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“Wir möchten Lehrkräfte stärken – damit sie die Momente erkennen, in denen es gilt, demokratische Haltung zu zeigen”

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BERLIN. „Die Demokratie gerät unter Druck. Auch Bildungsinstitutionen sind deshalb mehr denn je gefordert, junge Menschen zu einer Mitgestaltung des demokratischen Gemeinwesens zu befähigen“ – so heißt es einleitend zum „Demokratiekosmos Schule“ (DEKOS), einem gemeinsamen Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung mit der Bertelsmann Stiftung. Das soll Lehrkräfte dabei unterstützen, demokratische Haltung zu zeigen – auch in mitunter heiklen Situationen im Unterricht. Wissenschaftliche Beraterin der Initiative ist die Politikdidaktikerin Prof. Dr. Sabine Achour von der Freien Universität Berlin. Wir sprachen mit ihr über die Hintergründe.

Prof. Sabine Achour war früher als Studienrätin in den Fächern Politik, Geschichte und Latein tätig. Foto: privat

News4teachers: Warum ist Ihnen politische Bildung an Schulen wichtig?

Sabine Achour: Weil wir junge Menschen in einem Alter erreichen können, in dem politische Sozialisationsprozesse besonders relevant sind. In dieser Alterskohorte werden politische Einstellungsmuster und Orientierungen angelegt und oft bleiben diese auch lange so bis ins hohe Erwachsenenalter. Wenn man davon ausgeht, dass zu Demokratie, zu offener Gesellschaft auch das Fördern von Fähigkeiten und Kompetenzen gehört, sich in dieser offenen Gesellschaft zurechtzufinden und diese auch mitzugestalten und mitzubestimmen, dann haben wir als Demokratie kaum eine andere Institution als die Schule. Dort können wir proaktiv Mündigkeit, Handlungsfähigkeit, Urteilsfähigkeit von fast allen zukünftigen Mitgestalter*innen von Demokratie unterstützen.

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News4teachers: Sehen Sie Unterschiede in der politischen Bildung an den verschiedenen Schulformen?

Demokratiekosmos Schule

Das Projekt “Demokratiekosmos Schule” (DEKOS) soll Schulen im wirksamen Umgang mit antidemokratischen Situationen unterstützen.

Mit unterschiedlichen Formaten erhalten Lehrkräfte anwendungsorientiertes Know-how. DEKOS zeigt Wege auf, wie sie sich diesen Herausforderungen stellen und angemessen handeln können.

DEKOS wendet sich an Schulleitungen, Lehrer/innen und Schulsozialarbeiter/innen. Adressiert werden die siebte bis zur 13. Jahrgangsstufe. Da Diskriminierungen in allen Schulsituationen auftreten, betrifft das Thema alle Unterrichtsfächer. DEKOS ist auch geeignet, in Aus- und Fortbildungsbereichen eingesetzt zu werden.

Hier geht es zu den Materialien.

Achour: Wir konnten eine bundesweite Studie zur politischen Bildung an Schulen durchführen, in der wir 3.400 Lernende befragt haben, in fast allen Bundesländern. Die Studie erhielt den Titel „Wer hat, dem wird gegeben“. Denn das zentrale Ergebnis war, dass sich Qualität und Quantität politischer Bildung an den verschiedenen Schulformen ziemlich stark unterscheiden. Lernende an Gymnasien haben oft mehr Unterrichtsstunden in politischer Bildung. Nach Aussage der Schüler*innen finden dort auch häufiger jenseits des Politikunterrichts Projekte, Exkursionen an Orte von Demokratie statt als an anderen Schulformen. Auch berichten die Lernenden von mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten wie Schulversammlungen.

Dabei sind Lernende an den Gymnasien häufig von zu Hause aus immer schon privilegierter, was politische Sozialisationsprozesse betrifft. Sie kommen häufiger aus akademischen Elternhäusern. Dort wird auch privat mehr über Politik oder gesellschaftliche Fragen gesprochen. An nichtgymnasialen Schulformen sind die Lernenden im Schnitt viel weniger sozio-kulturell privilegiert, erhalten aber weniger Politikunterricht und auch weniger demokratiebildende Angebote jenseits des Faches. Gerade hier sollten wir besonders in politische Bildung und Demokratiebildung investieren. Während sich z. B. auch die Angebote politischer Bildung in der gymnasialen Oberstufe an den Schulformen angleichen, lässt sich eine Zunahme politischer Bildung an den beruflichen Schulen laut Aussage der Schüler:innen nicht erkennen.

“Oft sind es antidemokratische Situationen im Kleinen. Wenn Kinder und Jugendliche sich mit antisemitischen, rassistischen, sexistischen Bezeichnungen beschimpfen”

Die Zusammenhänge zwischen Zugang zu formaler Bildung, also auch zu politischer Bildung, und politischen Einstellungen sind aus der Einstellungsforschung bei Erwachsenen gut belegt. Die Mitte-Studie, an der ich mitgearbeitet habe, beleuchtet seit Jahren wiederholt, dass bei denjenigen, die Zugang zu höherer formaler Bildung hatten, demokratische Einstellungsmuster stärker verankert sind. Diesen Zusammenhang konnten wir schon bei der Befragung der Schüler:innen entlang der Schulformen und unterschiedlichen Angebote politischer Bildung erkennen. Das finde ich sehr problematisch. Da gibt es ganz klar einen bildungspolitischen Handlungsauftrag. In den Schulen erreichen wir Kinder und Jugendliche nämlich noch, während wir in der politischen Erwachsenenbildung gar nicht über entsprechende Strukturen verfügen, da diese auf Freiwilligkeit basiert.

News4teachers: Sie haben selbst als Studienrätin gearbeitet. Haben Sie in dieser Zeit auch antidemokratische Situationen erlebt?

Achour: Ja, ich habe solche Situationen auch erlebt. Vielleicht muss man erklären, was man alles darunter fassen kann. Oft passiert etwas auf einer sehr niederschwelligen Ebene. Es geht oft nicht um gravierende verfassungsfeindliche Vorfälle wie Hakenkreuze an den Wänden. Oft sind es antidemokratische Situationen im Kleinen. Wenn Kinder und Jugendliche sich mit antisemitischen, rassistischen, sexistischen Bezeichnungen beschimpfen. Auch Verschwörungsnarrative, sogenannte neurechte Narrative wie z. B. „großer Austausch“ oder „Globalisten“, insgesamt Diskursverschiebungen nach rechts, die vermeintliche Meinungsfreiheit sein sollen, stellen antidemokratische Herausforderungen dar.

Das habe ich an Schule erlebt und tatsächlich erlebe ich das auch an der Universität und in der Lehrkräftebildung. Zwei Dinge sind dabei meiner Meinung nach für das pädagogische Handeln wichtig. Zum einen sollte man mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen. Noch einmal nachfragen, was meinst Du damit genau? Als Pädagoge oder Pädagogin hat man eine Fürsorgepflicht. Man sollte die Kinder und Jugendlichen nicht von vornherein verurteilen. Das heißt, es ist wichtig, ihnen die Chance zu geben, wieder aus dieser Situation herauszukommen. Viele Kinder und Jugendliche reproduzieren Dinge, die sie irgendwo gehört haben ohne zu reflektieren, was das tatsächlich für die andere Person, die Demokratie oder die Gesellschaft bedeutet.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Jugendliche, die ganz bewusst mit rechten, antisemitischen oder rassistischen Äußerungen provozieren und verletzen wollen. Hier ist es wichtig, einzuschreiten und damit deutlich Haltung zu zeigen: „Hier hast du eine Grenze überschritten und das finde ich nicht in Ordnung.“ Das ist auch ein notwendiges Signal den betroffenen Schüler:innen gegenüber. Sie müssen geschützt und gestärkt werden. Genauso ist es ein relevantes Signal für die anderen Lernenden, wenn eine solche Situation in größeren Gruppen auftritt. Im Idealfall finden betroffene Lernende auch von den Mitschüler:innen eben diese Unterstützung. Verursacher:innen erkennen, dass sie mit ihren Äußerungen allein dastehen bzw. nicht in der Mehrheit sind. Schließlich bedarf es eines persönlichen Gespräches, welches aber  nicht im Klassenverbund stattfindet. Später sollte das Thema mit der gesamten Klasse oder auch im Rahmen der Schule bearbeitet werden. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, dies im Rahmen einer demokratischen Schulentwicklung aufzugreifen. Beispiele haben wir im Demokratiekosmos Schule zusammengestellt.

News4teachers: Haben sich in den vergangenen Jahren antidemokratische Tendenzen an Schulen verstärkt?

Achour: Ich würde sagen, die gab es schon immer. Zwei Phänomene haben m. E. aber dazu geführt, dass antidemokratische Tendenzen sichtbarer geworden sind. Es wird viel mehr gesagt, was vor 15 Jahren nicht gesagt worden wäre. Gerade wenn es um Antisemitismus geht. Das heißt nicht, dass diese Einstellungsmuster nicht existierten. Aber die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben. Das ist gezielt von PEGIDA, AfD und neurechten Bewegungen forciert worden. Soziale Medien werden dafür bewusst instrumentalisiert.

“Antidemokratische Situationen treten nicht immer nur unbedingt zwischen Lernenden und Lehrenden auf, sondern können auch im Lehrkräftezimmer auftreten”

Dort kann vieles gesagt werden, ohne dass ich dafür immer Konsequenzen befürchten müsste. Dadurch wird das Bewusstsein einer Grenzüberschreitung immer schwächer, weil Äußerungen nicht geahndet werden, das Gegenüber nicht sichtbar ist und solche Positionen in sog. Echokammern nicht in Frage gestellt oder zurückgewiesen werden . Auch deshalb gibt es das Projekt Demokratiekosmos Schule. Wir müssen Personen in der Schule, nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Schüler*innen stärken, genau diese Grenzüberschreitung in der Kommunikation zu markieren und ihnen Handlungsstrategien zu vermitteln.

News4teachers: War das die Hauptintention für das Projekt „Demokratiekosmos Schule“?

Achour: Tatsächlich ist das ein zentraler Grund. Zum einen möchten wir mit dem Projekt Überforderungsgefühle oder Unsicherheiten von Lehrkräften bei rechten oder antisemitischen Vorfällen auffangen. Oft müssen Lehrkräfte neben der inhaltlichen, der didaktischen und der pädagogischen Ebene relativ schnell und kompetent auf solche Vorfälle reagieren können. Es geht uns darum, den Personen an der Schule Handlungsstrategien zur Unterstützung an die Hand zu geben.

Antidemokratische Situationen treten nicht immer nur unbedingt zwischen Lernenden und Lehrenden auf, sondern können auch im Lehrkräftezimmer auftreten. Wie verhalte ich mich, wenn ein Kollege oder eine Kollegin dort Verschwörungsnarrative verbreitet und dann in den Unterricht trägt? Wir möchten die Demokrat*innen an Schulen stärken, weil Schulen zentrale Institutionen in der Demokratie sind. Wir möchten Lehrkräfte als Demokrat*innen stärken, damit sie die Momente erkennen, in denen es gilt, demokratische Haltung zu zeigen und ein Vorbild für ihre Schüler*innen zu sein, quasi Demokratie-Multiplikator:innen. Nina Odenius, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.

Hier geht es zum “Demokratiekosmos Schule”.

Woran erkennt man seriöse Informationen? Was Lehrer ihren Schülern beibringen sollten

 

 

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