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Kretschmann über Forderungen der Lehrerverbände: “Immer dasselbe – mehr Lehrer, kleinere Klassen! Das ist so öde”

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STUTTGART. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat in einem großen Interview mit der „Zeit“ über Bildungsfragen räsoniert – und dabei über seine persönlichen Erfahrungen als Schüler und Lehrer wie auch über seine schulpolitischen Vorstellungen gesprochen. Der Realschullehrerverband (RLV) spricht von „verstörenden Äußerungen“.

„Ich habe meine Schüler im Biounterricht an Kröten lecken lassen”: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Kretschmann über seine Zeit als Lehrer: „Ich war nie der Kumpel meiner Schüler. Ich habe immer versucht, über die Sache zu begeistern, über die Neugier fürs Fach und nicht über meine Person“, so sagt Kretschmann. „Mein Unterrichtsstil war geprägt von der Fragen entwickelnden Methode.“ Er sei dabei allerdings experimentierfreudig gewesen. „Ich habe meine Schüler im Biounterricht an Kröten lecken lassen. Eine recht unterhaltsame Aktion, denn einige Kröten haben einen Abwehrmechanismus auf der Haut, der aktiviert wird, wenn man daran leckt. Der Schleim enthält einen Stoff, der beim Menschen den Puls in die Höhe treibt. Irgendein mutiger Schüler fand sich immer.“

Über Pädagogik: „Es gibt zwei Denkschulen in der Pädagogik, die einen sind die Töpfer, die anderen die Gärtner. Die Gärtner sagen, man muss nur gute Bedingungen schaffen, dann wächst das Kind von allein. Die Töpfer gehen davon aus, dass man das Kind formen müsse. Die Wissenschaft sagt, beide Methoden haben Erfolg, wenn der Lehrer weiß, was er tut. Am Ende landet man immer bei der Lehrerpersönlichkeit. Ich war jedenfalls ein Töpfer.“

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Über Regeln und Lehrpläne: „Damals war das lockerer. Mich haben die ganzen Vorschriften wenig beeindruckt.“ Den Lehrplan habe er nicht sonderlich gut gekannt. „Wenn ich organische Chemie unterrichten soll, dann weiß ich als Chemielehrer doch, was ich zu tun habe.“

Über Erfolgserlebnisse: „Das Schönste am Lehrerberuf ist für mich, etwas Kompliziertes zu erklären, und nach mehreren Anläufen haben es alle – oder fast alle – in der Klasse verstanden. Das ist ein großartiges Gefühl! Deshalb habe ich immer viel Arbeit in die Konzeption meiner Klassenarbeiten gesteckt. Ich habe einige sogar aufbewahrt und schau mir die heute manchmal noch an. Ich wollte, dass meine Schüler in den Tests zeigen, dass sie einen Erkenntnisschritt gemacht haben. Wem das gelang, der bekam schon ein Gut von mir.“

Über seine eigene Schulzeit: „Wir waren sehr faul damals. Viel fauler als die Schüler heute. Allein in meiner Oberstufenklasse war die Hälfte im Laufe der Schulzeit einmal sitzen geblieben. Auch die Lehrer sind heute viel besser als zu meiner Zeit: menschlich, pädagogisch, didaktisch. Das waren früher teilweise schlimme Typen.“

Über seine Zeit als Schüler in einem katholischen Internat: „Schwarze Pädagogik durch und durch, jeden Tag. Wer in Latein schlechter als vier minus war, musste sich beim Pater Rektor Ohrfeigen abholen und zum Nachhilfeunterricht. Dort hockte man am Tisch und musste deklinieren, und bei einem Fehler sauste der Stock auf den Kopf, zack, zack, zack. Die schlugen uns auf den Kopf!“

Über Schule heute: „Die Paukschule, wo geprügelt wird, gibt es nicht mehr – zum Glück. Aber dass man heute für fast alles Verständnis haben soll, finde ich befremdlich. Es gibt nun einmal auch heute noch faule Schüler.“ Der Lehrerberuf sei schwieriger als früher. „Früher hatten die Kinder ein bisschen Angst, als sie in die erste Klasse kamen, aber der Lehrer konnte stante pede mit dem Unterricht beginnen. Heute dauert es Wochen, bis alle Schüler überhaupt stillsitzen können. Dieses veränderte Sozialverhalten stresst die Lehrer.“

Über die Lehrerverbände: „Die klagen immer. Wenn ich deren Presseerklärungen lese, ist die Schule die Vorhölle. Auch ihre Forderungen sind immer dieselben: mehr Lehrer, kleinere Klassen. Das ist so öde. Und geht an den Wurzeln der Probleme vorbei: Wir brauchen mehr Ganztag, mehr fächerübergreifendes Lernen und mehr Steuerung der Ressourcen hin zu Schulen, die eine besonders herausfordernde Schülerschaft haben.“

Über Eltern: „Mit einigen war es schon schwierig, als ich noch Lehrer war. Da kamen oft diejenigen zu den Gesprächen in die Schule, bei deren Kindern es gar keine Probleme gab, die anderen ließen sich nicht blicken. Heute arbeiten Schule und Elternhäuser teilweise sogar gegeneinander – dabei ist die Erziehungspartnerschaft die Grundlage für eine gute schulische Entwicklung des Kindes. Ein Beispiel ist die Übergangsempfehlung nach der Grundschule. Seit zehn Jahren ist sie bei uns im Land nicht mehr verpflichtend. Ich habe schon damals an die Eltern appelliert: Bitte ignorieren Sie die Grundschulempfehlung nicht, vertrauen Sie den Lehrern! Eltern weichen immer wieder vom Lehrervotum ab. Manche glauben, ihre Kinder gehören aufs Gymnasium, auch wenn der Lehrer zur Realschule rät. Diese Form der Selbstermächtigung beunruhigt mich. Klar sollen sich Menschen in einer Demokratie informieren und eine eigene Meinung bilden. Problematisch wird es, wenn sie glauben, dass sie alle gleich Experten sind.“

Über neue Unterrichtsinhalte: „Der Umgang mit neuen Medien gehört für mich unverzichtbar in die Schule! Kinder und Jugendliche müssen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz verstehen, was jetzt ‚Welt‘ bedeutet und wie man sich als Bürger verlässlich informiert. Überhaupt: Wir brauchen mehr Schulung der kritischen Urteilsfähigkeit.“

Über verzichtbare Unterrichtsinhalte: „Ich frage mich: Ist Rechtschreibung tatsächlich so wichtig, wenn das Schreibprogramm alles korrigiert? Und wenn das Handy Gespräche in fast jede Sprache der Welt in Echtzeit übersetzen kann – brauchen wir dann noch eine zweite Fremdsprache in der Schule als Pflichtfach?“

Reaktion des Realschullehrerverbands Baden-Württemberg: „Disqualifikation in Bildungsfragen buchstabiert man spätestens ab heute an den Schulen K-r-e-t-s-c-h-m-a-n-n!“

Hier geht es zum vollständigen Interview in der “Zeit”.

Bundesland streicht „Fehlerquotienten“ – und löst damit bundesweite Debatte um den Wert der Rechtschreibung aus

 

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