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Zentralrats-Präsident Schuster über Antisemitismus unter Schülern und Lehrkräften: „Das gesamte System Schule muss auf den Prüfstand“

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BERLIN. Der Schule kommt eine besondere Verantwortung bei der Prävention und der Bekämpfung von Antisemitismus zu – heißt es in einer Erklärung, den der Zentralrat der Juden in Deutschland und die KMK unlängst gemeinsam herausgegeben haben (News4teachers berichtete). Wir haben mit Zentralrats-Präsident Dr. Josef Schuster, über die Dimension der Herausforderung gesprochen – in einer Zeit, in der die Erinnerung an den Holocaust zu verblassen droht. Eine seiner Schlussfolgerungen: Gedenkstättenbesuche von Schülerinnen und Schülern sollten in ganz Deutschland verpflichtend sein.

“Unwissenheit im Umgang mit Antisemitismus ist leider sehr weit verbreitet”: Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Foto: Marco Limberg / Zentralrat der Juden in Deutschland

News4teachers: Im Juni haben Sie anlässlich einer Fachtagung der KMK zum Thema Antisemitismus erklärt: „Antisemitismus ist in den Schulen leider ein strukturelles Problem. Wir finden ihn in allen Fächern, in all seinen Erscheinungsformen, etwa auch mit Bezug auf Israel, und auch bei Lehrern selbst.“ Was meinen Sie mit strukturellem Problem – und inwieweit beobachten Sie Antisemitismus auch bei Lehrkräften?

Josef Schuster: Mit „strukturellem Problem“ meine ich, dass der Antisemitismus an Schulen nicht oder nicht nur an Schülerinnen und Schülern oder vereinzelten Lehrkräften liegt, sondern dass in den Strukturen angesetzt werden muss, um Antisemitismus zu bekämpfen – das bedeutet im Bildungssystem bzw. der Bildungsverwaltung. Konkret heißt das, dass bereits in der universitären Lehrkräftebildung angesetzt werden muss, dass Schulleitungen in den Blick genommen werden müssen, dass letztlich das gesamte System Schule auf den Prüfstand im Umgang mit Antisemitismus gestellt werden muss. Es reicht nicht, nur Lehrkräfte fortzubilden. Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft und so spiegeln auch Lehrkräfte bestimmte Auffassungen, die in der Gesellschaft vorkommen, wider. Das mag in vielen Fällen nicht bewusst sein. Aber das Erkennen von antisemitischen Ressentiments muss eben auch gelernt werden. Unwissenheit im Umgang mit Antisemitismus ist leider sehr weit verbreitet.

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„Beim Umgang mit Antisemitismus geht es viel um Haltung, und die gibt es nicht zu kaufen“

News4teachers: Die KMK hat mit dem Zentralrat eine „Gemeinsame Empfehlung zum Umgang mit Antisemitismus in der Schule“ verabschiedet, die aber nicht mit Ressourcen unterlegt ist – ist das nicht seitens der Politik eine zu billige Antwort angesichts der zahlreichen Herausforderungen, vor denen Schulen aktuell stehen? Was können Schulen leisten, um Antisemitismus entgegenzuwirken?

Demokratiekosmos Schule

Hier gibt es Materialien und Informationen zum Thema Antisemitismus: Das Projekt “Demokratiekosmos Schule” (DEKOS) soll Lehrkräfte im wirksamen Umgang mit antidemokratischen Situationen unterstützen – es zeigt dabei auch auf, wie dem Phänomen Antisemitimus in der pädagogischen Praxis begegnet werden kann.

Mit unterschiedlichen Formaten erhalten Lehrkräfte anwendungsorientiertes Know-how. DEKOS zeigt Wege auf, wie sie sich diesen Herausforderungen stellen und angemessen handeln können.

DEKOS, ein gemeinsames Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung mit der Bertelsmann Stiftung, wendet sich an Schulleitungen, Lehrer/innen und Schulsozialarbeiter/innen. Adressiert werden die siebte bis zur 13. Jahrgangsstufe. Da Diskriminierungen in allen Schulsituationen auftreten, betrifft das Thema alle Unterrichtsfächer. DEKOS ist auch geeignet, in Aus- und Fortbildungsbereichen eingesetzt zu werden.

Hier geht es zu den kostenlosen Materialien.

Schuster: Der Kampf gegen Antisemitismus hängt nicht nur an finanziellen Ressourcen. Beim Umgang mit Antisemitismus geht es viel um Haltung, und die gibt es nicht zu kaufen. Mir ist natürlich klar, dass Aus- und Weiterbildungen Geld kosten. Ein Zeichen könnte allein schon dadurch gesetzt werden, den Umgang mit Antisemitismus in der Lehrerbildung verpflichtend zu verankern. Damit einher ginge, dass dann auch die finanziellen Mittel dafür bereitgestellt werden müssten. Aber wenn die Curricula überarbeitet werden, findet das ohnehin statt, ohne dass zusätzliche Mittel fällig wären.

Schule selbst kann sehr viel im Kampf gegen Antisemitismus leisten. Es geht dabei nicht nur um Antisemitismus als Unterrichtsgegenstand, sondern letztlich auch um Schulkultur. Will ich eine Schule leiten oder mein Kind in eine Schule schicken, an der Kinder diskriminiert werden? Eine Schule, an der Kinder in Angst lernen müssen und an der kein respektvolles Miteinander stattfindet? Schule vermittelt auch Werte, zu denen der Kampf gegen Antisemitismus ebenfalls gehören sollte, z. B. durch Einübung von Zivilcourage.

News4teachers: Wie werden jüdische Schülerinnen und Schüler heute mit Antisemitismus in der Schule konfrontiert? Inwieweit spielt auch „importierter“ Antisemitismus eine Rolle?

Schuster: Schülerinnen und Schüler erleben Antisemitismus durch explizite Äußerungen, Beleidigungen, durch Stereotypisierungen, durch Ausgrenzungen, durch Exotisierung, sowohl von Lehrer- als auch von Schülerseite. Sie erleben ihn verbal oder physisch. Sie erleben ihn im Unterricht, etwa in Bezug auf Israel. Sie sind allen Arten des Antisemitismus ausgesetzt, in allen Teilen der Gesellschaft.

News4teachers: Unlängst haben Sie kritisiert: „Wir erleben einen Paradigmenwechsel in Kultur und Wissenschaft, der an den Grundüberzeugungen der Bundesrepublik Deutschland rüttelt: der Erinnerung an die Shoah als identitätsstiftendes Moment.“ Was können Schulen leisten, um die Erinnerung wachzuhalten?

Schuster: Schulen nehmen bei diesem Gedanken eine zentrale Rolle ein, denn sie sind für Kinder und Jugendliche meist die einzigen Berührungspunkte, die auch sie als öffentliche Institution wahrnehmen. Ich wünsche mir hier eine empathische Vermittlung des Themas „Schoah“ durch Zeitzeugengespräche oder Gedenkstättenbesuche. Wichtig ist auch, dass gerade an Tagen wie dem 9. November und dem Erinnern an die Pogromnacht verdeutlicht wird, dass es keine kleine Clique an Verbrechern um Hitler war, die den Weg in die industrielle Vernichtung von Jüdinnen und Juden zu verantworten hatte, sondern dass der Großteil der Gesellschaft die systematische Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden mindestens akzeptiert und in vielen Fällen aktiv begleitet hat.

Dieses Wissen muss auch präsent sein, wenn es darum geht, zum Beispiel die Ausgrenzung israelischer Künstler aus dem Kulturbetrieb zu beurteilen, selbst wenn dies im ersten Augenblick gar nichts mit Erinnerung zu tun haben mag. Die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie, die ergab, dass 49 Prozent der Deutschen gerne einen „Schlussstrich“ unter die Vergangenheit ziehen würden und 24 Prozent beklagten, Juden hätten zu viel Einfluss in der Welt, zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht unwahrscheinlich in ihrem außerschulischen Umfeld mit problematischen und antisemitischen Einstellungen konfrontiert sind. Umso klarer muss die Vermittlung in der Schule sein.

News4teachers: Wie gravierend ist Ihrer Einschätzung nach der Rechtsextremismus unter jungen Menschen?

Schuster: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass bereits auf Schulhöfen extremistische Einstellungen jeder Art gang und gäbe sind. Manchmal sind sich gerade jüngere Jugendliche noch gar nicht über den Hintergrund ihrer Äußerungen bewusst. Wir wissen aber auch, dass gerade Rechtsextremismus unter Jugendlichen kein Randphänomen ist – das fängt bei Musik und anderen Berührungspunkten, zum Beispiel im Netz, an. Unter diesen Einflüssen können junge Menschen schnell in radikale Netzwerke hineingezogen werden.

News4teachers: Was sollten Schulen tun, um Kinder und Jugendliche für die Demokratie zu gewinnen – vielleicht auch gerade in Ostdeutschland, wo die Skepsis gegenüber demokratischer Repräsentanz besonders ausgeprägt zu sein scheint?

Schuster: Gerade jüngere Generationen unterscheiden sich in meiner Wahrnehmung nicht maßgeblich in dieser Frage in Ost und West. Es gibt natürlich große Unterschiede in der gefühlten und reellen Zukunftsperspektive für junge Menschen und ein damit einhergehender Wegzug junger Erwachsener aus Ostdeutschland, aber das ist ein anderes Thema.

Eine große Aufgabe sehe ich bei Schulen, Schülerinnen und Schüler auf die digitale Welt vorzubereiten. Hier grassieren Verschwörungserzählungen – häufig antisemitisch untersetzt –, die den Wert der Demokratie in Frage stellen. Da gilt es für Schulen anzusetzen. Vor einigen Jahren hat die KMK auch ihren Beschluss „Demokratie als Ziel“ unter anderem dahingehend überarbeitet. Das geht für mich in die richtige Richtung. Hier geht es natürlich nicht nur um die Gefahren im Netz, sondern auch die vielen Möglichkeiten, die sich hier für Wissensvermittlung oder Erinnerungskultur bieten.

News4teachers: Sollten Ihrer Meinung nach Gedenkstättenbesuche für Schülerinnen und Schüler verpflichtend sein?

“Man kann ein Geschichtsstudium auf Lehramt absolvieren, ohne eine einzige Vorlesung oder Seminar zum Nationalsozialismus oder der Schoah zu belegen”

Schuster: Ja, und in Bayern zum Beispiel ist das bereits der Fall. Allerdings reicht es nicht, eine Gedenkstätte zu besuchen und das Thema dann abzuhaken, als wäre man nach einem Besuch immun gegen Antisemitismus. Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern müssen sorgfältig vor- und nachbereitet werden und vor Ort von geschulten Personen durchgeführt werden. Mir ist bewusst, dass die Gedenkstätten begrenzte Kapazitäten dahingehend haben. Daher wäre es wünschenswert, wenn bereits im Geschichtsstudium angehende Lehrkräfte geschult würden, solche Besuche später durchzuführen. Allerdings kann man zum jetzigen Zeitpunkt leider ein Geschichtsstudium auf Lehramt absolvieren, ohne eine einzige Vorlesung oder Seminar zum Nationalsozialismus oder der Schoah zu belegen, obwohl die Themen später in der Schule verpflichtend unterrichtet werden müssen. Hier wäre der Praxisbezug im Studium wünschenswert.

News4teachers: Wie würden Sie junge Menschen dazu ermutigen, die Gesellschaft mitzugestalten und sich politisch zu engagieren?

Schuster: Wichtig ist es, etwas zu machen, bei dem nicht zu allererst der eigene Gewinn im Vordergrund steht. Ich war vor einigen Tagen bei der Verleihung des Ehrenamtspreises für jüdisches Leben in Deutschland und war von den Preisträgerteams begeistert. Die Gruppe im Bereich unter 27 Jahre waren Schülerinnen und Studentinnen aus Halle, die sich in Reaktion auf den Anschlag 2019 mit dem historischen und gegenwärtigen jüdischen Leben in der Stadt beschäftigt und über eine App einen Stadtrundgang erarbeitet haben. Politisches oder gesellschaftliches Engagement ist ein sperriger Begriff, der viele erstmal abschreckt, aber so ein Beispiel zeigt, dass man direkt bei sich vor der Haustür anfangen kann. Nina Odenius und Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus, führten das Gespräch.

„Wir möchten Lehrkräfte stärken – damit sie die Momente erkennen, in denen es gilt, demokratische Haltung zu zeigen“

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