KAISERSLAUTERN. Die Sozialpsychologin Selma Rudert untersucht, mit welchen Gründen Menschen andere aus Gruppen ausgrenzen. Ein aktuelles Ergebnis: Menschen grenzen andere Personen aus, die sich ihrer Ansicht nach unangemessen verhalten oder entbehrlich für die Ziele der Gruppe sind – und das durchaus strategisch.
Warum Menschen andere Menschen aus Gruppen ausgrenzen, kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Die Forschung zur Ausgrenzung konzentriere sich dabei aber meist auf das Erleben der ausgegrenzten Personen und nicht auf die Frage, warum es überhaupt zur Ausgrenzung kommt. „Dieser Aspekt ist allerdings wichtig, um das Phänomen der sozialen Ausgrenzung zu verstehen und ihr entgegenwirken zu können“, stellt die Sozialpsychologin Selma Rudert fest, Juniorprofessorin von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU).
Gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern der Universität Basel untersuchen Rudert und ihr Team daher, aus welchen Gründen und in welchen Situationen Menschen andere ausschließen. In einer aktuellen Studie konnten sie nun zeigen, wie es zu bewussten Ausgrenzungsentscheidungen kommt, die Menschen zum Wohl von Gruppen treffen. Das Ergebnis: Menschen grenzen andere Personen aus, die sich ihrer Ansicht nach unangemessen verhalten oder entbehrlich für die Ziele der Gruppe sind – und das durchaus strategisch.
„Wir konnten in allen Studien zwei zentrale Motive identifizieren, warum Menschen andere Personen ausgrenzen“, erklärt Selma Rudert. Erstens würden Gruppenmitglieder eher ausgeschlossen, die dazu neigen, Regeln zu brechen und sich nicht an die Normen der Gruppe halten. Zweitens würden Personen, die nicht mit der Leistung der Gruppe mithalten können und dadurch die Gruppenziele gefährden, oft als entbehrlich angesehen und ebenfalls ausgeschlossen.
Um die Gründe für Ausgrenzung zu untersuchten, führte das Forschungsteam insgesamt fünf Experimente und zwei Befragungen mit insgesamt über 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch. In den Befragungen berichteten diese über ihre eigene Erfahrungen in der Rolle von Ausgrenzenden sowie Ausgegrenzten. In den Experimentalstudien sollten sie eine Gruppe für eine darauffolgende Aufgabe zusammenstellen und hatten die Möglichkeit, zuvor eine Person aus der Gruppe auszuschließen.
Menschen grenzen andere strategisch aus
„Ein bedenklicher Befund der Studien ist, dass sich oft eine Mehrheit der Teilnehmenden für ausgrenzendes Verhalten entschied, wenn es den Zielen der Gruppe dienlich war“, so Rudert. Es habe jedoch auch vereinzelte Lichtblicke gegeben: Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer handelten strategisch in ihren Entscheidungen und grenzten nicht einfach beliebig alle Menschen aus, die aus irgendeinem Grund anders waren. Der Kontext habe hier eine entscheidende Rolle gespielt: So wurden Personen, die leistungsschwach, aber sehr kooperativ waren, seltener ausgeschlossen, wenn für eine anstehende Aufgabe die Bedeutung der gemeinsamen Zusammenarbeit relevanter war als die Leistung. Umgekehrt wurden wenig kooperative, aber leistungsstarke Gruppenmitglieder seltener ausgeschlossen, wenn die Gruppenaufgabe auf Leistung anstatt auf Zusammenarbeit ausgerichtet war.
Rudert und ihre Kolleginnen und Kollegen betonen selbst, dass die bewussten Entscheidungen zum Wohl einer Gruppe nur ein Fragment der möglichen Ausgrenzung darstellen. „Es können allerdings auch andere Motive zum Tragen kommen“, so die Kaiserslauterer Sozialpsychologin. Menschen würden etwa aus eigennützigen Gründen andere ausschließen, beispielsweise, weil sie ihre eigene Position in der Gruppe durch die andere Person als bedroht erlebten. In vorangehenden Studien konnten die Forscherinnen und Forscher außerdem bereits zeigen, dass Persönlichkeit ein wichtiger Risikofaktor für soziale Ausgrenzung ist. Wenig verträgliche und unzuverlässige Menschen werden demnach mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgegrenzt. In vielen Situationen liege aber auch überhaupt kein klares Motiv vor. So grenzten Menschen andere auch unbewusst oder versehentlich aus, weil sie die Person schlichtweg übersehen oder nicht an sie gedacht haben.
Soziale Ausgrenzung kann verringert werden
Dennoch biete die Studie wichtige Impulse für die Arbeitswelt und Schulen, so die Wissenschaftlerin – zwei Bereiche, in denen viel Ausgrenzung stattfinde. „Eine entscheidende Erkenntnis unserer Forschung ist, dass soziale Ausgrenzung in Gruppen nicht unvermeidlich ist“. Sie könne verringert werden, indem man die Bedingungen ändert, die ausgrenzendes Verhalten in einer bestimmten Situation fördern. Beispielsweise könnten externe Stressfaktoren wie hoher Zeitdruck oder Wettbewerb soziale Ausgrenzung fördern, weil Gruppen in diesem Fall auf eine hohe Leistung aller Mitglieder angewiesen seien. Wird der Stress verringert, ermögliche dies Gruppen, schwächere Mitglieder zu unterstützen, anstatt sie auszuschließen. In sozialen Gruppen, Freundeskreisen oder Familien lasse sich Ausgrenzung vermindern, indem unterschiedliche Meinungen, Entscheidungen und Lebensweisen akzeptiert sowie konstruktive Meinungsverschiedenheiten zugelassen würden. „Dies erlaubt es Menschen, die unbeliebte Meinungen äußern oder nicht der Norm entsprechen, dennoch Teil der Gruppe zu bleiben“, erklärt Rudert. (zab, pm)
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