NETTETAL. Gibt es einen Nachholbedarf bei Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften in Sachen Klassenfahrten – nach zweieinhalb langen Corona-Jahren? „Ganz klar“, sagt Nico Berger. Er muss es wissen: Der Mitarbeiter der Jugendherberge im rheinischen Nettetal betreut dort das Projekt „Zirkusfreizeit“, bei dem Schülerinnen und Schüler – meist Viertklässlerinnen und Viertklässler – innerhalb von fünf Tagen alles lernen, was in einer Manege benötigt wird. „Ich bin der Zirkusdirektor im Haus“, so stellt er sich lächelnd vor.
Mit seinen leuchtenden blauen und gelben Streifen beherrscht das Zirkuszelt den Außenbereich der Jugendherberge Nettetal-Hinsbeck. Die morgendliche Ruhe täuscht – bald wird der Betrieb erwachen, Dutzende Artistinnen und Artisten ihre Kunststücke üben, Kostüme, Dekorationen und Einladungen gestalten. Schließlich gilt es, die große Gala vorzubereiten, zu der dann auch ein großes Publikum erwartet wird, genauer: die Eltern und Großeltern der Künstlerinnen und Künstler. Die sind nämlich Schülerinnen und Schüler – und ihr zirzensisches Engagement gehört zum Programm einer Klassenfahrt.
Die „Zirkusfreizeit“ zählt zu den Rennern im Angebot der Jugendherberge, die sich seit Monaten über mangelnde Nachfrage von Schulen nicht beklagen kann. „Es gibt einen Run auf unsere Klassenfahrten“, betont der Projektleiter. Die Vorausbuchungszahlen lassen erkennen: „Das setzt sich fort.“ Bereits im Mai vorigen Jahres habe die Jugendherberge ihren Betrieb wiederaufgenommen – erst gebremst, weil die Corona-Schutzmaßnahmen keine Vollbelegung zuließen. Im Herbst sei aber schon spürbar gewesen, dass das Interesse wieder zunehme. „Nach Karneval wurde es dann so richtig voll“, erinnert er sich.
Von Kennenlernfahrten für die 5. Klassen über spezielle Angebote für Naturwissenschaft und Technik, Medienkompetenztraining, Sport- und Naturerlebnisse, bis hin zu Fahrten zum Schulabschluss: Die 33 Jugendherbergen des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) Landesverband Rheinland haben für das Jahr 2023 wieder ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Auch neue Angebote sind dabei – pädagogisch durchdacht und für jedes Budget.
Die Kataloge FahrtFinder für die 1. bis 6. Klasse und KlasseAktiv für die 7. bis 13. Klasse des DJH Rheinland lassen sich hier als pdf-Dokument herunterladen.
Die Lehrkräfte seien dankbar, dass es wieder ein volles Angebot gebe – manche allerdings auch verunsichert, weil sie den Druck von Eltern spüren. Der gehe in unterschiedliche Richtungen: Die einen forderten umfassenden Schutz und würden ihre Kinder am liebsten gar nicht fahren lassen. Anderen sei jede Schutzmaßnahme zu viel. „Man hat das den Lehrerinnen und Lehrern schon angemerkt“, sagt Berger. Vor Ort allerdings habe sich schnell Entspannung eingestellt, wenn die Kinder das Miteinander neu entdeckt hätten und aufgeblüht seien („Ach, was ist das schön”). Mittlerweile sei in der Jugendherberge praktisch alles wieder erlaubt. Die erhöhten Hygienestandards würden trotzdem beibehalten.
Dabei geht es in Bergers Zirkusprojekt nicht (nur) um launige Gemeinsamkeit. „Akrobatik, Jonglage, Zauberei, Clownerie, Feuerspucken und vieles mehr bilden nicht nur ein intensives pädagogisches Übungsfeld, sondern lösen auch vielfältige Lernprozesse aus: Disziplin, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Zusammenhalt und Mut. Alles Gelernte mündet in einer zauberhaften Zirkus-Gala, die bei den Schülerinnen und Schülern nachhaltig bis in den schulischen Alltag wirken wird“, so heißt es in der Projektbeschreibung. Bedeutet konkret: Die Kinder führen am Schluss ihren Eltern und weiteren Familienangehörigen vor, was sie während der Klassenfahrt im Zirkuszelt gelernt haben.
„Die Kinder lernen, gegenseitig Rücksicht zu nehmen und auch sich selbst zurückzunehmen“
Der Weg bis dahin sei allerdings schwieriger geworden, so stellt Nico Berger fest. Bei der Disziplin hapere es schon mehr als früher, was sich allerdings im Lauf der Woche durch die gemeinsame Arbeit und das sanfte pädagogische Einwirken des „Zirkusdirektors“ regele. „Man merkt dann schon, es wird besser. Nach zwei, drei Tagen fügt sich jeder in seine Rolle ein“, berichtet er. „Die Kinder lernen, gegenseitig Rücksicht zu nehmen und auch sich selbst zurückzunehmen“ – unabdingbar für ein Gemeinschaftsprojekt wie eine Zirkusvorstellung.
Problematischer sind aus Bergers Sicht die Konzentrationsmängel, die auftreten. Etwa beim „Feuerspucken“. Das funktioniert ungefährlich mittels eines Röhrchens, in das eine Kugel eingelassen wird, auf die wiederum eine kleine Menge entzündliches Pulver gestreut wird. Das wird dann in eine Flamme geblasen. Einfach einzusehen, dass das Röhrchen nach dem Befüllen aufrecht gehalten werden muss, damit der Inhalt nicht herausfällt. Nur: Viele Kinder schaffen das – trotz deutlicher Ansage – nicht. Waren es früher Einzelfälle, betreffe das mittlerweile doch recht viele, in manchen Klassen zehn Schülerinnen und Schüler. Könne die fehlende Konzentration damit zusammenhängen, dass die Bildschirmzeiten in der Pandemie für viele Kinder länger geworden sind? „Ich habe durchaus den Verdacht“, antwortet Berger. Auch die Motorik könne durch fehlende Sportmöglichkeiten gelitten haben.
Was ihn antreibt: „die leuchtenden Kinderaugen“ – ob nach der Vorstellung, wenn der Applaus ertönt, oder einfach beim spontanen Fußballkick auf der Wiese vor dem Zelt. Berger hat dafür einen prägnanten Begriff: „Intensiverlebnis Gemeinschaft”. News4teachers
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