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Debatte: Wer soll über die weiterführende Schule entscheiden – Eltern oder Lehrer?

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MÜNCHEN. Für die Viertklässler in Bayern ist der morgige Montag ein besonderer Tag: Sie bekommen ihre Übertrittszeugnisse. Für die meisten steht damit fest, in welcher Schulart es weitergeht. Das werde derart jungen Kindern aber nicht gerecht, bemängelt der größte Lehrerverband BLLV. Er will Eltern die Entscheidung über die weiterführende Schule überlassen. Der Realschullehrerverband VDR widerspricht. Eine Grundsatzdebatte, die über die Grenzen des Freistaats hinausreicht.

Das gegliederte Schulsystem in Deutschland erzwingt nach der Grundschule eine Entscheidung – wer trifft die? Das ist von Bundesland zu Bundesland anders geregelt. Illustration: Shutterstock

Die Viertklässler im Freistaat erhalten am Montag ihre Übertrittszeugnisse mit der verbindlichen Schullaufbahnempfehlung – und wie in jedem Jahr ist zuverlässig eine Debatte über die Sinnhaftigkeit dieser Vorgabe entbrannt. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) etwa, der vor allem Lehrkräfte der Grund- und Mittelschule vertritt, sieht die individuelle Förderung sowie die Chancen- und Bildungsgleichheit im aktuellen System nicht gegeben – unabhängig von den hinzugekommenen und sehr unterschiedlich ausfallenden Folgen der Corona-Pandemie.

In Bayern basiert die Übertrittsempfehlung für die Realschule oder das Gymnasium auf dem Durchschnitt der Noten in den drei Fächern Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachunterricht. «Die Stellen nach dem Komma entscheiden heute in Bayern erstmal über den weiteren schulischen Weg eines neun- oder zehnjährigen Kindes. Dieses Prinzip widerspricht einem modernen Menschenbild, der kindgerechten Ermöglichung von Bildungs- und Lebenschancen ebenso wie den Prinzipien einer individuellen Sicht auf die Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern», kritisiert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.

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“Die negativen Auswirkungen auf das Lernverhalten erleben die Lehrerinnen und Lehrer jeden Tag”

«So sorgt dieses System für eine weiter wachsende Ungerechtigkeit im bayerischen Bildungssystem», betont sie. «Die negativen Auswirkungen auf das Lernverhalten und die psychische Gesundheit bei vielen Kindern und deren Familien erleben die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen jeden Tag. Und Corona hat diese Effekte weiter verstärkt. Dass die Politik nicht einmal in dieser Ausnahmesituation in der Lage ist, die starren Muster zu verlassen und vom klassischen und eh schon nicht validen Übertrittszeugnis abzurücken, ist mir persönlich ein Rätsel und für alle Schülerinnen und Schüler an den Grundschulen hier in Bayern und ihre Familien ein schlechtes Zeichen für die Zukunft.»

Fleischmann plädiert deshalb dafür, den Eltern stärker die Entscheidung zu überlassen, schließlich bildeten drei Noten nicht das Können oder das Potenzial der Kinder als Ganzes mit all ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten ab. Sie fragt: «Für was macht dann die Note 2,33 oder die 2,66 Sinn? Für eben die Verteilung im System. Sie erhält das dreigliedrige – ja eigentlich viergliedrige – bayerische Schulsystem um jeden Preis. Das aber ist nicht Ziel von Schule – das aber kann doch nicht das Ziel der Grundschule sein – das kann und darf doch nicht der Sinn des Lernens und Leistens der Schülerinnen und Schüler sein – nicht in der 4. Klasse und eigentlich nie. ‚Learning for the test‘ – bis zum Tag der ‚Verkündung‘: das darf nicht sein!“ Viele Schülerinnen und Schüler sind mit dem Leistungsdruck, dem Lernpensum, der Art des Feedbacks – oftmals eben reduziert auf Noten – und dem Lernrhythmus überfordert. Gleichzeitig werden viele Kinder von ihrem familiären Umfeld bestärkt und gefördert, während anderen diese Unterstützung fehlt.»

“Die Schule darf kein Pseudo-Schonraum unter Laborbedingungen sein, in dem Leistung nur mit Druck und Stress gleichgesetzt wird”

Der Vorsitzende des Deutschen Realschullehrerverbands VDR hingegen, Jürgen Böhm, fordert: «Mit dieser ideologisch aufgeladenen Diskussion zur Sinnhaftigkeit des Übertritts an weiterführende Schulen muss endlich Schluss sein!» Die Kritik am bayerischen Übertrittsverfahren gehe völlig an der Realität vorbei. «Die Schule darf kein “Pseudo-Schonraum” unter Laborbedingungen sein, in dem Leistung und Notengebung immer nur mit Druck und Stress gleichgesetzt werden», argumentierte Böhm. Wichtig sei es, dass die Kinder nicht durch eine falsche Schulwahl überfordert, sondern entsprechend ihrer individuellen Begabungen gefördert würden.

Fleischmann wendet ein: «Nicht in einem unterversorgten System – nicht mit diesem eklatanten Lehrermangel, bei dem Förderlehrer die Klassenleiter ersetzen, Fachlehrer ganze Klassen oder am besten gleich zwei Klassen gleichzeitig unterrichten, Schulpsychologen Mangelware sind, erfahrene Kollegen und Kolleginnen alle Seiten- und Quereinsteiger und die Willkommenskräfte und Brückenbauer einarbeiten, Schulleiter zum Gesundheitsmanager, Integrationspolitiker zum Menschenfänger werden, um den Lehrermangel vor Ort aufzufangen.» News4teachers / mit Material der dpa

 

 

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