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Bürgerrat Bildung und Lernen fordert: „Wissensdurst wecken durch individuelles, lebensnahes Lernen!“

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LEIPZIG. Mit deutlichen Worten und klaren Forderungen ist die siebte und finale Sitzung des Bürgerrats Bildung und Lernen in Leipzig zu Ende gegangen. Unter dem Motto „Wie viel Freiheit braucht das Lernen?“ hatten die 120 Teilnehmenden aus der gesamten Gesellschaft – darunter auch zahlreiche Kinder und Jugendliche – an zukunftsweisenden Empfehlungen für das deutsche Bildungssystem gearbeitet. Mit großer Mehrheit plädierten sie für eine stärkere Individualisierung des Lernens und mehr Praxisbezug bei den Inhalten.

Der Bürgerrat diskutierte zwei Tage lang engagiert. Foto: Mira Mikosch / Montag Stiftung Denkwerkstatt

Eine der zentralen Forderungen, die mit 95 Prozent Zustimmung verabschiedet wurde, lautet: „Wissensdurst wecken durch individuelles, lebensnahes Lernen“. Sebastian, ein 16-jähriger Bürgerrat aus München, brachte die Motivation hinter dieser Empfehlung auf den Punkt: „Man lernt in der Schule viel zu wenig fürs Leben. Dabei geht es um Dinge wie: Wie bewerbe ich mich auf einen Job? Wie suche ich eine Wohnung? Und was gehört eigentlich dazu, wenn ich mein Leben selbst organisieren muss?“ Die Bürgerräte fordern daher die Einführung von Wahlpflichtfächern zu Themen wie Finanzen, Gesundheit oder Recht, um Kinder und Jugendliche besser auf das Leben vorzubereiten.

Im Bereich der frühkindlichen Bildung erhielt die Empfehlung „Spielerischer, interaktiver Erwerb der deutschen Sprache“ die größte Mehrheit. Insgesamt 86 Prozent stimmten „voll“ oder „eher“ zu. Auch bei den jungen Bürgerräten, die separat über die Empfehlungen abstimmten, war die Mehrheit für diese Forderung.

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Der Bürgerrat besteht aus per Zufallsauswahl eingeladenen Bürgerinnen und Bürgern aus ganz Deutschland. Foto:

Eine Empfehlung aus dem Bereich der beruflichen Bildung lautet „Berufliche Perspektiven für Jugendliche ohne Schulabschluss“ schaffen. Dafür sprachen sich rund 87 Prozent der Anwesenden aus. „Wir wollen die Hürden für den Berufseinstieg senken“, sagt die Bürgerrätin Heidrun Sass-Schreiber, die sich in ihrer Diskussionsgruppe intensiv mit beruflicher Bildung auseinandergesetzt hatten. „Wir finden, die Möglichkeiten zur Teilqualifizierung müssen ausgebaut und stärker anerkannt werden. Das heißt, dass auch in Modulen erworbene Kompetenzen in Zertifikaten für einen späteren Berufsabschluss angerechnet werden.“

Junge Stimmen verändern die Dynamik

Besonders prägend für die Arbeit des Bürgerrats war die Einbindung von jungen Menschen, die direkt von den Bildungsthemen betroffen sind. Felix Voss, Bürgerrat aus Leipzig, hatte in einer Pressekonferenz vorab die Bedeutung dieser Perspektive betont: „Dass Schülerinnen und Schüler mit am Tisch sitzen, verändert die Dynamik doch sehr. Die, über die wir sprechen, sind halt mit dabei und direkt betroffen – das verändert die Perspektive.“

Ronja, Schülerin aus Jena, äußerte sich kritisch über die mangelnde Mitsprache in Schulen: „Lehrer stellen sich oft über die Schüler, es gibt kaum echte Mitsprache. Wichtig ist für mich, dass wir mehr fürs Leben lernen – nicht nur das, was man später nicht mehr braucht.“ Sie plädierte für ein individuell angepasstes Lernen, das auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingeht.

Für Sebastian aus München ist die hohe Belastung durch Prüfungen ein zentrales Problem: „Wenn vier Klassenarbeiten in einer Woche geschrieben werden, kommen Schülerinnen und Schüler an ihre Grenzen. Irgendwas läuft da falsch.“ Er forderte, den Druck im Schulalltag zu reduzieren, um die mentale Gesundheit der Lernenden zu schützen.

Bildung als Fundament der Gesellschaft

Gesine Großert, als Vorsitzende des StadtSchülerRats Leipzig Gast bei der Sitzung, wies darauf hin, dass die Belange von Kindern und Jugendlichen oft zu kurz kommen: „Uns fehlt die Lobby. Wir dürfen nicht wählen, haben keine Wirtschaftskraft – deshalb hört keiner auf uns. Dabei ist Bildung die Basis für alles, was danach kommt: die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik.“ Großert fordert, dass Schule ein Ort wird, an dem sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen.

Ein weiteres Anliegen war die Neuausrichtung des Unterrichts. Matthieu Hoffmann, stellvertretender Vorsitzender des LandesSchülerRats Sachsen (und ebenfalls bei der Sitzung zu Gast), erklärte: „Wir wünschen uns, dass die Lehrpläne entschlackt werden und sich mehr auf das spätere Leben beziehen.“ Diese Forderung spiegelt sich auch in den Empfehlungen des Bürgerrats wider.

Einfluss auf die Politik und weitere Schritte

Die Arbeit des Bürgerrats endet nicht mit der Verabschiedung der Empfehlungen. Sabine Milowan, Leiterin der Montag Stiftung Denkwerkstatt und Vorsitzende des Bürgerrats-Planungsteams, erklärte: „2025 wird das Jahr der Kommunikation. Wir möchten die Empfehlungen mit Schulleitungen, Kultusministerien und anderen Fachleuten diskutieren.“ Die Vorschläge sollen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern auf politischer Ebene übergeben werden.

„Doch es reicht nicht, die Empfehlungen einfach nur zu verabschieden und zu übergeben – wichtig ist der inhaltliche Austausch auf unterschiedlichen Ebenen, zum Beispiel mit Schulleitungen, mit Fachverwaltungen und Kultusministerien“, sagte Sabine Milowan. „Das Ziel ist es, dass Vorschläge des Bürgerrats auch umgesetzt werden.“

Bereits in der Vergangenheit konnte der Bürgerrat Erfolge verzeichnen. Im Juni 2023 wurden 15 Empfehlungen an die Präsidentin der Kultusministerkonferenz übergeben. Die jetzt verabschiedeten 21 Forderungen sollen das deutsche Bildungssystem weiter modernisieren und Chancengerechtigkeit fördern.

Hintergrund: Der Bürgerrat Bildung und Lernen

Der Bürgerrat Bildung und Lernen wurde 2020 von der Montag Stiftung Denkwerkstatt ins Leben gerufen. Mehr als 700 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger bilden einen Querschnitt der deutschen Gesellschaft. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Integration junger Menschen: Mehr als 250 Schülerinnen und Schüler brachten in Schulwerkstätten ihre Perspektiven ein. Ziel des Bürgerrats ist es, die Politik durch klare Empfehlungen zum Handeln zu bewegen. News4teachers

www.buergerrat-bildung-lernen.de

Bürgerrat Bildung und Lernen: Was normale Menschen sich für Kita und Schule wünschen (wenn sie sich intensiv damit beschäftigen)

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