im Herzzentrum in Duisburg ist auf der Intensivstation für Kinder ein Bett frei. Mit Blaulicht geht es dorthin. Nach der Aufnahme erklärt der Chefarzt den Eltern, dass man nun eine andere Therapie beginnen werden, wenn sie anschlage und Hanna die Nach überlebe, habe sie es geschafft. Es folgen lange und bange Stunden. Aber am nächsten Morgen wissen sie: „Hanna wird überleben.“
Dieses Ohnmachtsgefühl kann er nicht vergessen, und schon gar nicht die Angst, dass das eigene Kind stirbt
Eine Woche bleibt die Sechsjährige auf der Intensivstation, weitere knapp drei Wochen im Krankenhaus, dann kommt sie nach Hause. Die Entzündungen sind alle zurück gegangen und nach aktuellem Stand hat sie keine Folgeschäden davongetragen, auch psychisch nicht. Den Eltern dagegen fällt es schwer, das Erlebte zu verarbeiten. Zu sehen, wie es dem Kind immer schlechter geht. Wie es vor lauter Schmerzen schreit, weint und bettelt, dass die Ärzte sie nicht mehr anfassen sollen, und ihr nicht helfen zu können, all das hat tiefe Spuren hinterlassen. Zudem durfte Markus, nachdem die kritische Nacht in der Duisburger Klinik überstanden war, wegen der dortigen Corona-Regeln nicht mehr zu seiner Tochter ins Krankenhaus. „Es durfte nur einer bleiben“, erzählt er. Das habe seine Frau übernommen, die damit aber auch alles vor Ort allein regeln musste. „Ich konnte weder sie unterstützen noch bei meinem Kind sein“, so der Vater. Auch dieses Ohnmachtsgefühl kann er nicht vergessen, und schon gar nicht die Angst, dass das eigene Kind stirbt.
Die Konsequenz für ihn und seine Familie lautet: Wir schotten uns ab. Persönliche Treffen mit Freunden und Verwandten gibt es kaum noch – wenn nur draußen und mit Maske. Sobald es möglich war, haben er und seine Frau sich impfen lassen. Hanna dagegen ist noch ungeimpft. „Es gibt seltene Fälle, in denen Kinder nach der Impfung an PIMS erkrankt sind“, erklärt Markus Schmitz. Und selten – das kennen sie schon.
Ohne Impfung wollen sie Hanna aber auch nicht zur Schule schicken. Distanzunterricht wäre für sie eine Option. „Während des zweiten Lockdowns, hat Hanna daran wie alle anderen auch teilgenommen“, erzählt der Vater. Seit jedoch wieder alles in Präsenz stattfindet, unterrichten er und seine Frau ihre Tochter. Die Schulbücher sind alle zu Hause, Arbeitsblätter erhält sie von ihren Lehrern. „Inzwischen muss sie ja auch Arbeiten schreiben. Dazu geht Hanna nachmittags in die Schule, wenn alle anderen Kinder zu Hause sind, und sitzt dann allein mit der Lehrerin im Klassenraum“, schildert Schmitz.
Die Lernstandserhebungen zeigten, dass Hanna auf dem gleichen Leistungsstand sei, wie ihre Mitschüler, wertet Schmitz. Trotzdem möchte die Schule den Sonderweg für Hanna, den sie bisher mitgetragen hat, nun beenden. Für Familie Schmitz kommt das zum völlig falschen Zeitpunkt. „Gerade jetzt, wo es unter den Schülern so viele Infektionen gibt wie noch nie, geben wir unsere Tochter doch nicht in die Schule“, erklärt Schmitz. Eines der genannten Gegenargumente lautet: Aufgrund der hohen Infektionszahlen seien aktuell doch nur wenig Kinder in der Schule, da sei Hanna doch sicher. Familie Schmitz überzeugt es nicht. Und auch die Ankündigung der Schule, dass das Fernbleiben des nun wieder gesunden Kindes Konsequenzen nach sich ziehen werde, ändert die Meinung der Eltern nicht. „Wenn wieder etwas passiert, sind wir es, die damit klarkommen müssen. Wir stehen wieder im Krankenhaus, wir müssen unser Kind leiden sehen. Von denen, die uns jetzt Druck machen, ist dann niemand da und hilft uns oder unserem Kind. Und wir müssen dann zusätzlich mit dem Gedanken leben, dass wir es besser gewusst, aber unser Kind nicht geschützt haben“, erklärt er. Die angedrohten Konsequenzen sind für ihn daher nur „zusätzlichen Druck in einer ohnehin schwierigen Situation“.
Denn bei aller Angst wissen natürlich auch die Eltern, dass Hanna derzeit kein Leben führt, wie es eine Achtjährige führen sollte. Wie alle anderen vermissen auch sie ihr „altes Leben“, Reisen, Ausflüge, Sozialkontakte. Und sie wissen, ewig kann und soll es so nicht bleiben. Doch ihr Fahrplan ist langsamer getaktet. „Mitte März wollen wir Hanna impfen lassen“, erklärt er. Zumindest wenn dann die Omikron-Welle überstanden und die Kinderintensivstation im Herzzentrum nicht überfüllt ist. Und nach den Osterferien, wenn Hanna auch die zweite Impfung hoffentlich gut überstanden hat, und die Infektionszahlen weiter runter gehen, dann soll sie wieder am normalen Unterricht teilnehmen. Von ihrer vierjährigen Grundschulzeit hat sie dann zwei Jahre verpasst.
So etwas passiert selten – aber es gibt diese Fälle. Leider gibt es aber keine Regelungen, wie Schule damit im Interesse aller umgehen kann. Beate Berrischen, Agentur für Bildungsjournalismus
