BERLIN. Waldorf ist ein Phänomen: Auf der einen Seite sind die Schulen der über 100 Jahre alten Reformbewegung beliebt wie nie – auf der anderen prasseln immer wieder Vorwürfe auf die Einrichtungen ein, unlängst öffentlichkeitswirksam in der Sendung des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann (News4teachers berichtete). Wie geht der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS), der in Deutschland über 250 Schulen sowie 37 Seminare/Hochschulen zur Aus- und Weiterbildung von Waldorflehrkräften vertritt, damit um? Wir sprachen darüber mit Nele Auschra, Vorstandsmitglied und Sprecherin des Verbands.
News4teachers: Das ZDF-Magazin Royale von Jan Böhmermann hat der Waldorf-Bewegung zuletzt arg zugesetzt – mit einer Sendung, die mit Vorwürfen gespickt war. Was haben Sie für Reaktionen darauf erhalten, von außen, aber auch von den eigenen Einrichtungen?
Auschra: Thema im ZDF-Magazin Royale zu sein, ist ein Ausnahmephänomen. Wir von der Öffentlichkeitsarbeit des Dachverbands der Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen in Deutschland, dem „Bund der Freien Waldorfschulen“ (BdFWS), haben die Sendung aufmerksam verfolgt und umgehend ein Statement dazu verfasst. Die Sendung war mit zahlreichen Klischees gespickt, bot aber auch Einblicke und Details, bei denen mir das Lachen im Hals stecken blieb. Ich will hier nichts schönreden oder abwehren – wir stellen uns der Kritik und sind schon seit einiger Zeit dabei, mit unterschiedlichen Methoden unsere Schulen, Ausbildung und Pädagogik zu durchleuchten und auf den Prüfstand zu stellen. Dass wir dies tun, war uns wichtig zu kommunizieren. Mit komplexen Themen und unseren Aktivitäten, sei es zur Gewaltprävention, zur pädagogischen Forschungsarbeit oder zur Aufarbeitung von kruden Aktivitäten in der Coronazeit, lässt sich jedoch keine pointierte Story kreieren.
Die Empörung in den eigenen Reihen hielt sich in Grenzen. Im Gegenteil, die Sendung bot Anlass für Schüler:innen, sich auf den Social Media Kanälen zu äußern, zu diskutieren und ihre Perspektiven und Erfahrungen zu teilen. Wir haben Beispiele, dass die Sendung sehr kreativ genutzt wurde, u.a. für die Bearbeitung des Themas Satire im Deutschunterricht. Und es gab an mich und einzelne Schulen von Redaktionen Anfragen, die fundierter über Waldorfschulen auch jenseits der in der Sendung bedienten Vorurteile und Klischees berichten wollten und wollen.
Mit den Quereinsteigerprogrammen für Oberstufenlehrer:innen am Seminar Kassel kann ein vorhandener fachlicher akademischer Abschluss für die Unterrichtstätigkeit ausgebaut werden. Teilnehmende werden dort in 13 Intensivwochen fachdidaktisch für die Schule fit gemacht. Im Anschluss haben Sie die Möglichkeit den innovativen Lernort Waldorfschule mitzugestalten.
Waldorfschulen erreichen mit ihrem Epochenunterricht beides: Fachliche Vertiefung und Begeisterung. Dort arbeiten über drei bis vier Wochen Lernende und Lehrende täglich eine Doppelstunde im jeweiligen Fach gemeinsam. In fast allen Schulen im Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland können die staatlichen Abschlüsse bis zum Abitur erworben werden.
Quereinstieg Fachlehrer:innen an Waldorfschulen – Fortbildung Intensivkurs Oberstufe
- Mit 25 Wochen Unterrichtspraxis und 13 Wochen seminaristischer Kursphasen durchlaufen die Studierenden schulnahe fachliche und didaktische Bildungsprozesse innerhalb eines Studienjahres.
- Förderung mit Bildungsgutschein (Arbeitsagentur) möglich.
- Auf Wunsch können die Lehrveranstaltungen in einen Masterstudiengang Pädagogik mit Abschluss Master of Arts an der Alanus Hochschule Alfter integriert werden.
- Die Ausbildung kann auch berufsbegleitend über zwei Jahre erfolgen (Blockstudium Oberstufe).
Zugangsvoraussetzungen: Hochschulabschluss (Staatsexamen, Magister, Master, Diplom) in mindestens einem der Fächer Literaturwissenschaft, Geschichte, Kunstgeschichte, Biologie, Chemie, Geographie, Physik, Mathematik
Kontakt: Lehrerseminar für Waldorfpädagogik, Studienbüro: ammer@lehrerseminar-forschung.de, Tel.: 0561 207 5680
News4teachers: In der Sendung wurde dargestellt, dass die Ausbildung zur Waldorf-Lehrkraft esoterisch geprägt sei. An Ausbildungsinstituten der Waldorfpädagogik werde vermittelt, mit „Engeln zusammen zu arbeiten“, die Seele des Kindes „zu sehen“ oder aus dem Verhältnis von Kopf zu Rumpf Schlussfolgerungen über das sogenannte Temperament eines Kindes zu ziehen – wie Modulhandbüchern und Seminarbeschreibungen zu entnehmen sei. Was steckt dahinter?
Auschra: Mir zeigen solche Vereinfachungen, dass einige Grundlagen der Waldorfpädagogik sehr erklärungsbedürftig sind, und es noch nicht gelungen ist, hier eine einheitliche, dem heutigen Gebrauch adäquate Sprache zu finden. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff Engel. Er ist uns aus vielen Religionen bekannt und begleitet uns seit Jahrhunderten auch in der Kunst und Kulturgeschichte ist dies ein bedeutendes Thema, nicht nur in Europa und der jüdisch-christlichen Tradition. So wird ganz alltäglich über „Schutzengel“ gesprochen; oder Menschen haben das Gefühl, von „unsichtbarer Hand“ in einer Entscheidung oder krisenhaften Situation geleitet worden zu sein. Der Engel kann als Bild dafür genommen werden, dass der Mensch nicht nur als materielles Wesen existiert.
Das Menschenbild der Waldorfpädagogik sieht in jedem Menschen eine Individualität, die nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt, nach dem Tod ausgelöscht wird und ausschließlich durch Vererbung und Umwelt geprägt ist. Insoweit wird die Frage nach der einer Welt jenseits der materiellen offen gehalten. Wenn man also davon ausgeht, dass diese Individualität existiert, dass jeder Mensch ganz eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten mitbringt, die es zu fördern gilt, dann kann dieses Engel-Bild herangezogen werden bzw. die Frage gestellt werden, ob man mit „den Engeln zusammenarbeiten“ könne, um dem jungen Menschen bestmöglich bei seiner Entfaltung zu helfen. Und genau so, nämlich als Frage, ist das Thema in der von Böhmermann und Co herangezogenen Quelle formuliert (es handelte sich dabei um eine Unterrichtseinheit an einem berufsbegleitenden Seminar für Waldorfpädagogik).
Es geht nicht darum, dass solche Überlegungen als Fakten vermittelt werden, oder Lehrer:innen die Seele des Kindes sehen sollen, geschweige denn aus der Kopf- oder Rumpfform persönlichkeitspsychologische Merkmale erkennen sollen, sondern es geht darum, Lehrer:innenhandwerkszeug wie Empathie und Einfühlungsvermögen zu üben, sowie eine gewisse Ehrfurcht vor dem jungen Menschen mit dem wir es in der Schule zu tun haben. Letztlich ringt in diesen Dingen die Waldorfpädagogik mit der großen, und zum Glück nie vollständig zu beantwortenden Frage: Was ist der Mensch?
News4teachers: Ein weiterer Vorwurf: Für einige Lehrkräfte von Waldorf-Einrichtungen sei die Ausbildung an einer anthroposophischen Hochschule nicht nur eine Zusatzausbildung, sondern die einzige pädagogische und fachliche Ausbildung, die sie hätten. Ist das so richtig?
“Wir vermitteln Kindern und Jugendlichen Zukunftskompetenzen für ein gelingendes Leben in einer sich ständig wandelnden Welt, wo Wissen recherchierbar ist und in hohem Maß kreative Flexibilität und Agilität gefordert wird”
Auschra: Das stimmt so nicht. Fakt ist, dass Lehrer:innen an Waldorfschulen durch die jeweilige Aufsichtsbehörde des Bundeslandes genehmigt werden müssen. Der Genehmigung liegen je nach Bundesland unterschiedliche Kriterien zugrunde, anhand derer die im Art. 7 des Grundgesetzes geforderte Gleichwertigkeit der Ausbildung anerkannt wird. Lehrkräfte an Waldorfschulen haben also entweder eine staatliche Lehrbefähigung oder eine durch einen staatlich akkreditierten Studiengang erworbene Waldorf-Lehrbefähigung (MA Waldorfpädagogik). Als Quereinsteiger haben sie einen fachlichen (Hochschul-)Abschluss plus einer pädagogischen Weiterbildung. Letztere kann berufsbegleitend oder in Vollzeit an Waldorfpädagogik-Seminaren erworben werden, die alle Mitglied im BdFWS sein müssen, um anerkannt zu sein. Natürlich erbitten wir auch von staatlich ausgebildeten Lehrkräften eine waldorfpädagogische Zusatzqualifikation.
News4teachers: Wie gehen Sie mit der historischen Person Rudolf Steiners um? Ein Vorwurf lautet ja: In der Waldorf-Bewegung werde Steiners Lehre – die auch rassistische Passagen enthält – unreflektiert als eine Art Heilslehre betrachtet… Gibt es denn genug kritische Distanz und Aufarbeitung der Person Steiners in der Waldorfbewegung?
Auschra: Da würde ich gerne als erstes klarstellen, dass Anthroposophie keine Lehre ist und auch kein Unterrichtsthema. Sie will vielmehr Anregung zur persönlichen Weiterentwicklung der Lehrpersonen geben. Die Aufmerksamkeit und das Interesse auf Phänomene jenseits der materiellen Welt zu lenken und die seelisch-geistigen Zusammenhänge in die Betrachtung der Welt mit einzubeziehen ist ein wichtiges Element hierbei. Einige Grundlagenwerke Rudolf Steiners behandeln zutiefst philosophisch die Frage nach den Grenzen der Erkenntnis! Andere beschäftigen sich mit menschenkundlichen Aspekten, die helfen können, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung besser zu verstehen. Insgesamt wird in den Schriften und Vorträgen die Frage nach der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen behandelt. Eine nach wie vor aktuelle und heute – siehe die Entwicklungen in dem Bereich der Künstlichen Intelligenz – entscheidende Frage.
An unseren Ausbildungsstätten wünschen wir uns eine kritische und zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Werk Steiners und den Konsequenzen, die aus anthroposophischen Betrachtungen für die pädagogische Praxis heute gezogen werden können. Seit über 20 Jahren stehen unsere Hochschulen dazu in Austausch mit erziehungswissenschaftlichen Institutionen.
An unseren Verband ist eine pädagogische Forschungsstelle angegliedert. In zahlreichen Projekten werden Unterrichtsinhalte, Didaktik und Methodik empirisch beforscht, Materialien für die Praxis entwickelt und ganze Lehrplanabschnitte immer wieder angepasst und modernisiert – zurzeit geschieht dies z. B. mit dem Rahmenlehrplan für den Geschichtsunterricht in der Mittelstufe.
Ich spreche mich zusammen mit meinen Vorstandskolleg:innen klar dafür aus, Steiner als historische Person zu sehen und sein Werk würdigend, aber dennoch kritisch-historisch einzuordnen. Das ist notwendig, um seine wenigen – aber eben vorhandenen – rassistisch diskriminierenden Äußerungen einzuordnen und sich klar davon zu distanzieren, ohne seinen zutiefst humanistischen Standpunkt aus dem Blick zu verlieren, der sein Werk durchzieht. Der Kern der Steinerschen Sichtweise ist immer das Individuum, jenseits aller Gruppen oder Nationen.
In diesem Sinne arbeitet auch die Redaktion der vom BdFWS herausgegebenen „Erziehungskunst“, einer pädagogischen Zeitschrift für Eltern. Und unsere Tagungen für und von Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen thematisieren diese Auseinandersetzung in einem offenen Diskurs.
News4teachers: Das Thema Rassismus ist für Waldorf auch deshalb heikel, weil manche Einrichtungen offenbar von rechtsextremen Gruppen unterwandert wurden, wie der Bund der Freien Waldorfschulen selbst schon früher eingeräumt hat. Zuletzt gab es solche Vorwürfe auch im Zusammenhang mit der Coronaleugner-Szene. Wie gehen Sie damit um?
Auschra: Richtiggehend unterwandert wurden Waldorfschulen bislang nicht. Aber es gibt immer wieder Fälle, dass einzelne Menschen (Lehrkräfte, Mitarbeiter:innen oder Eltern) antidemokratisches Gedankengut vertreten. Dies geschieht in den meisten Fällen verdeckt. In einer weitgefassten internen Kommunikations- und Aufklärungskampagne haben wir – beginnend 2015 – Informationsmaterialien erstellt, führen Veranstaltungen und Vorträge zum Thema durch und kooperieren mit entsprechenden Anlaufstellen, um die Schulgemeinschaften für diese Thematiken zu sensibilisieren.
Im Vergleich zu staatlichen Schulen besteht bei Schulen in freier Trägerschaft die Möglichkeit, dass Menschen mit solchen, meist nicht offen kommunizierten Haltungen, verantwortliche Positionen einnehmen. Letztlich stehen dann vereins- oder arbeitsrechtliche Fragen im Raum, die die Schulverantwortlichen (Gremien aus Lehrkräften und Eltern) dann als Schulträger selbst lösen müssen. Der Dachverband bietet dabei Unterstützung, kann jedoch nicht der Akteur sein. Weshalb uns als letztes Mittel bleibt, bei offensichtlichem Fehlverhalten eines Schulträgers ein Verfahren zum Ausschluss aus dem Verband einzuleiten.
News4teachers: Ein weiterer Vorwurf lautet: Übergriffe durch Lehrkräfte seien an Waldorfschulen teils über Jahre unentdeckt geblieben. Wird Gewalt an Waldorf-Einrichtungen vertuscht?
Auschra: Wann immer in sozialen Gemeinschaften ein Machtgefälle existiert – und dazu gehören selbstverständlich alle Schulen oder auch Kindergärten – besteht die Gefahr, dass missbräuchliches Verhalten aufkommt. Dadurch wird Vertrauen massiv geschädigt, es können auch bei nur mittelbar Beteiligten extreme Emotionen aufkommen und diese bedrohen jede Gemeinschaft. Ich bezweifle, dass in solch einer Situation eine Waldorf-Einrichtung anders reagiert als andere Einrichtungen. Wir glauben daher, dass es absolut nötig ist, dass in jeder Einrichtung ganz klare Richtlinien vorliegen, wie in einem Verdachtsfall zu reagieren ist.
Seit letztem Jahr muss jede Waldorfschule ein Schutzkonzept zur Gewaltprävention erarbeitet haben. Wir begleiten unsere Mitglieder engmaschig mit Materialien, Foren und Eins-zu-eins-Betreuung. Außerdem haben wir eine Anlaufstelle eingerichtet. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass in den meisten Fällen inzwischen sehr professionell mit Verdachtsmomenten umgegangen wird. Vertuschung sollte nicht mehr möglich sein, in einem standardisierten und transparenten Verfahren ist für alle Beteiligten Aufklärung und Aufarbeitung gesichert.
“Natürlich vermitteln Lehrkräfte an unseren Schulen den gleichen Lernstoff wie andere Schulen, da am Ende für unsere Schüler:innen ein ganz normaler staatlicher Schulabschluss steht”
News4teachers: Trotz solcher Berichterstattung wie der von Böhmermann: Waldorf ist als pädagogische Bewegung höchst erfolgreich. Ihre Einrichtungen haben keine Probleme, genügend Schülerinnen und Schüler zu bekommen. Was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür?
Auschra: Zuletzt hat eine Untersuchung ergeben, dass 85 % der Menschen in Deutschland glauben, dass Schulen nicht gut auf das Leben vorbereiten. Genau das ist ja das Kernanliegen der Waldorfpädagogik: jedem Kind die Entfaltung seiner Potenziale zu ermöglichen. Eigenschaften wie Kreativität, sozialer und ökologisch bewusster Umgang mit Umwelt und Mitmenschen, Selbstständigkeit und Handlungskompetenz werden daher intensiv gefördert. Wir vermitteln Kindern und Jugendlichen Zukunftskompetenzen für ein gelingendes Leben in einer sich ständig wandelnden Welt, wo Wissen recherchierbar ist und in hohem Maß kreative Flexibilität und Agilität gefordert wird. Dieses Kernanliegen scheint Eltern bei der Schulwahl für ihre Kinder mehr denn je zu überzeugen.
News4teachers: Privatschulen – ein Vorwurf, der nicht nur Waldorf trifft – tragen angeblich zur Segregation der Gesellschaft bei, weil sozial starke Familien dort unter sich bleiben. Was entgegnet Sie dem?
Auschra: Zunächst sollte man in dem Zusammenhang die zahlreichen Studien berücksichtigen, die dem gesamten deutschen Schulwesen eine Segregation nach Einkommen und Bildung der Eltern vorwerfen, da es zu früh und nach oft eher subjektiven Kriterien in Schulformen separiert. Gleichwohl sollten wir an dieser Stelle ehrlich feststellen, dass Schulen in freier Trägerschaft, die nicht auskömmlich vom Staat finanziert werden und deshalb in der Regel von den Eltern einen Beitrag zum Schulbetrieb einfordern müssen, nicht den Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Genauso wenig wie beispielsweise ein Gymnasium.
Bei Waldorfschulen kommt hinzu, dass die Pädagogik von der Norm abweicht, Eltern also genau dies für ihr Kind wollen müssen. So wissen wir aufgrund einer in den 2010er Jahren durchgeführten Studie unter Waldorfeltern in Deutschland, dass sie zwar überdurchschnittlich gebildet sind, jedoch nach Einkommen betrachtet durchaus dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen. Selbst wenn freie Schulen also öffentlich auskömmlich refinanziert würden, was eine unserer Forderungen ist, würde die Waldorfschule vermutlich leider immer noch nicht eine Schule für alle sein – was ihre ursprüngliche Intention war. Uns ist dies bewusst, und so gibt es auch einige sozial-integrative, interkulturelle Ansätze an Waldorfschulen – zum Beispiel in Mannheim, Leipzig, Berlin, Hamburg – und entsprechend aufbereitetes pädagogisches Material.
News4teachers: Den Lehrkräftemangel bekommen Sie allerdings ebenfalls zu spüren. Auch Waldorf-Schulen suchen Lehrerinnen und Lehrer. Warum sollte sich eine Lehrkraft dafür entscheiden, an einer Waldorfschule zu arbeiten – und nicht an einer staatlichen?
Auschra: Ich habe vorhin von unserem Kernanliegen gesprochen. Natürlich vermitteln Lehrkräfte an unseren Schulen den gleichen Lernstoff wie andere Schulen, da am Ende für unsere Schüler:innen ein ganz normaler staatlicher Schulabschluss steht. Sie haben aber auch die Chance, aufgrund unseres weit gefassten und gleichzeitig in die Tiefe gehenden Rahmenlehrplans situativ mit ihrer Klasse zu arbeiten.
Themen können vertieft vermittelt oder im Laufe des Schuljahres Querverbindungen zwischen den Hauptfächern hergestellt werden: In den Klassen 1 bis 6 oder bis 8 unterrichtet eine Lehrkraft alle Hauptfächer, jeweils in etwa dreiwöchigen Epochen jeden Tag 2 Stunden. Dazu kommen Fächer und Praktika, die es an anderen Schulen in der Regel nicht gibt: Gartenbau, Vermessungspraktikum, Landbau- und Forstwirtschaftspraktikum, Sozial- und Handwerkspraktikum. Außerdem sehr viele künstlerisch-handwerkliche Angebote, die auch in den täglichen Epochenunterricht integriert sein können – künstlerisch den Unterricht zu gestalten in dem Sinne, dass man sich als sich ebenfalls entwickelnde und lernende Person in den Prozess mit seinen Schüler:innen begeben kann – das sind Pluspunkte, die für eine Tätigkeit an einer Waldorfschule sprechen. Übrigens auch die Möglichkeit, ein familienfreundliches Teilzeit-Arbeitsverhältnis zu vereinbaren. Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.
