STUTTGART. Um eine Abiturlektüre in Baden-Württemberg ist ein Rassismus-Streit ausgebrochen, in dessen Verlauf eine Deutschlehrerin ihren Dienst zeitweilig quittiert hat. Die Kernfrage: Kann ein Buch voller rassistischer Beleidigungen, das als bedeutendes Werk der deutschen Nachkriegsliteratur gilt, reflektiert im Unterricht eingesetzt werden? Daran gibt es begründete Zweifel.
„Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen, 1951 erschienen, schildert Szenen aus einer deutschen Großstadt unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs. „Das Buch ist in einem gehetzten, zufällige Gedankenfetzen aneinanderreihenden Stil geschrieben. Die Darstellung erscheint nicht anders als ein Erbrechen, als ein stoßweises Vonsichgeben des Bodensatzes nie ganz zu verarbeitender Erlebnisse“, so beschrieb der „Spiegel“ in einer zeitgenössischen Kritik den Text, der – ähnlich wie „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin – als schonungslose Milieustudie gilt.
Was damals kaum auffiel (und auch heute noch durchaus als realistische Beschreibung des damals verbreiteten Umgangstons gelten kann): In dem von verschiedenen Protagonisten vorgebrachten Wortschwall werden schwarze Menschen, die vor allem als amerikanische Besatzungssoldaten in Erscheinung treten, unentwegt als „Neger“ tituliert, Jazz gilt als „Negermusik“ – über 100 Mal taucht der Begriff im Buch auf. Keine einzige Fußnote weist darauf hin, dass das sogenannte „N-Wort“ von Betroffenen als beleidigend empfunden wird.
„Was man sich bewusst machen muss bei dem Thema ist, dass die Sprache tatsächlich den Rassismus transportiert – und zwar in meine Lebenswelt hinein“
Ist das eine geeignete Pflichtlektüre fürs Abitur? In Baden-Württemberg offenbar schon. Schülerinnen und Schüler der beruflichen Gymnasien müssen sich dort auf „Tauben im Gras“ vorbereiten, weil es für die Prüfungen 2024 als Thema vorgesehen ist. Eine Lehrerin aus Ulm, die sich seit Jahren (auch aus eigener Betroffenheit) gegen Rassismus engagiert, zeigt sich entsetzt. Für sie sei die Konfrontation mit dem Buch „einer der schlimmsten Tage“ ihres Lebens gewesen.
Sie weist im SWR darauf hin, dass das „N-Wort“ einen Ausdruck von Unterdrückung und Entmenschlichung ist. „Was man sich bewusst machen muss bei dem Thema ist, dass die Sprache tatsächlich den Rassismus transportiert – und zwar in meine Lebenswelt hinein“, so sagt sie. Das sei nicht abstrakt, sondern betreffe sie direkt, erklärt die Lehrerin. „Das ist ein brutaler Angriff auf meine Menschenwürde.”
Sie hat deshalb eine Petition an das Kultusministerium gerichtet, das Buch zurückzuziehen. „Die Sprache des Romans ist rassistisch und es wird dein rassistisches Bild Schwarzer Soldaten vermittelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gedient haben“, schreibt die Lehrerin darin laut „Schwäbischer“.
Schüler mit Schwarzer Hautfarbe würden während der Besprechung des Buches „immer wieder rassistisches Diskriminierung ausgesetzt“. Für betroffene Schüler sei es egal, ob die diskriminierenden Worte auf dem Pausenhof oder im Rahmen der literarischen Erarbeitung fallen. Man könne, so betont die Lehrerin, nicht von Schülern an beruflichen Gymnasien erwarten, dass sie distanziert und sprachsensibel das Thema erörtern – ohne dass dabei betroffene Schüler Diskriminierung erfahren.
Das Kultusministerium weist das Ansinnen allerdings zurück. Der Roman sei für den Unterricht geeignet. Er zähle zur bedeutenden deutschen Nachkriegsliteratur. Mit ihm könne man den jungen Menschen vermitteln, was Rassismus sei. „Genau dies begründet eine wesentliche Anforderung an Literaturunterricht, nämlich Literatur in ihrem jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext zu sehen“, antwortet das Ministerium. Rassismus werde in dem Roman nicht vor-, sondern dargestellt. In entsprechenden Fortbildungen sei nachdrücklich darauf hingewiesen worden, dass die Auseinandersetzung mit der Lektüre vorab eine Rassismus- und Diskriminierungsdebatte im Unterricht braucht.
„Es gibt zu wenig Sensibilität dafür, was die Macht von Sprache ausmacht, und da werden Erfahrungsberichte zu wenig ernst genommen“
Vorab eine Rassismus-Debatte im Unterricht? Die Literaturwissenschaftlerin Prof. Magdalena Kißling von der Universität Paderborn hält für unrealistisch. Die Lehrkräfte seien oft nicht dafür ausgebildet, Rassismus in der Literatur zu erkennen: „Es gibt zu wenig Sensibilität dafür, was die Macht von Sprache ausmacht, und da werden Erfahrungsberichte zu wenig ernst genommen.“ Außerdem seien entsprechende Konzepte für den Unterricht noch nicht ausgereift genug, so zitiert sie der SWR.
Inzwischen haben sich laut „Schwäbische“ etliche Organisationen hinter die Forderung gestellt, die Lektüre aus dem Abitur zu nehmen, etwa die Black Community Foundation Stuttgart, die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland sowie die Antidiskriminierungsstelle Esslingen. Sie fordern die Wahl einer sensibleren Lektüre, die sich mit Rassismus und Diskriminierung auseinandersetzt. Die Ulmer Lehrerin hat allerdings bereits eine Konsequenz aus dem Vorfall gezogen: Sie will den Schuldienst für das kommende Schuljahr quittieren, um die Lektüre nicht unterrichten zu müssen. Sie hat einen Antrag auf Beurlaubung ohne Besoldung gestellt.
Dafür wird sie nun im Netz angefeindet. Ein rechtsextremer Hetz-Blog benennt die Pädagogin namentlich und beleidigt sie übelst – Gelegenheit für das baden-württembergische Kultusministerium, sich schützend vor seine Lehrerin zu stellen und öffentlich zu machen, dass es rassistische Entgleisungen gegenüber seinen Lehrkräften nicht duldet. News4teachers
