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Aus dem Beamtenstand heraus an eine Waldorfschule – eine Lehrerin berichtet

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KÖLN. Rund 90.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland besuchen eine Waldorfschule. Aber was unterscheidet die Waldorfpädagogik von anderen und was bedeutet es, als Lehrkraft an einer Waldorfschule tätig zu sein? Lena Zech hat nach ihrem Referendariat an einer staatlichen Schule gearbeitet und ist nach einiger Zeit zur Waldorfpädagogik gewechselt. Im Interview erzählt sie von ihren Beweggründen für diesen Schritt und darüber, was das Besondere an ihrer Tätigkeit ist.

Hat sich umorientiert: Lena Zech. Foto: privat

News4teachers: Was macht aus Ihrer Sicht die Waldorfpädagogik aus?

Lena Zech: Diese Frage würde wahrscheinlich jeder, der an einer Waldorfschule tätig ist, anders beantworten. Für mich persönlich bedeutet Waldorfpädagogik, dass der Mensch als solcher gesehen wird. Die Schüler*innen werden von den Lehrkräften gesehen und das ist für mich das Allerwichtigste. Das bedeutet beispielsweise auch, dass sich die Unterrichtsinhalte bei uns am Entwicklungsstand der Schüler*innen orientieren.

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Auf der anderen Seite möchte auch ich als Mensch und als Lehrkraft gesehen werden – mit meinen Bedürfnissen z. B. nach pädagogischer Freiheit. Zudem macht für mich die Waldorfpädagogik aus, dass es einen ganzheitlichen Lernansatz gibt. Ich unterrichte die Biologieepochen der Oberstufe, die bei uns ja schon ab der neunten Klasse beginnt. Und das bedeutet zum Beispiel, dass ich im Unterricht mit den Schüler*innen viel häufiger praktisch arbeiten kann. Wenn wir in der Menschenkunde das Thema „Organbetrachtung“ durchnehmen, habe ich auch mal die Zeit, das Organ wirklich zu betrachten. Wie sieht es denn eigentlich aus? Ich kann die Schüler*innen das auch erst einmal zeichnen und als Ganzes wahrnehmen lassen, bevor ich überhaupt in die inneren Strukturen oder die Funktionen einsteige.

Ich unterrichte auch Chemie und da ist fast jede Stunde mit Versuchen gefüllt, um phänomenologisch an ein Thema heranzugehen. Ich lasse die Schüler*innen beobachten, hören und sehen, damit sie begreifen, was bei diesem Versuch passiert.  Hinzu kommen auch noch Fächer wie Eurythmie, Werken und Gartenbau, die in der Waldorfpädagogik eine große Rolle spielen sowie der Epochenunterricht.

Was Lehrkräfte an Waldorfschulen schätzen

Du bist Lehrer:in, fühlst dich aber zunehmen durch ein enges Schulkorsett frustriert? Dann orientiere dich jetzt neu! Mit deiner pädagogischen Grundlage kannst du entweder direkt loslegen oder dich zur Waldorflehrkraft weiterbilden. Welche Vorteile das bringt?

  • Du gestaltest deinen Unterricht kreativ und selbstbestimmt. Auf die Bedürfnisse deiner Schüler:innen kannst du flexibel eingehen.
  • Dein Job ist nachhaltig. Ganz nach dem Motto „Jede Stunde zählt“. Denn deine Schüler:innen werden ein Leben lang davon profitieren, dass und wie du sie begleitet hast.
  • Du erfährst Wertschätzung, du wirst an deinem Arbeitsplatz gebraucht – weil du deine Schule weiterentwickelst.
  • Du bist flexibel und nicht ortsgebunden: Waldorflehrer:innen können in ganz Deutschland, aber auch auf der ganzen Welt arbeiten.

Entkomme jetzt dem Frust!

Bund der Freien Waldorfschulen e.V.
Wagenburgstr. 6
70184 Stuttgart
Tel: +49 (0)711-21042-0
E-Mail: pr@waldorfschule.de

www.jedestundezaehlt.de/berufseinstieg/dein-seiteneinstieg/

“Ich war tatsächlich verbeamtet und bin aus dem Beamtentum auf Lebenszeit herausgegangen”

News4teachers: Sie haben an einer staatlichen Schule Biologie, Chemie und Deutsch unterrichtet. Was hat Sie dazu bewogen, an eine Waldorfschule zu wechseln?

Lena Zech: Ich war tatsächlich verbeamtet und bin aus dem Beamtentum auf Lebenszeit herausgegangen. Diesen Schritt sollte man sich gut überlegen, aber für mich war klar, dass ich im staatlichen Schulsystem nicht glücklich geworden wäre. Das hat verschiedene Gründe und ich glaube, dass das staatliche Schulsystem vielen Lehrkräften und Schüler*innen auf Dauer nicht gut tut. Das zeigt sich beispielsweise auch beim Thema Inklusion. Ich habe vorher an einer inklusiven Gesamtschule gearbeitet, mit 31 Schüler*innen in der Klasse. Davon hatten vier Kinder offiziell einen Förderbedarf, aber es gab weitaus mehr Kinder, die viel Aufmerksamkeit benötigten. Und ich hatte keine Sonderpädagog*in an meiner Seite. Wir hatten eine halbe Stelle für die ganze Schule. Ich habe mich mit der Inklusion sehr alleine gelassen gefühlt. Und ich habe ein großes Bedürfnis danach, meinen Schüler*innen individuell gerecht zu werden. Das geht in so einem System überhaupt nicht. Das hat mich auf Dauer frustriert und so musste ich einen anderen Weg wählen.

Das Beamtentum bietet viele Sicherheiten für die Zukunft und den Beruf, aber für mich war es eher eine Einschränkung. An der Waldorfschule kann ich meine Stunden reduzieren, wenn ich merke, dass ich gerade nicht so viel schaffe. Im nächsten Schuljahr kann ich dann wieder erhöhen, wenn ich das möchte. Auch wollte ich meinen Wohnort wechseln und der Personalrat sagte mir, dass ich fünf Jahre hintereinander einen Antrag stellen müsse, erst dann könne dieser nicht mehr abgelehnt werden.

News4teachers: Haben bei Ihren Überlegungen finanzielle Aspekte eine Rolle gespielt?

Lena Zech: Natürlich spielte das eine Rolle. Ich verdiene jetzt definitiv weniger als im Beamtentum oder als angestellte Lehrerin an einer staatlichen Schule. Aber, ehrlich gesagt, ist es mir das absolut wert.

Das ist auch vielleicht so ein Vorurteil gegenüber Waldorfschulen, dass die immer sehr große Klassen haben. Das ist bei uns zum Beispiel nicht so. Wir haben im Schnitt 25 Schüler*innen in der Klasse. Und da wir eine inklusive Schule sind, sind wir auch größtenteils zu zweit im Unterricht. Die zweite Person ist eine ausgebildete Lehrkraft und im besten Fall eine Sonderpädagog*in. Das kostet natürlich Geld und ich zahle dies ein Stück weit mit, aber das ist es mir wert. Denn ich glaube, dass Inklusion nur so funktioniert. Alle Schüler*innen können nur individuell gesehen werden, wenn zwei Lehrkräfte im Unterricht sind und die Anzahl der Schüler*innen minimiert wird.

News4teachers: Sie haben ca. fünf Jahre an einer staatlichen Schule gearbeitet. Wie sind Sie dann zur Waldorfpädagogik gekommen?

Lena Zech: Ich war einfach offen für ein anderes Schulsystem und habe mich ein wenig eingelesen. Ich habe an der Waldorfschule angefangen zu arbeiten und wollte das einfach mal ausprobieren. Nachdem ich dort angefangen hatte, habe ich eine einjährige Weiterbildung zur Waldorflehrerin für die Oberstufe gemacht. Nun bin ich seit fünf Jahren an dieser Waldorfschule tätig und muss sagen, dass diese Schule für mich ein echter Glücksgriff ist. Das war eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.

News4teachers: Sie haben bereits von der einjährigen Weiterbildung gesprochen. Wie wird man denn nun Waldorflehrer*in?

Lena Zech: Da gibt es unterschiedliche Wege. Es gibt Menschen, die von vornherein Waldorflehrkraft werden möchten und das Ganze dann studieren. Dann gibt es natürlich Quereinsteiger*innen wie mich.

Bei uns an der Schule ist der klassische Weg, dass man, sofern man die Voraussetzungen erfüllt, erst einmal anfängt bei uns zu arbeiten und dann im ersten oder zweiten Jahr eine entsprechende Weiterbildung macht. Ich selbst habe über einen Zeitraum von einem Jahr Blockseminare in Witten-Annen besucht. Am Ende habe ich ein Zertifikat erhalten und bin jetzt Lehrkraft für die Oberstufe an der Waldorfschule. Das ist sozusagen meine Zusatzqualifikation, weil ich bereits ein erstes und zweites Staatsexamen habe und theoretisch auch ohne Weiterbildung an der Waldorfschule hätte unterrichten können.

„Man sollte empathisch sein, den Menschen sehen und auf ihn zugehen können“

News4teachers: Welche Kompetenzen sollte man denn aus Ihrer Sicht mitbringen, wenn man Waldorflehrkraft werden möchte?

Lena Zech: Man sollte empathisch sein, den Menschen sehen und auf ihn zugehen können. All diese Softskills halte ich für unglaublich wichtig und sie gelten meiner Meinung nach für alle Lehrkräfte, nicht ausschließlich für Waldorfpädagog*innen. Als Waldorfpädagog*in braucht man eine gewisse Motivation, um sich in eine solche Schulgemeinschaft einzubringen. Das Gemeinschaftsleben an der Waldorfschule ist ganz anders als dasjenige an einer staatlichen Schule. Ich bin auch bereit, mich als Lehrkraft in Arbeitskreisen zu engagieren und mit den Eltern zusammenzuarbeiten, die sich an unserer Schule engagieren. Die Elternarbeit wird bei uns großgeschrieben. Wir sind ja eine selbstverwaltende Schule. Und das bedeutet auch, dass ich ein gewisses Maß an Verantwortung übernehmen kann oder sollte.

News4teachers: Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit als Waldorflehrerin besonders?

Lena Zech: Die pädagogische Freiheit, die ich habe. Das heißt, ich habe das Gefühl, viel mehr auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler*innen oder auch der Klasse insgesamt eingehen zu können. Wenn ich an der staatlichen Schule ein aktuelles Thema aufgreifen oder mit den Schüler*innen eine Projektarbeit machen wollte, hing mir immer der Lehrplan im Nacken und ich hatte Sorge, dass ich mit dem Stoff nicht hinterher komme. Wir haben an der Waldorfschule zwar auch Inhalte, an die wir uns halten müssen, gerade weil wir ja auch bis zum Abitur führen. Aber insgesamt habe ich mehr Freiheiten als Lehrkraft, auch mal auf das einzugehen, was gerade ansteht in der Klasse. Außerdem wertschätze ich es sehr, in einem kleinen System zu arbeiten und alle Menschen dort persönlich zu kennen.

News4teachers: Wie sieht denn Ihr Alltag als Waldorflehrerin aus?

Lena Zech: Ich bin überwiegend Epochenlehrerin für Biologie und Chemie in der Oberstufe, also ab der neunten Klasse aufwärts. Ich versuche immer, etwas früher in der Schule zu sein, um genug Zeit zum Ankommen zu haben und mich mit meinen Kolleg*innen auszutauschen. Ich bin froh darüber, dass ich im Epochenunterricht etwa vier Wochen am Stück mit den Schüler*innen intensiv in die Biologie oder Chemie eintauchen kann. An der staatlichen Schule hat man ja meist einmal die Woche für eine Doppelstunde Biologieunterricht. Als Waldorflehrkraft habe ich den Vorteil, dass die Schüler*innen im Thema drin sind, weil wir im Epochenunterricht vier Wochen am Stück jeden Tag von 10:00 Uhr bis 11:45 Uhr Biologie haben. Zudem unterrichte ich auch dieses Schuljahr einen Leistungskurs in Biologie. Nach dem Unterricht kommt dann ganz normal die Vorbereitung für den nächsten Schultag.

Ich bin auch noch Klassenbetreuerin und begleite meine Klasse durch das Schuljahr sowie bei diversen Praktika, Klassenspielen oder auf Vermessungs- und Kunstfahrt, die im Verlauf der Oberstufe anstehen. Bei diesen Fahrten kann man die Schüler*innen noch einmal ganz anders wahrnehmen.

News4teachers: Nun gibt es auch kritische Stimmen, die sagen, Waldorfpädagogik sei esoterisch oder nicht wissenschaftlich fundiert. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Lena Zech: Glücklicherweise bekomme ich in meinem Umfeld meist positive Rückmeldungen. Aber natürlich gibt es auch kritische Stimmen und ich finde es wichtig, da genau hinzuschauen und sich damit auseinanderzusetzen. Das tun wir auch innerhalb des Kollegiums an unserer Schule.

Alle Vorurteile gegenüber der Waldorfpädagogik, die ich zu Beginn vielleicht selbst hatte oder die von außen an mich herangetragen worden waren, haben sich an meiner Schule nicht bestätigt. Als Naturwissenschaftlerin kann ich sagen, dass unsere Schüler*innen zum Beispiel im Biologieleistungskurs genauso in der Lage sind, das Abitur zu machen wie andere Schüler*innen auch.

News4teachers: Was können die Schüler*innen in einer Waldorfschule lernen, was vielleicht in anderen Schulen nicht so sehr im Fokus steht?

Lena Zech: Das sind sicherlich Fächer aus dem handwerklichen und künstlerischen Bereich, also Holzwerken, Stricken, Gartenbau oder Hauswirtschaft. Diese Fächer haben bei uns genauso eine Berechtigung wie Mathematik, Deutsch und Englisch. Das heißt, unsere Schüler*innen lernen auch künstlerische oder musikalische Fertigkeiten. Außerdem bietet die Waldorfschule die Möglichkeit, sich frei entfalten zu dürfen und in der Klasse intensiv Gemeinschaft zu erleben. Das finde ich sehr wertvoll und wichtig.

„An der Waldorfschule hat man viele Möglichkeiten, als Lehrkraft selbst aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen“

News4teachers: Warum würden Sie anderen Lehrkräften empfehlen, an einer Waldorfschule zu unterrichten?

Lena Zech: An der Waldorfschule hat man viele Möglichkeiten, als Lehrkraft selbst aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Ich bin seit einigen Jahren an unserer Schule im Stundenplanteam und gestalte den Stundenplan mit. Wir haben diverse Arbeitskreise, in denen man sich engagieren kann. Dazu gehören zum Beispiel der AK Haus und Hof, Festkreis, Inklusion oder Medien. Wenn man als Waldorflehrkraft an der Tätigkeit als Schulleitung interessiert ist, kann man auch für einige Zeit ins Schulleitungsteam gehen.

Ich persönlich arbeite auch gern in kleinen Systemen und wir sind an unserer Schule etwa 40 Kolleg*innen. Ich schätze es sehr, dass ich jeden persönlich kenne und wir eine gute Gemeinschaft haben. Man trifft sich auch nach der Konferenz im Schulgarten oder zu den Monatsfeiern und anderen Festen. Nina Odenius, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.

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