BONN. Das deutsche Bildungssystem wird in der Bevölkerung immer schlechter bewertet. Derzeit sind nur noch 49 Prozent der Meinung, das Bildungssystem sei alles in allem sehr gut oder gut, wie eine repräsentative Allensbach-Umfrage für die Deutsche Telekom Stiftung ergab. 2020 waren es 56 Prozent, 2018 sogar 70 Prozent.
Noch kritischer als die Bevölkerung insgesamt bewerten die Eltern schulpflichtiger Kinder den derzeitigen Zustand des Bildungssystems. Nur 45 Prozent von ihnen ziehen eine positive Bilanz, 49 Prozent äußern sich kritisch. Eltern mit Grundschulkindern bewerten sogar zu 55 Prozent den momentanen Zustand des Bildungssystems negativ.
Dabei schreiben die Deutschen dem Bildungssystem mit die größte Bedeutung für die Zukunft des Landes und auch für die Demokratie zu. Rund 77 Prozent der Bevölkerung nennen ein hervorragendes Bildungssystem als besonders wichtig für die Zukunft des Landes. Einen höheren Wert mit 79 Prozent hat nur die Ausbildung von genügend Fachkräften. In den ostdeutschen Bundesländern sind sogar 84 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der Meinung, ein gutes Bildungssystem sichere Deutschland langfristig gute Perspektiven. Im Westen sagen das 76 Prozent. Darüber hinaus erhalten Themen wie bezahlbarer Wohnraum, ein leistungsfähiges Gesundheitssystem und die geregelte Zuwanderung hohe Zustimmungswerte.
„Das kritische Gesamturteil hängt auch damit zusammen, dass die Vorstellungen der Bürger, was ein gutes Bildungssystem ausmacht, außerordentlich ambitioniert sind“
„Die Vorstellungen der Bevölkerung, wovon die Zukunft des Landes vor allem abhängt, sind in weiten Teilen seit Jahren stabil. Das gilt insbesondere für die Bedeutung, die einem ausreichenden Reservoire qualifizierter Fachkräfte und insgesamt einem hervorragenden Bildungssystem zugeschrieben wird. Seit Jahren bewegt sich der Anteil, der diese Faktoren für zukunftsentscheidend hält, in der engen Bandbreite zwischen 77 und 83 Prozent“, so heißt es in der Studie.
Und weiter: „Zugenommen hat jedoch die Bedeutung, die der Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland beigemessen wird. Auch wenn dieser Aspekt nach wie vor nur von einer Minderheit als zukunftsentscheidend eingestuft wird, hat sich dieser Kreis in den letzten Jahren deutlich vergrößert. 2015 hielten nur 27 Prozent die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland für eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung einer guten Zukunft des Landes, 2017 sogar nur 25 Prozent, aktuell sind es 39 Prozent. Die anhaltende öffentliche Debatte über dieses Thema zeigt hier Wirkung. Der Bevölkerung wird zunehmend bewusst, dass der Fachkräftemangel in Zeiten geburtenschwacher Jahrgänge und dem gleichzeitigen altersbedingten Ausscheiden der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge aus dem Berufsleben nicht allein mit der Ausbildung qualifizierter Fachkräfte aus dem eigenen Land aufgefangen werden kann.“
Mit überwältigender Mehrheit (90 Prozent) sind die Befragten der Meinung, dass ein gutes Bildungssystem für die Demokratie von immenser Bedeutung ist. Entsprechend einig sind sie sich darin, dass Bildung auf die Agenda der politisch Verantwortlichen gehört: 94 Prozent finden, das Thema sollte in der Politik einen sehr hohen/hohen Stellenwert haben. Das dies so ist, bezweifeln die Bürgerinnen und Bürger allerdings: 80 Prozent sind der Auffassung, dass sich die Politik nicht ausreichend um Bildungsfragen kümmert.
„Das kritische Gesamturteil hängt auch damit zusammen, dass die Vorstellungen der Bürger, was ein gutes Bildungssystem ausmacht, außerordentlich ambitioniert sind“, so schreiben die Allensbach-Forscher*innen.
Heißt konkret: „In den Vorstellungen der Bevölkerung, was ein gutes Bildungssystem leisten sollte, stehen gleiche Bildungschancen für alle Kinder an der Spitze, gefolgt von gut ausgebildetem Fachpersonal und einer guten Ausstattung der Bildungseinrichtungen sowohl mit Lehrmitteln als auch mit technischen und digitalen Geräten. 91 Prozent fordern, dass ein gutes Bildungssystem unbedingt gleiche Bildungschancen für alle Kinder sicherstellen muss; 81 Prozent halten gut ausgebildetes Fachpersonal für unabdingbar in einem guten Bildungssystem, 80 Prozent eine gute Ausstattung mit Lehr- und Lernmitteln sowie nahezu ebenso viele eine gute technische bzw. digitale Ausstattung. Auf den nächsten Rängen folgt der Anspruch, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche einen Schulabschluss machen sollten, die Vermittlung von Allgemeinbildung, verpflichtende Deutschkurse für ausländische Kinder, eine gute Vorbereitung auf das Berufsleben, die Erwartung, dass die Schulgebäude in einem guten Zustand sind, Lehrer sich mit moderner Technik und digitalen Medien auskennen, und es im gesamten Bundesgebiet einheitliche Standards, z. B. bei Abschlussprüfungen, gibt. Zwischen 70 und annähernd 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger halten diese Merkmale in einem guten Bildungssystem für unabdingbar.“
Eltern von Schulkindern nennen alle Anforderungen sogar noch häufiger als die Bevölkerung insgesamt. Die Vorstellungen, was ein gutes Bildungssystem leisten sollte, ist bei ihnen also deutlich ambitionierter. Dies gilt besonders ausgeprägt für die Vorstellung, dass in einem guten Bildungssystem pädagogische Berufe attraktiv sein müssen. Während dies 53 Prozent der Gesamtbevölkerung von einem guten Bildungssystem erwarten, sind es unter den Eltern von Schulkindern 68 Prozent.
Die Wirklichkeit hält diesen Wünschen kaum stand. Nur 25 Prozent glauben beispielsweise, dass es derzeit in Deutschland gelingt, allen Kindern gute Bildungschancen zu geben. Deutlich wird in der Umfrage auch, dass diejenigen mit hohem sozioökonomischen Status die eigene Bildungskarriere für ihren Lebensweg spürbar positiver wahrnehmen als diejenigen mit sozioökonomisch niedrigerem Status. „Umso wichtiger ist es, dass wir in Deutschland noch mehr Anstrengungen unternehmen, um allen Kindern und Jugendlichen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen“, fordert Stiftungsgeschäftsführer Jacob Chammon.
An einigen Stellen werden in der Umfrage Unterschiede zwischen Ost und West deutlich. So bewerten insgesamt 57 Prozent die Vermittlung von MINT-Kompetenzen als unabdingbar für ein leistungsfähiges Bildungssystem. 70 der Ostdeutschen sehen das so, aber nur 54 Prozent der Westdeutschen. „Das haben wir als MINT-Stiftung natürlich mit besonderem Interesse registriert“, kommentiert der ehemalige Bundesinnen- und verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), Vorsitzender der Telekom Stiftung. „Der Ost-West-Unterschied erklärt sich historisch. Der Gesamtwert allerdings hat Luft nach oben. Er belegt erfreulicherweise, dass wir strategisch richtig unterwegs sind, weil wir das MINT-Lehren und Lernen so verändern wollen, dass mehr junge Menschen Zugang zu diesen Fächern finden.“
“45 Prozent interessieren sich begrenzt für Bildungsthemen, 26 Prozent praktisch überhaupt nicht”
Auch zu Leistungsvergleichs-Studien haben die Meinungsforscherinnen und -forscher die Menschen gefragt: 67 Prozent der Bevölkerung und sogar 71 Prozent der Eltern mit Schulkindern finden Vergleichstests wie PISA gut. Allerdings bezweifelt die Mehrheit, dass solche Untersuchungen Schule und Unterricht besser machen. „Die Ergebnisse zeigen eine erfreuliche Offenheit vor allem der Eltern für die Erhebung von Daten zur Schul- und Unterrichtsentwicklung“, so Jacob Chammon. „Hier liegt aus unserer Sicht ein großer Hebel zur Transformation des Schulsystems. Es geht nun darum, zu zeigen wie die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen auf der Grundlage von Daten und sogar KI-Anwendungen besser gelingen kann. Dazu gehören auch gute Qualifizierungen und Werkzeuge für Lehrkräfte und Schulleitungen.“
Allerdings stellen die Meinungsforscherinnen und -forscher auch fest: „Trotz der großen Bedeutung, die der Bildung für die Zukunft des Landes wie auch für die individuelle Zukunft zugeschrieben wird, interessieren Bildungsthemen die große Mehrheit höchstens eingeschränkt. 45 Prozent interessieren sich begrenzt für Bildungsthemen, 26 Prozent praktisch überhaupt nicht. Dieser Anteil ist in den vergangenen 20 Jahren signifikant angestiegen: 2004 gaben 19 Prozent zu Protokoll, dass sie sich für Bildungsfragen kaum oder gar nicht interessieren, 2007 und 2018 jeweils 21 Prozent, jetzt 26 Prozent. Lediglich rund jeder Vierte bekundet ausgeprägtes Interesse.“ News4teachers / mit Material der dpa
Hier geht es zum vollständigen Ergebnisbericht.
