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Bildungsreform: Ärger um Grundschulempfehlung – bloß eine „Mogelpackung“?

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STUTTGART. Rückkehr zu G9, bessere Sprachförderung und eine verbindlichere Grundschulempfehlung: Wenige Tage vor Beginn der Sommerferien in Baden-Württemberg hat die grün-schwarze Landesregierung mehrere Schulreformen auf den Weg gebracht. Der Ministerrat habe das neue Schulgesetz freigegeben, teilte das Staatsministerium am Dienstag mit. Nun muss sich der Landtag mit dem Gesetzentwurf befassen. Streit gibt es vor allem um die Grundschulempfehlung – die einen bezeichnen sie als „Rückschritt“, die anderen als „Mogelpackung“.

Mit Blick auf die Bildungsreform hätten sich der Realschullehrer- und der Philologenverband noch mehr Verbindlichkeit bei der Grundschulempfehlung gewünscht. Foto: shutterstock

Bereits im kommenden Schuljahr soll die Neuregelung der Grundschulempfehlung greifen. Diese soll nach dem Willen der grün-schwarzen Regierung künftig verbindlicher werden. Bislang bekommen die Schülerinnen und Schüler zwar eine Empfehlung, letztendlich entscheiden im Südwesten aber alleine die Eltern, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen soll.

Auch künftig sollen Eltern ein Mitspracherecht haben, aber es soll ein Modell aus drei Komponenten geben: Lehrerempfehlung, Leistungstest und Elternwunsch. Stimmen zwei aus drei überein, soll das den Ausschlag geben. Wollen die Eltern ihr Kind dennoch aufs Gymnasium schicken, soll das Kind künftig einen weiteren Test absolvieren. Das Ergebnis dieses Potenzialtests müssen die Eltern dann akzeptieren. Verbindlich ist die Empfehlung allerdings nur für das Gymnasium.

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Ziel: Zufluss zum Gymnasium regeln

Der Grund für die Wiedereinführung der strengeren Grundschulempfehlung sei das Comeback des neunjährigen Gymnasiums und die Sorge, dass G9 überlaufen werden könnte, schreibt der SWR. Internen Prognosen zufolge könnten nach der geplanten G9-Einführung, die ebenfalls zur Bildungsreform gehört, im Schuljahr 2025/26 etwa 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf ein Gymnasium wollen. Bisher seien es nur 45 Prozent, da viele vor dem achtjährigen „Turbo-Abi“ zurückgeschreckt seien. Mit einer verbindlicheren Grundschulempfehlung will die Koalition den Zugang zum Gymnasium besser steuern.

Schon im Mai gab es Kritik an den Plänen der Regierung. Die Schülervertretung Baden-Württemberg hatte sich deutlich gegen eine verbindlichere Grundschulempfehlung ausgesprochen. Der Vorsitzende des Landesschülerbeirats, Joshua Meisel, sprach von einem „Rückschritt“, durch den die Bildungsgerechtigkeit eher behindert als gefördert werde. In vielen Fällen beruhe die Empfehlung nicht auf dem tatsächlichen Potenzial der Kinder, sondern auf anderen Faktoren, etwa der Herkunft. Auch die Bildungsgewerkschaft GEW nannte die Grundschulempfehlung „Unsinn“.

Reform auf dem Rücken der Realschulen?

In eine andere Richtung argumentieren der Realschullehrer- und der Philologenverband, die die Reform ebenfalls gerne noch verschärft hätten. „In der geplanten Form ist die ‘Verbindlichkeit’ eine Mogelpackung, mit der allen Kindern, deren Eltern nicht das Gymnasium anstreben, ebenso wie dem differenzierten Schulsystem insgesamt weiterhin großer Schaden zugefügt wird“, schreiben Karin Broszat vom Realschullehrerverband und Ralf Scholl, Landeschef des Philologenverbands in Baden-Württemberg in einer Stellungnahme. Die Rede ist von einem Zwei-Säulen-System, mit dem Gymnasium auf der einen und einer weitgehend vereinheitlichten „Sekundarstufe“ für alle Kinder auf der anderen Seite.

In einer aktuellen Pressemitteilung des Realschullehrerverbands (RLV) heißt es erklärend: „Die Verbindlichkeit wird ausschließlich das Gymnasium betreffen, nicht aber die Realschulen. Über den Besuch einer Realschule soll nach wie vor – auch bei abweichender Grundschulempfehlung und abweichendem Testergebnis – ausschließlich der Elternwille entscheiden. Was das für die Realschulen, Haupt- und Werkrealschulen bedeutet, erleben wir seit 2012 täglich an den Schulen. Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung war ein Kardinalfehler der Bildungspolitik in Baden-Württemberg. Dass nun anlässlich der Wiedereinführung von G9 eine Verbindlichkeit von Grundschulempfehlung plus Test nur für den Übergang auf Gymnasien gelten soll, ist nicht nur für den RLV absolut unverständlich.“

In der Koalition heißt es, es gebe an der Realschule ja schon eine Orientierungsstufe, somit sei eine Grundschulempfehlung überflüssig. Nach der 6. Klasse werden die Schülerinnen und Schüler im G-Niveau oder M-Niveau unterrichtet. G-Niveau bedeutet “Grundlegendes Niveau” und führt zum Hauptschulabschluss, M-Niveau steht für “Mittleres Niveau” und führt zum Realschulabschluss.

Weitere Reformen: Sprachförderung, G9 und Medienbildung

Zur Bildungsreform der Koalition gehört außerdem ein millionenschweres Paket zur Sprachförderung an Kitas und Grundschulen ab dem kommenden Schuljahr. Kinder, die bei der Schuleinganguntersuchung noch sprachliche Probleme haben, sollen noch vor der Einschulung ein intensives Sprachtraining mit vier Stunden pro Woche bekommen. Sprechen die Kinder danach noch immer nicht ausreichend Deutsch, um eine Grundschule besuchen zu können, sollen sie ab dem Schuljahr 2026/2027 in sogenannten Juniorklassen gefördert werden. Bis zu Schuljahr 2028/2029 sollen landesweit 832 Standorte geschaffen werden. Dann wird die Sprachförderung laut Landesregierung auch verbindlich.

Mit den Maßnahmen reagiert die Regierung auf deutliche Leistungseinbrüche bei Grundschülern. Am Ende der Grundschulzeit müsse jeder die Basiskompetenzen beherrschen, sagte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). „Denn wer in den frühen Jahren zurückbleibt, wer nicht gut Deutsch sprechen kann oder wer beim Addieren und Subtrahieren unsicher ist, hat später kaum noch eine Chance, das wieder aufzuholen.“

Teil des Gesetzes ist auch die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Derzeit ist in Baden-Württemberg das achtjährige Gymnasium Standard. G9 gibt es nur als Modellprojekt an 44 staatlichen Schulen und an einigen Privatschulen. Ab dem Schuljahr 2025/2026 soll nach Willen der Landesregierung wieder das Abitur nach neun Schuljahren zum Standard werden, zunächst beginnend mit den Klassen fünf und sechs.

Das neunjährige Gymnasium soll zeitgemäß ausgestaltet werden. Das Konzept der Kultusministerin sieht etwa eine Stärkung der naturwissenschaftlichen Fächer vor. Kompetenzen im Bereich Informatik, Künstliche Intelligenz und Medienbildung sollen Schüler künftig in einem eigenen Schulfach erlernen. Zudem soll das neue neunjährige Gymnasium mehr berufliche Orientierung, mehr Demokratiebildung und auch einen stärkeren Fokus auf die Basiskompetenzen bekommen. Konkret sollen in der fünften und sechsten Klasse die Fächer Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache mit einer zusätzlichen Stunde gestärkt werden. News4teachers mit Material der dpa

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